Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1892)
- Date
- 1892-09-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Cremieu-Foa, der das Duell veranlaßt hatte, indem er den Blättern unvorsichtige Mittheilungen über den Zweikampf seines Bruders, des Rittmeisters Cremieu-Foa, mit de Lamasse machte. Mit besonderer Spannung erwartet man die Aussage des Journalisten Leo Taxil. Dieser, der sich ehedem durch seine Spottschriften über die Bibel bekannt gemacht hatte, ist jetzt der gründlich bekehrte Redakteur des ultramontanen Blattes „La France chrötienne". Seine Aussage bildete eine der Hauptstützen der Anklage, denn er will von einem der Sekundanten des Marquis de Mores, Guerin, diese Aeußerung gehört haben: „Wir wollen eine Judenleiche!" Gu.rin stellt dieselbe jedoch entschieden in'Abrede. — Marquis Mores wurde in der gestrigen Sitzung vonl Schwurgerichtshof freigesprochen. Nnsrlniid. 88 Petersburg, 28. August. Eine nicht unbedeutende Eigenthümlichkeit der Juden ist in der gegenwärtigen Zeit in sehr frappanter Weise zu Tage getreten, es ist dies die größere Immunität der Juden gegen die Cholera. Während in den Städten, wo die Epidemie wüthet, Hunderte täglich an der Cholera erkranken, ist es an vielen Orten vorgekommen, daß von der stellenweise ziemlich dicht wohnenden jüdischen Bevölkerung kein einziger erkrankt war. In Nischni-Nowgorod, wo mehr als zehntausend Juden sich befinden, hat die Cholera einige Wochen grassirt, ohne daß ein einziger Jude ihr erlegen ist, außer dem bekannten jüdischen Arzt Jdelsohn, welcher sich selbst bei der Hilfeleistung Anderer aufopferte und starb. In zahlreichen anderen Städten hat die Epidemie bis zum 'Augenblick noch keinen einzigen Fall der Erkrankung von Inden aufzuweisen. In Rostow aur Don, wo gegen 15,000 Juden wohnen, ist die Zahl der jüdischen Patienten zu der der christlichen eine minimale, ebenso in vielen arideren Städten. Ganz besonders auffallend ist der llmstand, das; die Städte, in welchen die Juden in großer Zahl ansässig sind, von der Epidemie verschont geblieben sind, so z. B. Odessa, B erditschew und die Städte des südwestlichen Rußlands, welche alle große Handelscentren bilden. In den wenigen jüdischen Städten, wo! die Cholera aufgetreten ist, wie Poltawa, Jekaterinoslaw re., ist sie notorisch sehr schwach und bereits hit Erlöschen begriffen. Es findet dies seine Erklärung in der ganzen Lebensweise der russischen Juden, welche von derjenigen der Christen wesentlich abweicht. Ausschweifungen, Schnaps und 'Alkohol kennt der russische Jude nicht, und wegen seiner! höheren Intelligenz wendet er auch die Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung der Seuche an. Tie russische antisemitische Presse hat vergebens beim "Ausbruch der Cholera einen Feldzug gegen die Juden unternommen, indem sie gerade die jüdischen Städte für einen künftigen Herd der Epidemie erklärte und in ihnen eine große Gefahr für das ganze Vaterland erblickte. Zu gleicher Zeit zeigen die Juden eine Rührigkeit in dem Kampf mit der Cholera, wie sie bei der christlichen Bevölkerung kaum zu verzeichnen ist. Die jüdischen Gemeinden im Süden des Landes haben überall Theehallen für die unbemittelte Bevölkerung eröffnet und Summen gesammelt, um beim Ansbruch der Cholera die Mittel zu ihrer Bekämpfung j an der Hand zu haben. Ihrem Beispiel erst folgt auch die sonst so! apathische russische Bevölkerung. Eine besondere Anerkennung verdienen die Juden, welche sich freiwillig in den Sanitätsdienst stellen, zahlreiche jüdische Aerzte, namentlich aber Studenten, begeben sich von ihren Geburtsorten nach dem Wolgagebiet sowie nach dem Kaukasus und lassen sich in die Krankenhäuser und Spitäler als Gehilfen aufnehmen. Unj willkürlich drängt sich dabei die Frage auf, ob auch die Söhne des Fürsten Nie sch t s ch e r s k i, des Grafen I g na tj e w, des P o b ed o -; noszew und der übrigen Judenfresser Rußlands, eine solche Aufopferungsfähigkeit ihrem Volke gegenüber beweisen, wie der geächtete, verfolgte; und gejagte russische Jude.; Von Nah und Fern.! Bei dem Landgericht I sind zu stellvertretenden Handelsrichtern ermannt der Amtsrichter a. D. Heinrich Fraenkel, der Kaufmann Robert Landsberg, der Fabrikbesitzer Martin Friedberg, der Kaufmann Berthold Lewy und der Bankier Moritz Strauß. — Der Verein „Linat h Hazedek" veranstaltet am Montag, den 5. September, im Park Bellevue zu Rummelsburg ein Sommerfest, das wir der Gunst unserer Glaubensgenossen bestens empfehlen. — Herr Dr. Grün, Rabbiner in Oberdorf (Württemberg) hält zur Zeit in Wiesbaden religiöse Vorträge vor Juden und Christen unter vielem Beifall seiner Hörer. Die zur Behandlung kommenden Themata sind: 1. Ist die Trauer des israelitischen Volkes um die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem aur Ende des 19. Jahrhunderts noch berechtigt? 2. Ist dic Vereinigung und Versöhnung der jüdischen und christlichen Lebensan schauung möglich und zu erstreben? 3. Antrag zur Gründung einec allgemeinen Glaubens-, Friedens- und Freundschaftsbundes. — Dem Kaufmann Alexander Lippmann in La bi sch in ist der Titel „Kommerziell rath" verliehen worden. — Der Regierungspräsident von Pommern hat das Landen russisch-jüdischer Auswanderer, welche aus dem Wasserwege mit Schiffen aus russischen Häfen kommen, die hier eintreffen, bis auf Weiteres untersagt, weil dadurch die Gefah. der Einschleppung der Cholera sehr vergrößert wird. — In. Gail in gen (Baden) ist das neue israelitische Hospital feierlich er öffnet worden. — In Bremen soll vom 1. September an ein neue-- antisemitisches Wochenblatt unter dem Titel: „Der Unabhängige" erscheinen. — Der österreichische Justizminister hat den kaiserl. königi, Gerichtsadjunkten Dr. H. Goldmann in Prag zum Rathssekretär ernannt. — Herr Dr. Leon B ardowicz, ein Zögling der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums", ist einstimmig zum Rabbiner der israelitischen Knltusgemeinde in Mödling bei Wien gewählt worden. — Zum Rabbiner der israelitischen Gemeinde Olmütz ist gleichfalls ein Zögling der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums", Herr Dr. B. Oppenheim, einstimmig gewählt worden. Herr Dr. D. in ein Sohn des verstorbenen Rabbiners Dr. Joachim Oppenheim in Thoru. — Herr Dr. Leo Sternbach ist zum außerordentlichen Pro sessor der klassischen Philologie an der Universität Krakau ernanm worden. — Herr Sigmund Brody und Frau Adele Brody in Budapest feierten am ID August ihre silberne Hochzeit. Bei dieser Gelegenheit hat Herr Brody als Anfang eines durch ihn zu begründen den Pensionsfonds eine Stiftung von 100,000 Gulden für da gesammte Personal des in seinem Besitze befindlichen „Hungaria" Buch druckerei- und Verlagsunternehmens festgesetzt, und zwar in der Weist, daß die jährlichen Zinsen der besagten Summe zur Pensioniruug der wegen vorgerückten Alters oder Krankheit Arbeitsunfähigen, eventuell ihrer Wittwen und Waisen verwendet werden mögen. Das Pensions institut tritt schon im laufenden Jahre ins Leben. Außerdem hat Herr Sigmund Brody an demselben Tage für arme israelitische Studenten eine Stiftung von fünfziatausend Gulden dem Vorstände der Pester israelitischen Religiousgemeinde zur Verwaltung übergeben. - Bei der Bundeskanzlei in Bern sind nunmehr 71,246 Unterschriften für das Juitiativbegehren abgegeben worden, wonach in die Bundes Verfassung die Bestimnmng ausgenommen werden soll, daß dar Schlachten von T h i e r e n ohne Betäubung ausnahmslo untersagt ist. Die Bestimmung richtet sich gegen das Schächten der Juden, worüber nunmehr eine Volksabstinunung stattfinden muß. — In Oldenzaal in den Niederlanden nimmt die Bevölkerung ein drohende Haltung gegen die daselbst wohnenden Israeliten an, zu Thät lichkeiten es ist aber noch nicht gekommen, da die Gendarmerie und die Schür terei die Ruhe bis jetzt aufrecht erhalten konnte. Da die ultramontane! Blätter, welche in dem überwiegend katholischen Bezirk fast allein gelesen werden, den Buschhoff'schen Prozeß in der bekannten Weise dargestell! und den Ritualmord als eine keines weiteren Beweises mehr bedürftig religiöse Einrichtung des Judenthmns geschildert haben, so darf man fiel) über diese Erscheinung nicht wundern. — In Avignon starb der Rat biner Herr Benjamin Mosse, der sich als Schriftsteller und Herausgeber der Monatsschrift: „La Familie de Jacob" einen Namen erworba hat. Sein litterarischer Nachlaß ist sehr bedeutend. — Zum Rabbiw?. von Verdun ist Herr Julius Ruff, bisher Rabbiner in Sedan, gt wählt worden. Zur Zeit sind in Frankreich vier Rabbinerstellen vakani, nämlich St. Etienne, Toul, Sedan und Avignon. — Herrn Eduard L a w s o n, einem der Begründer und jetzigem Haupteigenthümer und Herauo geber des Daily Telegraph, ist von der Königin von England du Barons würde verliehen worden. — "Aus Palästina wird gemeldeu daß in St. Jean d'Acre die Cholera, wenn auch in milder Foruu aufgetreten sei. Truck und Verlag von Rudolf Rio Ke in Berlin. Verantwortlich für bie Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.