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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-23 · Heft 39 (23.9.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 39 (23.9.1892)
Date
1892-09-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Kniper, rückhaltloses Lob zu spenden. Ein solches hat er aber dieses Mal durch sein Auftreten gegen die antisemitische Bewegung, welche, wie es scheint, auch hier heimarhberechtigt zu werden wünscht, reichlich verdient. Er sagt nämlich im „Standaard": „Die Bewegung, welche unter den Bewohnern von Oldenzaal gegen die daselbst wohnenden Juden entstanden ist, gereicht unseren: Lande nicht zur Ehre. Der 'Antisemitismus, der in Rußland, Oesterreich, Frankreich und Deutschland aus lokalen und nationalen Verhältnissen vielleicht zu erklären ist, ist tu unserem Lande in keiner Weise gerechtferligt. Von irgend einem» durch die Inden auf die Bevölkerung ausgeübten Druck kann bei uns! keine Rede sein. Und wem: die Juden hier zu Lande auf den Geldmarkt, die Presse und die Politik einen Einfluß haben, der in keinem' Verhältnis; zu ihrer Anzahl steht, so ist dies ebenso die Folge ihrer Energie und ihres Fleißes, wie der Lauheit und Zerfahrenheit eines Theils der sogenannten christlichen Bevölkerung. Dürfen wir auch von unserm Standpunkt aus vor den in mancher Hinsicht bedenklichen Folgen, welche dieser überwiegende jüdische Einfluß auf uns haben kann, die 'Augen nicht verschließen, so darf dagegen nie anders als mit den Waffen des Geistes gekämpft werden Für eine feindselige Gesinnung ist bei uns kein Raum, und überdies wäre es ein Schandfleck für unser nationales Gnstrecht, wenn Tumulte, wie sie die Bürgerschaft von Oldenzaal erfahren, anderswo Nachfolge finden würden." So sprach Kuiper, auf dogmatischem Gebiet der Verehrer und Gesinnungsgenosse Stöckers. Rußland. — Warschau, 20. September. Für die Frage, in welchem Maße Rußland sich selbst schädigt dadurch, daß es die Juden und namentlich die jüdischen Kaufleute aus dem Kreise ihrer bisherigen Thätigkeit herausreißt, ist mittheilenswerth, was der österreichische Generalkonsul in Warschau in seinen: jüngsten Bericht über die schwierige Lage der Industrie in Russisch-Polen sagt. Nach Aufzählung anderer ungünstiger Einflüsse fährt der Generalkonsul fort: „Dazu kam, daß der Absatz der polnischen Waare auch durch die 'Ausweisung der Juden aus Centralrußland beeinträchtigt wurde, indem der Jude, dieses wichtige Bindegeld zwischen Produzenten und Konsumenten, der unentbehrliche Vermittler bei jedem Handelsgeschäfte in Rußland, plötzlich fehlte, ohne daß ein Ersatz dafür zu finden wäre. In erster Linie wurden durch diese Maßregel allerdings die Moskauer Industriellen selbst getroffen, die jetzt in direkten Verkehr mit den Abnehlnern trete:: mußten. Da aber die großen Moskauer Manufakturen zu diesem Behufe in Warschau allein 12—15 Engroslager neu errichteten, ward auch den Polen der 'Absatz erschwert u. s. w." 'Auch für die schlimme Lage der Landwirthschaft iu Polen ist es von schwerwiegenden: i Einfluß, daß „die jüdischen Gutsbesitzer eher zum Losschlagen als zum Erwerben von Gütern geneigt sind". Verdenken kann man's ihnen wahrlich nicht. Türkei. * Damaskus, lo. September. Abermals ist hier der ruchlose Versuch gemacht worden, das Blutmärchen aufzufrischen. Mehrere elende Gesellen, die unbekannt geblieben sind, brachten am frühen Morgen einen Christenknaben in das Haus des Herrn Atti«>, eines der Notabeln der hiesigen jüdischen Gemeinde. Die Hausbewohner lagen noch in tiefem Schlafe, als die Schurken die Gelegenheit benutzten, durch eine offenstehende Thür, die ein nachlässiger Diener offen gelassen hatte, ihren teuflischen Plan auszuführen. Sobald sie das Kind in den Hausflur geschobeu hatten, verschlossen sie die Thür und verschwanden. Eine Stunde später schon war das griechische Viertel in Aufruhr; man suchte das Kind und beschuldigte die Juden öffentlich, dasselbe entführt zu haben, um es zu „rituellen Zwecken" zu schlachten. Die Rädelsführer wußten nun nichts Eiligeres zu thun, als das Gerücht zu verbreiten daß man das Kind im Attie's Hause finden würde. Sofort wurde das Haus erstürmt, die Thür erbrochen und die Bewohnerschaft mißhandelt. Mau fand auch bald das Kind, welches ruhig im Garten saß und ein Stück Brod verzehrte. Glücklicherweise sind Herr Attie und seine Familie französische Unterthanen und stehen bei der Bevölkerung in hohem Ansehen; wer weiß, was sonst mit ihnen geschehen wäre? Tie Auffindung des Kindes und seine 'Angaben hielten die Eltern desselben jedoch nicht zurück, gegen die Familie Attw die Anklage wegen Entführung aus böswilliger Absicht zu erheben. Das Gericht wies jedoch die Anklage zurück. Diese Umtriebe beweisen, welchen furchtbaren Haß die Christen hier gegen die Juden nähren. Ion Nah und Fern. Herr Dr. pliil. Hermann Bloch ist zun: Mitarbeiter an den Nonumenta Germaniae liistorica ernannt worden. — Vor einigen Tagen gab der französische Antisemit Achille Plista, Mitarbeiter de: Drurnont'schen „Libre Parole", in einer Versammlung des Berliner! Antisemitenbundes eine Gastrolle. Nach der „Staatsbürger-Zeitung" war der Inhalt seiner Rede ein „geradezu überwältigender". — In Cüst r in hat Dr. Paul Förster am vorigen Donnerstag seine übliche Rede ge halten. Ueber die Höhe des Eintrittsgeldes liegt uns keine Mittheilung vor. — Bei der im Kölner Gürzenich-Saale stattgehabten Ausstellung kunstgewerblicher Erzeugnisse wurden die Leistungen des Dekorations malers und Anstreichers, Herrn S. Cohn in Köln, durch ein Ehren diplom prämiirt. — An der Seesener Jacobson schule (berechtigt: Realschule) fand am 16. d. Mts. unter den: Vorsitze des Herrn Pasto: A. Skerl aus Braunschweig als Regierungskommissars die Reife Prüfung statt. Sämmtliche vier Abiturienten bestanden dieselbe. — In Höchberg bei Würzburg hat eine wohlthätige 79jährige Dame. Fräulein Amalie Falk, der dortigen israelitischen Präparandenschull ein Kapital von 75,000 Mark vermacht. — Der aus dem Buschhoffschen Prozeß bekannte und seiner Zeit verschwundene Dr. Junkermann aus Kirchberg „Mein Sohn der Mediziner", ist nach der letzten Nummer der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" von Kirchberg nach seiner Vaterstadt Xanten verzogen. — Der Bürgermeister von Hamburg, Dr. Mönckeberg, erklärte in einer Rede, daß schon lange, bevor die Cholera drohte, die Behörden den Strom der russischen Ein Wanderung so gelenkt haben, daß er für die Bevölkerung keine Gefahr bringen konnte, und daß seit dem 20. Juli keine Auswanderer mehr mit der Bevölkerung in Berührung gekommen sind. — Der Antisemiten führ er Franz Reumann in Mistelbach (Oesterreich) ist wegen Raubmordes verhaftet worden. — Am 15. d. Mts. fand die Ein weihung der neuen Synagoge in Graz statt. — In Prag wurde a:n 11. d. Mts. die Synagoge am Petersplatze durch Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld neu eingeweiht. — Das Prager Komitee für Ferienkolonien hat in diesem Jahre 128 Kinder, davon 113 ganz unentgeltlich, in die Sommerfrische geschickt. — In Marseille starb Herr Salomon Altatini, ein hervorragendes Mitglied der italienifchen Kolonie dieser Stadt. In der Handelswelt nahm der Verstorbene eine bedeutende Stellung ein, was besonders darin seinen Ausdruck fand, daß er Großoffizier und Kommandeur zahlreicher Orden war. Das Leichen begängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung und bildete das zahlreiche Vorhandensein italienischer und französischer Vereinsfahnen ein charakteristisches Merkmal desselben. — Der Bischof von Digne hat den Geistlichen seines Bezirkes die Lektüre der „Libre parole" und der „Autorite" untersagt. — Wie verlautet, suchen französische Antisemiten in Brüssel ein neues Organ zu gründen, an dessen Spitze der wohlbekannte belgische Advokat Edmond Picard stehen soll. Die katholische Partei unterstütze den Versuch, welcher auf Gründung einer Antisemiten-Partei in Belgien abziele. — In Fiorenzuola starb der Nestor der italienischen Rabbiner, Herr Tobias Foa, im Alter von 80 Jahren. — Gegen die vorgeschlagene Verschärfung des russischen Gesetzes bezüglich der Juden haben sich der Domänenminister Ostrowsky und der Finanzminister Witte ausgesprochen. Die Schaffung eines neuen derartigen Gesetzes ist auf unabsehbare Zeit hi-nausgeschoben. — Verschiedene Blätter bringen Berichte über die Statue des Christoph Columbus, welche der bekannte Bildhauer Moses Jacob Ezekiel für Chicago ausg führt hat. Die Statue ist gegen zehn Fuß hoch und stellt den Entdecker Amerikas in dem Mornente dar, wo derselbe beim Morgengrauen die Küste der Neuen Welt erblickt. Eine große Zahl von hervorragenden Künstlerrr, Kardinälen und Damen der Gesellschaft besuchten das Atelier des Künstlers und beglückwünschten ihn zu der Vollendung seines Meisterwerkes. Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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