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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 Ordnung darf und soll auch nicht ein Bewohner von Budapest fehlen. ES kann nicht sein, das; auch heule, am Tage der Gefahr, das Vorurtheil wie ein Gespenst zwischen Bruder und Bruder trete. Wir sind Alle Söhne eines Vaterlandes, und Alle bereit, dasselbe zu vertheidigcn. Mämrlich treten wir deshalb vor Euch, Bürger von Budapest: wollet Ihr, daß um mit Euch gemeinsam vollführen, wie es der Augenblick erheischt? Rufet uns und wir gehen gern. Biele unserer Glaubensgenossen befinden sich draußen auf dem Schlachtfeld?, and) hier wollen wir unsere Kräfte in Gemeinschaft sämmtlicher Bürger zur Bertheidigung der Stadt anfbieten. Unser Motto ist: mit Euch zu leben, mit Euch zu sterben! Budapest, 30. September 1848. Im Namen der Israeliten von Budapest." Es ist sehr bezeichnend, daß diejenigen Städte in Ungarn, in welchen der überwiegende Theil der Einwohnerschaft aus Deutschen bestand, am meisten gegen die von Kossuth schon von vornherein beabsichtigte Jndenemanzipation sich auflehnten, ja sogar eine frische, fromme und fröhliche Judenhetze mitten im Kriege inszenirten, so daß die ungarische Regierung alle Hände voll zu thun hatte, um die Verfolgungen zu unterdrücken. Sie sandte z. B. nach Stnhlweißenbürg, wo der Stadtrath die Vertreibung der Juden aris dem Weichbild der Stadt angeordnet, Franz von Pulszky als Regierungstommissar mit entschiedenen Vollmachten. Wie dieser in seinen Menwiren („Meine Zeit, mein Leben") erzählt, gelang es ihm bald, Ordnung herzustellen, indem er an die Rädelsführer eine donnernde Philippika richtete, dahin lautend: die Freiheit sei kein Privilegium, sie sei tote die brennende Kerze, die von ihrer Leuchtkraft nichts verliere, wenn man andere Kerzen daran anzünde; die Juden seien ebenso gut Söhne des Vaterlandes wie wir; die Regierung werde die Ruhestörer exemplarisch züchtigen und nicht dulden, daß religiöse Undlildsamteit Platz greife u. s. w. Der Verfasser der „Aufzeichnungen eines Honved" erzählt in seiner 1850 erschienenen Schrift eine interessante Episode aus Kossnths Leben, welche einen bezeichnenden Beitrag zur Aufklärung jener Sympathie giebt, welche die alten und frommen Inden ebenso wie die jüngeren für diesen Staatsmann bis zur letzten Stunde seines Wirkens bethütigte». Sein Vater war Advokat — oder, wie mau damals sagte, Fiskal — und wohnte in einem nördlichen Theile Ungarns, wo die aus Polen herübergewanderten Juden, die Chaßidim, mit ihren langen Talaren, Pelzkragen und Ringellocken angesiedclt sind. Gegen den weit uiib breit im Gerüche besonderer Orthodoxie uitd Heiligkeit stehetiden Rabbiner zu Ujhely führte nun Kossuth einen ärgerlichen Prozeß. Der Grund desselben ist mir unbekannt. Er dauerte aber — wie dies damals in Ungarn üblich war — lange, und es starben im Laufe dieser Zeit zwei Söhne des Advokaten und er selbst. Die Chassidim streuten nun aus, das sei der Fluch des Rabbi von Ujhely, und selbst die Katholiken und Calviner bekamen eine Scheu vor der Macht jenes Wunderrabdi, zu dem Kranke und Preßhafte aller Konfessionen strömten um sich durch seine unglaublichen Kuren heilen zu lassen. Der Rabbi genoß großes Ansehen; er war ein kluger und erfahrener Mann, und benutzte den Glauben seiner Stammgenosseit und der ungebildeten Gegend in geschickter Weise für seine Zwecke. Des Advokaten Frau fürchtete, daß auch ihr letzter Knabe, Ludwig Kossuth, dem Fluche des Rabbi verfallen sei, und das Mutterherz trieb sie hin zum bärtigen Mann, um Vergebung zu bitten für die Unbill, welche ihr Gatte ihm einst angethan. Der „Bel Schein", dessen Ansehen und Einfluß durch einen solchen Vorfall nur gewinnen mußte, tvar leutselig und zuvorkommend, und der greise Priester brachte es durch sein Benehmen dahin, daß die Ealvinistin um Segen bat für ihren Sohn. Der kluge Rabbi zögerte, zu willfahren; er betrachtete den Knaben und unterhielt sich mit ihm. Geist und Lebhaftigkeit zeichnete schon damals das Kind aus, und mehr als das mag vielleicht der Umstand auf den Rabli gewirkt haben, daß Ludwig nicht mit Hohn und Mißachtung aus die fremdartige Umgebung blickte und auch nicht jene Scheu zeigte die nahe an Abscheu grenzt. Wir wollen das Ausmalen dieser Seclenzustände eines klugen Rabbi, einer beängstigten Mutter tim eines geistvollen Knaben einer dichterischen Feder überlassen. Thalsache ist, daß der Rabbiner seine Hände auf den Kopf des Kind,- legte und ihn segnete. Für ein so großes Ereigniß wurde dies in jener Gegend betrachtet, daß die Kossuthsche Familie den vom Rabbi citirten Psalmersprach sich merkte' (Ps. 00, V. 6): ..Nalntlm l’ejerecliu nes leliinoses inipnö koschet sela“ (Du verleihst deinen Frommen em Panier, um damit zu glänzen ob der Wahrheit lvillen"). Der Rabbiner von Ujhely wühlte diesen Vers wegen des Wort - „Koschet". Es heißt: „Wahrheit"/aber die dortigen Kabbalist,,: schoben den Sinn unter: „Du verleihst deinen Auserlesenen ein Panier, unt damit zu glänzen um K ossuths Willen (sprich Koschut), Diese philologische Unrichtigkeit that dem Segen und seiner Bedeutung bei den Chassidim keinen Abbruch, zumal der Bal Schem dem Knaben noch eingeprägt hatte, nicht feindlich den armen Juden gesinnt zu sein, und Ludwig Kossuth zeichnete sich schon in der Schul, durch große religiöse Duldung ans. Si non e vero, e ben trovat"! Während des Prozesses von Tisza-Eszlar vor neun Jahrai hat er sich aufs Entschiedenste gegen den Antisemitismus ausgesprochen und seinem Auftreten ist es wohl in erster Linie zu verdanken, b,J; die Unabhängigkeitspartei, die Judenfeinde erster und zweiter Güte in ihren Reihen hatte und mit Antisemiten Jahre lang liebäugelte, sich energisch von den Rassen- und Religionshetzern lossagte und sich a„i ihren demokratischen Ursprung besann. Zeit seines Lebens predigte er Duldung in Wort und Schrill, war er ein beredter Vertheidiger der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Rechte der Juden und wies jede Gemeinschaft mit Lenin zurück, lvelche mit mittelalterlichen Waffen kämpfteil — dem „gnuil old man“, wie man sonst den 83 jährigen Gladstoue zu nenn >l pflegt, gebührt daher an seinem 90 jährigen Ehrentage der Dank all,: Humanitätsfreunde! U Mir erste pidrsche Frauenemanstpatsr'n . Von E. Rosevalle. Am fünften August dieses Jahres starb zu Brihgton in England eine Frau, deren Leben voll bedeutsamen Interesses für ihre Glanbci genosten und für die Freunde der Frauenfrage ist. Frau Ernestine L. Rose ist 1810 als die Tochter eines Rabbim,- in Polen zur Welt gekommen. Wemr man sich die noch jetzt in Polen herrschende orientalische Erziehungsweise der Mädchen n Frauen vergegenwärtigt und dies um zweiuudachtzig Jahre zurr“ datirt, begreift man es gar nicht, wieso diese Frau von im Frauenfrage, die überhaupt noch so jung ist, auch nur etwas wist,« konnte. Und doch ist Frau Eruestine Rose eine der ältesteil und erst,« Förderinnen der Frauenrechte gewesen. Welch geistigen Aufschwunges es bedurfte, um so ganz aus ihrer Sphäre heraus zu treten und sich aus derselben herauszudenken, w« sich in Fragen zu vertiefen, deren Lösung »och in weiter Ferne stand lind deren Berechtigung auch in aufgeklärteren Ländern, alsihrHeimatlm land es war, damals noch allgemein angezweifelt wurde, ist darmck

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