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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-09 · Heft 37 (9.9.1892) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 37 (9.9.1892)
Date
1892-09-09
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
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440 Mensch sein zu dürfen, ist so wenig begehrt, ober „Sie schmeicheln ihrem Hund und ihren: Rosse, Und scheuen uns, als hätt' uns die Natur Zur Larve Menschenbildung nur gegeben." In, noch mehr und noch entsetzlicher: „Sie scheuen uns, gleich wie der Pest Berührte, Doch rollt ihr Blut, von frecher Lust durchglüht. Gleich gilt es diesem rasenden Geschlecht, Ob es Befriedigung findet im Palast, Ob in des Paria sluchbeladner Hütte!" Das sind Dichterworte, aus heiligem Zorn geboren, Proteste die hinausweisen über die Schranken des Paria-oder Judenelends, — rein menschliche Klagelaute, Nothschreie eines schuldlosen Herzens über die schmachvolle Versündigung roher Gewalt an hilfloser Ohnmacht. Und doch wird man nicht sehlgehen, wenn man einige Zeilen Gadhis, die sich unmittelbar an die vorletzt citirten anschließen, wiederum auf ganz speziell jüdische Verhältnisse ausdeutet, von denen wenigstens sicher belegt ist, daß Beer ihnen, aus ganz familiären Gründen, die theilnehmendste Aufmerksamkeit gewidmet hat. Gleich jeden: Andern, haben auch deutsche Jude:: sich den Armeen der Freiheitskriege angeschlossen. Wie viel reiner Opfermut!) aber gehörte dazu! Jede Aussicht auf Beförderung und Gleichstellung war ja illusorisch, krankende Zurücksetzung das Gewöhnliche. (Wir erinnern uns an den oben citirten Brief Beers an seinen Bruder Wilhelm!) Auch ein gehörig Stück Selbstverleugnung und doppeltes Pflichtgefühl lnußte der jüdische Soldat besitzen; nicht jeder mochte wohl stark genug sein, um den Spötteleien und dem historischen Borwurf der Feigheit, der merkwürdigerweise das Volk der Gideon mit) Samson getroffen hat, Stand zu halten. Die kräftige Erwiederung auf derlei Anschauungen, eben im Hinblick auf Vorfälle aus des Dichters eigenem Erleben, scheint mir aus den schönen Worten Gadhis herauszuklingen: „Stellt mich euch gleich und seht, ob ich euch gleiche! (mit steifender Kraft) Ich Hab' »in Vaterland, ich will's beschütze». (3cbt mir ein Leben nnd ich zahl's mit Wucher. Wo die Gefatzr der Schlacht mit chrncn Zungen Die Tpfer heischt und an des Lebens Fülle Sich bis zur Uebersätt'gung nährt und stirbt. Wagt's und erprobt des Unterdrückten Li rast! Schon seh ich mich mit thatensncht'gem A'uth Hinstürzcn in das tödtlichste Gewühl, Umsaust von Sperren und umblitzt von Pfeilen; Fest steh' ich, wie beim Donner des Gewölks." Gin wvhlthueuder Zug aber an dem schuldlos Verworfenen, der sonst zur dramatisch unsympathischen Märtyrerfigur herabsünke, ist die doch wieder durchbrechende Hoffnung auf eine bessere Folgezeit. Gerade vor feinem Tod fasst er diese Zuversicht zugleich mit dem Bewusstsein des eigne» iunern Wertstes in energische Worte zusammen: „Tein Gott des Fluches ist ein Gott des Abscheus. Ich glaub' an seine Lieb', von seinem Haß Spricht Blödsinn, Habgier oder Frevel nur. Wer sich's von seinen Priestern überliefern. Von ihren Ammenmärchen lehren läßt, Was Glaube sei und Golt, der schmäht sich selbst. Er ist unleugbar wie sein himmlisch Licht; Des eignen Busens flammende Erkenntniß Macht seine Welt zum Spiegel seines Wesens. Und hast Tu ihn erkannt, mußt Tn ihn — glauben; Nothwendiger ist Dasein nicht und Tod. Ich war verworfen, und mit reinem Herzen Blick' ich zurück auf meines Lebens Bahn!" Wicdcrtnu innerstes Empfinden des Dichters selbst, — diese Verleugnung alles Priesterlich-Dogmatischen, diese Moralreligion, dieses Ideal des reinen Lebens, das wenigstens innere Befriedigung gewährt, indeß der Blick nach außen nur pessimistisch sein kann. Je mehr aber der Mensch zum Abschluß mit sich selbst gekommen ist. um so leichter wird er in Augenblicken wärmster Empfindung geneigt sein, zum Propheten zu werden und in seliger Ahnung die einsame:, Ideale des cigeiren Busens als Gemeingut der ganzcit Menschheit z» erblicken. Und so verklingt auch Gadhis Dasein in den visionäre» Stcrbescufzer: „Alle — Alle — gleich!" Am Schlüsse der leidvolle,, Tragödie schwebt das versöhnende Schlnßbild einer glücklichem Zukuni empor, die keine Parias, — keine Ghettos mehr kennt! „Das Publikum hat mit einer seltenen Intelligenz, die inich aus» Höchste in Erstaunen gesetzt hat, nicht nur von Anfang an die Tender; des Stückes begriffen, sondern atlch durch den lautesten Beifall gebilligt" (ungedr. Brief Michaels an Meyerbeer vom 30. Dez. 1828,. Der Rt>f zur Versöhnung, der Protest gegen Vergewaltigung mußu eben gerade damals doppelt wirksam sein, als die preußische Regierung (1823) mit erneuter Schürfe das Judenthum einschränkte. Die zünftige Kritik urtheilte durchweg günstig, zumeist ohne Eingehen auf den tieferen Sinn des Ganzen das Kunsttverk als solches beurtheilend. Tief verletzt aber war durch den Paria Heinrich Heine. Er hat sich darüber mehrfach ausgesprochen, inid da dies Thema sowohl litierarifches als persönliches Interesse bietet, sei es noch zum Abschluß dieser Beiträge etwas näher berührt. Michael Beer hatte Heine wahrscheinlich in Berlin, >oo Letzterer im Februar 1821 weilte, kennen gelernt und ihin u. A. auch de» Paria-Manuskript vorgelesen. In spätem Jahren kain Heine bekanntlich wiederholt mit Beer in Berührung und hatte ihm manches zu verdanken, so n. A. die Verwendung beim Minister Schenk behw» Uebertragung einer Münchner Professorenstelle, wofür Heine sich mit d-r großen Struenseebesprechnng revanchierte, lieber das spätere Verhültniß der beiden Dichter soll meine Biographie näheren Aufschluß bringen. Ich beschränke mich hier auf die Zeit des „Paria". Wie d c beiden gleichaltrigen Poeten bei Heines erstem Berliner Aufentha» zu einander standen, wäre aus den wenigen Aeußerungen des Letztere» nur dürftig zu schließen, erhielten wir nicht anderweit genügen, e Aufklärung darüber, daß bei aller beiderseits aufgebotenen Höflichkeit die Freundschaft nie intim werden tonnte. Als der relegirte Götting.r Student in Berlin einzog, war das siir ihn der Uebergang an; grauester Pedanteuwüsteuei in ein paradiesisches Leben schrankenlosest r Laune. Dokumentarisch sind für jene Tage z. T. die „Briefe aus Berlin". In buntem Wechsel gefiel er sich darin, in den Salon» der „geistreichsten Frau des Universums" oder der begabten Dichter», Elise von Hohenhausen als witzsprühender Gesellschafter verwöhn!, als Dichter herzbetvegcnder Lyrik und gluthvoller Tragödien bewunden zu werden, — mit tollen Schnurrpfeifereien in der alten Romantike - kneipe mit Devrient, Grabbe und Hoffmann ganze Nächte zu durck,- schwelgen, — daun ivieder in die Tiefen wunderbarster Poesie einzutauchen oder mit verständnißvollen kunstsinnigen Männern anregende Gespräche zu führen, bei Hegel und Gans, Bopp und Wolf fleißig Kollegien zu hören — und endlich sein Innerstes nur einem klein» Kreis vertranter Freunde zu eröffnen, jenen Moses Moser und Leopwd Zunz, die mit ihrem „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden eine hochstrebende Reforur durchzusetzen, ein Bollwerk gegen ungereckne Angriffe auf ihren väterlichen Glauben zu errichten hofften.') Weil, ein Gegensatz — dies verwirrend bunte Bild einer erstaunlich vieiscitigcn Natur, dies zügellose Hasten eines in ungebundener Genialität sich vcrsprudelnden Stürmers und Drängers, nnd daneben die korrekte Sittlichkeit, die frühgereifte Manneswürde eines im Elternhaus uutcr ') Näheres in der Heinebiographie von G. Karpeles S. 81 ff.

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