Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Weinberg, eine rührige Thätigkeit und hat im Süden Rußlands, wo die ersten Kolonisten ausgehoben werden, sollen, zahlreiche Lokalkomitees, unter welchen dasjenige in Kisch ine w besonderer Erwähnung werth ist, gegründet. Dieses Lokalkomitee zählt die intelligentesten Männer der Stadt zu seinen Mitgliedern und ist insofern von Bedeutung, als es vor allen andern seine Thätigkeit wird entwickeln müssen. Kiew, 10. September. Odessaer Zeitungen brachten neulich ausführliche Berichte über das Kolonisationsprojekt des Baron Hirsch, namentlich über die Bedingungen, unter welchen die Jewish (Kolonisation Association den jüdischen Auswanderern den Boden in den zu gründenden Kolonien abgeben will. Diese Berichte stammen von einigen jüdischen Auswanderern, welche vor Kurzem nach Argentinien gezogen sind, und eine Kopie des ihnen seitens der 'Administration des Baron Hirsch vorgelegten Kontraktes den Odessaer Zeitungen gesandt haben. Jede Gruppe von 50 Familien soll darnach von der Association ein Areal von 3500 Hektaren in der Provinz Entrerios erhalten, welcher Boden unter sänuntlichen Mitgliedern nach Abrechnung des für Synagoge, Schule, Krankenhaus, Apotheke rc. nothwendigen Bodens, gleichmäßig vertheilt werden soll. Jeder Hektar Boden wird mit 70 Francs berechnet, welches Geld in dreizehn Jahren ausgezahlt werden soll. Die Kolonisten, welche für einander haften, verpflichten sich, das erste Jahr ein Drittel des gesammten Bodens, vom zweiten Jahre ab die Hälfte des Bodens zu bebauen. Ohne besondere Erlaubniß der Association ist es den.Kolonisten verboten, den Boden zu verpachten oder einer anderen Person abzutreten, Läden oder irgend welche Geschäfte in der Kolonie zu eröffnen, sowie überhaupt irgend welche Maaren zu verkaufen, welche nicht auf ihren Feldern oder Gärten gewachsen sind. 'Außer dem Boden giebt die Association jeder Kolonistengruppe 100,000 Francs, also 2000 Francs für jeden Kolonisten, zur Errichtung eines Hauses, für die Mirthschaft, für den Erwerb von landwirthschaftlichen Maschinen rc. Für diese Summe haften gemeinschaftlich die gesammten Mitglieder der Kolonie. Sämmtliche Gegenstände, welche auf Kosten der Association gekauft sind, bilden Eigenthum derselben und werden mit Stempeln der Association versehen. Die Kolonisten gerathen in den unabhängigen Besitz der Mirthschaft, nachdem sie ihren Werth ausgezahlt haben, bis zu welcher Zeit die Kolonisten kein Recht haben, die gekauftcn Gegenstände zu veräußern. 'Außer den oben erwähnten Summen erhalten die Kolonisten noch ein Darlehn von 800 Francs für jede Familie von der 'Association, für welche Summe sie ihre Reisekosten von Europa nach Argentinien zu bestreiten haben. Nach dem dreizehnten Jahre treten die Kolonisten in den Besitz ihrer Mirthschaft, und ihr Abhängigkeitsverhältniß zu der Association hört auf. Türkei. * .Konstantinopel, 4. September. Kürzlich ereignete sich ein Vorfall im Munizipalrath von Salonicht, welcher die Juden dieser Stadt in große 'Aufregung versetzte. Der Vorsitzende der Versannnlung, ein fanatischer Ulema, zog in heftigen Diatriben gegen die Juden los, die er einer Reihe eingebildeter Verbrechen beschuldigte. Zwei jüdische Mitglieder der Versammlung informirten den Präfekten von diesen Jnvektivem und dieser, nachdem er sich selbst von dem Thatbestand überzeugt hatte, brachte das Ganze zur Kenntniß des Generalgouverneurs. Gleichzeitig erhielt auch Se. Excellenz ein von den bedeutendsten Mitgliedern der Gemeinde uuterzeichnetes Protestschreiben. Der Generalgouverneur verfügte, der Vorsitzende des Stadtraths habe dem Oberrabbiner eine Entschuldignngsvisite abzustatten, und berichtete den Vorfall an das Ministerium des Innern. Von Nah und Fern. Wie die 'Antisemiten einander achten, davon giebt nachstehende Kritik Böckels über Wilhelm Marr Kunde. Er schreibt: „Der alte Marr, ein Mann von sehr wandelbarer politischer Gesinnung, 48er Demokrat, konservativer Antisemit, ist jetzt wieder Sozialdemokrat ge^ worden und schreibt für das sozialdemokratische „Hamb. Echo." Es ist dies wieder ein neuer Beweis dafür, daß allein praktische Mittelstandspolitik uns helfen kann. Die Schreiber und Judenschimpfer mit dem großen Mund nützen alle nichts." In der letzten Aeußerung geben wir dem Manne Recht. — Bei der Einweihung der neuer: Synagoge in Glogau wird der Deutsch-Israelitische Gemeindebund durch seinen ersten Vorsitzenden, Herrn Geheimrath Dr. Kristeller vertreten sein. - Am Sonntag den 28. v. M., 10 Uhr Vorm, fand auf dem jüd. Fried Hofe in Breslau die feierliche Enthüllung des von den Hinterbliebenen gestifteten Denkmals für Prof. Dr.H. Graetz statt. — JnBoppar; starb der in weiten Kreisen bekannte Arzt Dr. C Feist im Alter von 80 Jahren. — Der Vorsitzende des antisemitischen Volksvereins in Obergorbitz nächst Dresden, Gärtnereibesitzer Klaus, hat sich wegen Wechselfälschung selbst den Gerichten gestellt — In der Provüp Starkenburg sind in der letzten Zeit nicht weniger als 27 israel. Lesezirkel entstanden, in welchen nur ausgewählte gute Zeitschriften und Bücher gelesen werden — Wie man uns aus Hamburg mittheil!, beträgt die Zahl der an der Cholera gestorbenen jüdischen Mitbürge: etwa 140 bei einer Seelenzahl von ca. 20,000 jüdischen Einwohnern. Die Beerdigung der Leichen auf dem orthodoxen Separatfriedhof in Ohlsdorf ist verboten worden, da derselbe auf preußischem Gebiet-.' liegt. Im „Hamb. Korr." veröffentlicht Physikus Dr. Erman einen längeren Aufsatz über die Frage nach dem Ursprünge der Choleraepidemie im Hamburg. In dem Aufsatze wird ausgeführi. daß bis zum 25. August im Auswandererschuppen überhaupt keine cholera verdächtige Erkrankung vorgekommen, der von Geheimrath Dr. Kock behauptete Ausgang der Seuchevon jenem Schuppen daher unmöglich sei. — Die Polizei in Nürnberg verbot die Plakatisirung und Vertheiluiu der Ankündigungen antisemitischer Schriften auf den Straßen. - Der Eintrittstag der Einjährig-Freiwilligen trifft in diesem Jahr, mit dem Versöhnungstag zusammen. Aus diesem Grunde hat Her, Distriktsrabbiner Bamberger eine Eingabe an das königliche bayrische Kriegs Ministerium gerichtet und erhielt darauf dure! Vermittlung des hiesigen General-Kommandos folgenden Bescheid: „K. Distrikts-Rabbinat beehrt sich das General-Kommando auf wohldesser an das K. Kriegsministerium unterm 26. v. Mts. Nr. 794 gerichtet i Eingabe ergebenst zu eröffnen, daß mit höchstem Rescrlpte vor 29. August d. I. Nr. 11777 in Berücksichtigung des auf den 1 Ol tober lauf. Jahres fallenden höchsten israelitischen Festtages de: Eintritt der Einjährig-Freiwilligen israelitischer Konfession in diesem Jahre ausnahmsweise zum 3. Oktober genehmigt wurde." — Herr I)r. Zivi, ein geborener Elsässer, il't zum Rabbiner in Minzen heim gewählt worden. — Bei der gegenwärtig in Heidelberg statl findenden Ausstellung der „Freien Deutschen Bäckergenoffen schaft" erhielt die Rheinhessische Walzenmühle A. Lorch fm ihr bekannt vorzügliches Fabrikat den ersten Staatspreis,die golden Medaille als höchste Auszeichnung. — Aus Anlaß seines fünfund zwanzigjährigen Jubiläums als Oberkurator des evangelisch-reformirten Kirchendistriktes jenseits der Donau empfing Koloman Tisza anck eine Glückwunschdeputation der israelitischen Kultusgemeinde in Komorn. und sagte in Beantwortung der Ansprache ihres Führers, er hoffe, die Zeit wird bald konnnen, in welcher die Fesseln von den Konfessionen fallen werden. — Zwei polnische Juden und deren Frauen sind in London auf offener Straße von irischen Antisemiten ohne jeden Grund äuge fallen und verwundet worden. — In Paris erhielt bei den Wahlen am 4. September zum Stadtrath der antisemitische Kandidat M. Moritz Tour nadre im Ganzen 2 Stimmen. — Einer Petersburger Meldung zufolge wird sich der Reichsrath im Herbste mit dem Gesetzentwürfe, betreffend die Regelung der J ud enfrage, beschäftigen, welcher von der Sonderkonr Mission unter dem Vorsitze des Herrn v. Plehve ausgearbeitet wurde. - Wie aus Petersburg ferner gemeldet wird, hat Minister Witte, der Nachfolger Wyschnegradskis, sich Sonntag vor acht Tagen verheirathetz was besonders lebhaft in der Gesellschaft besprochen wird, weil die Dame, die geschiedene Frau eines Beamten, einer jüdischen Familie ent stammt und sich bei ihrer ersten Verheirathung erst taufen ließ. Man will wissen, der Kaiser sei mit der Heirath nicht einverstanden Letztere Behauptung zerfällt ganz von selbst, da der Minister selbstverständlich hierzu vorher die Erlaubniß des Kaisers eingeholt hat. Charakteristisch bleibt es jedoch, daß bereits einige angesehene Zeitungen in der „Indem frage" den Rückzug antreten, so der „Wilenskij Wjestnik" und der „Grashdanin". — Der Sultan der Türkei hat den Chef des Buda pester Hauses, der Firma Moritz Tiller u. Comp., Herrn Samuel Tiller, durch Verleihung des Medjidie-Ordens ausgezeichnet. Truck uno Verlag von Rudolf MoNe m Berlin Verantwortlich für bte Redaktion: Ma? Bauchung in Berlin.