Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1892)
- Date
- 1892-09-09
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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44 2 Schmncksache» fehlte es ihrem Anzug nicht, aber cs schien auf einige Flecken oder Risse mehr oder weniger nicht anznkvminen. Wer die junge Frau mit so selbstzufriedener Miene vor dem Spiegel stehen sah, konnte nicht ahnen, daß sie eben eine heftige Allseinandersetzung mit ihrem Gatten gehabt hatte. Ihr fettes Antlitz lächelte seinen: Spiegelbild entgegen, als befände sie selbst und Alles im Hause sich in schönster Harmonie. Und doch hatte sie vor fünf Minuten getobt und geschrieen, obwohl ihr ältester fünfjähriger Junge dabei stand und mit einer Anfmerksainkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre, zuhörte. Der Mann hatte schließlich nichts mehr zu erwiedern gewußt lind war mit rcsignirtcr Miene ans dein Ziinmer gegangen. Was hätte ihm auch weiterer Widerstand geholfen? Seine Frau behielt doch stets Recht und erreichte, was sie wollte. Dabei behielt sie ihrell inneren Gleichiiinth, während der Mann, den sie durch ihre Zungengewandtheit zmn Schweigen Erachte, seinen Aergcr in sich verschloß. Es war zuweilen ihre Unordentlichkeit, öfter ihre Putzsucht, die dem Mann Grund zu Vorwürfen gab. Er hatte anfänglich ihrer Neigung für den Putz nicht gewehrt, dieselbe eher unterstützt, „meine Iran soll immer hübsch anssehcn, wir könncn's haben!" war seine stete Redensart gewesen. Aber als mit den Kindern die Bedürfnisse wuchsen, die Geschäfte dabei nicht immer nach Wunsch giilgen, empfahl er ihr Einschränkung — zu spät. Sie wußte stets ihren Willen durchzusetzen, und er fügte sich seufzend. Gewöhnlich eilte er nach solchen Szenen, ohne ein Wort zu sage», ans dem Ziinmer hinaus. Rösel aber blieb mit der Miene eines Feldherrn, der eine Schlacht gewonnen hat. Sie wandte sich eben vom Spiegel fort, um ans dem Zimmer zu gehen, da rief ihr Söhnchen: „Da draußen kommt der Großvater gefahren!" Wenige Minuten später war er im Zimmer, mit Sack und Pack. Ter Schwiegersohn kam herbei und begrüßte ihn. Das ganze Hans schien in freudigster Aufregung. Die Kinder schnupperten an seinen Sachen herum und fragten, was er ihnen nütgebracht habe. Er war den Keinen Quälgeistern recht dankbar, daß sie ihm über die erste Verlegenheit hinweghalfen. So gewann er Zeit, sich zu sammeln, eine Ursache für seine plötzliche Ankunft zu ersinnen. „Warum hast Tu uns denn gar nicht geschrieben, Vater?" fragte die Tochter. „Ich bin gar nicht vorbereitet auf so einen lieben Gast." „Ich bekam auf einmal so große Sehnsucht nach den Kindern entschuldigte sich der Vater, — „mache nur keine Umstände mit nur, ich bin mit Allem zufrieden." „Mach kein langes Gerede, Vater!" sagte der Schwiegersohn, „Platz genug haben wir, und sonst machst Du uns auch keine Umstände, ich freu' mich herzlich." Er freute sich wirklich. Ec überschüttete den Vater mit Aufmerksamkeiten, die Tochter lief hinaus, nur dein Gast das Beste vorzusetze», was sich im Hanse fand, die Enkelkinder schmiegten sich zärtlich an den Großvater. Sanfte Ruhe zog wieder in sein Herz, er fühlte sich wieder glücklich. Ein Anderes ist es, wenn inan zn kurzem Besuch in einer Famile weilt, ein Anderes auch, wenn inan sich ihr als bleibendes Mitglied einrech>:cn will. Behrisch suhlte sich in dem Hause seiner ältesten Tochter bald nicht mehr so behaglich wie am ersten Tage. Er sah ihre Verschwendrmgssucht, die ganze schlechte Wirthschaftsfiihrung und ärgerte sich gründlich darüber. Hatte ec selbst doch sein kleines Vermögen mühsam znsainmengespart, hatte er doch jeden Pfennig vor den: Ansgeben „zweiinal herumgedreht". Auch die Kinder waren recht ungezogen und bereiteten ihrem Großvater manche böse Stunde. Kurz, er hatte den Aufenthalt bei seiner älteren Tochter bald satt und sagte sich, daß er bei Sara weit angenehmer gelebt hatte. Aber zn dieser zurückzukehren, das ließ sein verwundeter Stolz nicht zu. Wenn sie ihn holen würde, viesteich:, -aber sie kam nicht. Im Gegentheil, sie erzählte einst der Schwester, welche zu flüchtigem Besuch nach Rz . . . kam, auwelchem Grunde der Vater ihr Hans verlassen habe. Um sich und ihren Mann rein zn waschen, schob sie alle Schul > dem Vater zu. Es ließe sich wirklich nicht gut mit ihm leben, er sei gar zu „komisch". Ja, komisch sei er, bestätigte Rösel, und cs sei gar kein Ver gniigcn, so einen alten Mann bei sich zu haben, den: nichts im Hause recht sei. Als sie nach Hanse kam, inachte sie dem Vater leise A» dentnngcn, ob es doch nicht besser sei, sich mit der Tochter zu versöhnen. „Warum, — bin ich Dir schon z» viel?" fuhr der Vater empor. „Rein, so mußt Du das nicht nehmen. Ich Hab' Dich ja gern hier, — aber cs ist doch nicht hübsch, wenn Vater und Tochter in Feindschaft leben . . ." Solche Redensarten kehrten immer Miedern Behrisch Haberfell merkte, daß ihn die Tochter gern los sein wollte, aber er hütete sick cs zu einer offenen Auseinandersetzung kommen zu lassen. Er woll! sie hinausschieben, so lange es ging. Bis dahin würde sich vielleichein anderes Unterkommen für ihn finden. Wo? — das wußte er freilich noch nicht. Er hatte viele Verwandte, Brüder, Vettern und Basen. Konnte er aber denen zumuthen, ihn bei sich aufzunehme» wenn die eignen Kinder ihn von sich stießen? Zu Salka zu gehe» daran konnte er nicht denken. Sie lebte in bescheideneren Verhält nissen als ihre Schwestern, auch konnte sie dem Vater nicht frenndliä gesinnt sein — er hatte es ja nicht um sie verdient. — Es tviirdihm wohl nichts Anderes übrig bleiben, als mit dem kleinen Ref: seines Vermögens, das er für sich zurückbehalten hatte, wieder eine: Handel anzufangen. Es würde ihm freilich hart ankommen, — abe es würde wohl nicht anders gehen. In solch trübe Gedanken versunken saß Behrisch in de» Zimmerchen, daß man ihm eingerännit hatte. Dieses war nichtweniger als gemiithlich. Ein Gegenstand nach dem anderen, der zi seiner Bequemlichkeit hatte dienen sollen, war daraus entfernt »vorder Der rohrgeflochtene Großvaterstuhl, dessen er sich kaum vierzehn Tag» erfreut hatte, war in das allgemeine Wohnzimmer gewandert, wihn die Hausfrau selbst nieist in Anspruch nahm. Jetzt mußte c sich mit einem alten Rohrstuhl begnügen, dessen Gesiecht zerrissen war. Noch manch Anderes fehlte zu seiner Behaglichkeit. Doch bann, war ihm wenig gelegen, — hätte ihm nur nicht die Tochter, sogar die Dienstboten, durch Mienen und halbe Worte gezeigt, wie sehr seine Entfernung gewünscht wurde. Die Kinder, die ja keine Verstellrmg kennen, sondern ohne Hinterhalt aussprechen, was sie am dem Herzen baben, sagten ihn: offen, was sie über ihn erlausche hatten. „Weißt Du, Großvater," sagte der kleine Junge, der in eine: Zimmerecke spielte, zu dem in seine Gedanken versunkenen alten Man» „wenn Du fortreisen wirst, dann wird das hier die Kinderstube sein." „So? — Von wen: weißt Du das?" „Ich hab's gehört, wie es die Mutter zum Vater gesagt hat/ „Hat sie nicht auch gesagt, wann ich abreisen werde?" „Warte mal," sagte bas Kind, sich besinnend, „ja — naä- Chanukka, hat sie gesagt." Dieses Fest war vor der Thür.