Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1892)
- Date
- 1892-08-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
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4 schon Kolonien in 'Argentinien haben es gezeigt, wie weit es bei der Kolonisation auf die Lebensgewohnheit und Vergangenheit der Auswanderer ankommt. Herr Feinberg beabsichtigt, im Gouvernement Cherson 50 bis 100 Kolonisten zu wühlen, welche nach Argentinien geschickt werden sollen . Handwerker und Kaufleute, welche sich melden, werden von vornherein abgewiesen, und unter den Ackerbauern können nur die Tüchtigsten auf Berücksichtigung rechnen. Herr Feinberg hat sich an die Repräsentanten der Odessaer Gemeinde mit der Bitte gewendet, zu einem Kolonisatonskomitee zusammenzutreten. Wie es heißt, sotten aber die jüdischen Repräsentanten Odessas darauf drängen, daß sie ihrerseits einen besonderen Ausschuß gründen könnten, welcher die Beziehungen zwischen den sich zur Reise stellenden Emigranten und dem Baron Hirsch regeln solle. Dieser Ausschuß ist um so nothwendiger, als es auch zahlreiche begüterte Familien giebt, welche nach 'Argentinien zmn Zwecke des Ackerbaues auswandern möchten und nur um die Vermittlung der Hirsch'schen Administration in Argentinien bitten. Falls Baron Hirsch mit diesem Ausschuß in Verbindung treten wird, so steht die Gründung eines Auswanderungskomitees in Odessa, zu welchem die besten Mitglieder der Gemeinde gehören werden, bald bevor, welches Komitee mich die Aufgabe haben wird, die ersten Gruppen zusammenzusetzen und nach Argentinien zu befördern. Eine merkwürdige Nachricht zum Schluffe. Der Kiewer Millionär Lazar Brodzki h.ck, wie die Petersburger Blätter berichten, die Annahme des ihm von Baron Hirsch zugedachten Ehrentitels als Präsident aller russischen Emigrations-Komitees abgelehnt. Am Tage seiner silbernen Hochzeit soll derselbe 100,000 Francs gespendet haben, zwecks Rückbeförderung von 187 Familien, welche sich in Argentinien unter den Bedingungen, die sie dort vorfanden, nicht einheimisch machen konnten. Brodzki beabsichtigt, diese Familien nach Palästina übersiedeln zu lassen. -hi- Moskau, 20. 'August. Während der letzten Wochen ist das Werk der 'Austreibung der Juden aus Moskau, welches im vorigen Jahre begonnen hatte, zu Ende geführt worden. Es war der letzte Trupp, aus mehreren hundert Personen bestehend, welcher vor .Kurzem den Bahnhof füllte und sich von hier aus nach beit „jüdischen" Gouvernements vertheilte. Die ehemals so reiche und angesehene jüdische Gemeinde zu Moskau ist auf einige Familien zusammengeschrumpst. Nicht allein die Handwerker sind vertrieben, sondern auch die Kauflente erster Gilde und Lieferanten für die Negierung sind nicht verschont geblieben. Die Schächter, der Rabbiner und die Kultusbeamten mußten die Stadt verlassen, ja, auch der jüdische Todtengräber gehörte zu den jetzt 'Ausgewiesenen. Tie Tenipel sind geschlossen, denn es fehlt an Besuchern, und die Hauptsynagoge, welche die jüdische Gemeinde aufbauen wollte, muß unvollendet verkauft oder in eine Wohlthätigkeitsanstalt verwandelt werden. Die einzigen Juden Moskaus sind jetzt nur diejenigen, welche sich dorthin auf kurze Zeit ihrer Geschäfte halber begeben, wobei sie aufs Strengste überwacht werden, daß sie nicht einen Tag langer als erlaubt in der heiligen Zarenstadt weilen. Tie letzten aus Moskau vertriebenen Juden begaben sich nicht nach den überseeischen Ländern, sondern hauptsächlich nach dem südwestlichen Gebiet, von wo aus die meisten Juden vor Jahren nach Moskau kamen. Äfrilra, 3E Alexandria 3. August. Die hiesige jiidische Gemeinde ist von einend schmerzlichen Verlust betroffen worden. Im 'Alter von 50 Jahren starb plötzlich am Herzschlage der Rabbiner Samuel ben Lach in, der sich in unserer Stadt bei den 'Anhängern aller Religionen eines berechtigten hohen Ansehens und großer Beliebtheit erfreute. Das Leichenbegängnis; fand am 28. v. M. statt. Eine ungeheure Menschenmenge bildete das Trauergefolge. Man bemerkte darunter Mitglieder des Konsularkorps, sowie die Spitzen der städtischen Verwaltung. Da der Verstorbene der Elijahu-Nabi-Loge des B'ne-b'rirh-Ordens angehört hatte, so betheiligten sich alle Mitglieder dieser Loge unter Führung ihres Präsidenten an dem Leichenzuge. Die Trauerrede hielt der Oberrabb Elias Hassan, der in er, greifenden Worten seines Hingeschiedenen Freundes und Amtsbruders gedachte. ' Landgerichtsrath ernannt worden. — Aus Ulm meldet man, daß die antisemitische „Ulmer Schnellpost" von dem Gouvernement der Festung Begünstigung erfahre, insofern die Wachinstruktion die Vorschrift enthalte: „Mit Ausnahme der „Ulmer Schnellpost" dürfen Drucksachen der Wache nicht zugehen. Ein Exemplar dieser Zeitung wird durch den Oelträgcr von der Hauptwache überbracht, ebenso das Schreibmaterial. Die Zeitung ist wenigstens 24 Stunden zu erhalten." Offenbar rührt diese Vorschrift aus einer Zeit her, da die „Ulmer Schnellpost" noch anderen Tendenzen huldigte als heut. — Das Rabbinat in Leipnik ist nach zwölfjähriger Vakanz durch Herrn Dr. Hillel besetzt worden. — Die Gemeinde Smichow und mit ihr die gesammte Kantorenschast Oesterreichs hat durch das am 11. d. M. erfolgte Ableben ihres hochverdienten Oberkantors Joachim Körner einen schmerzlichen Verlust zu beklagen. — Das Germanische Turnfest in Reichenberg in Böhmen, an dem „judenreiue und reichsdeutsche" Verbindungen theilnehmen sollten, wurde behördlich verboten. — In Kolonien streiken seit dem 24. Juli mehrere hundert Tal lisw eber. Die Sozialdemokratie in Oesterreich und Deutschland sammelt zu Gunsten derStrikenden. — Die Luxemburger Regierung hat der jüd. Gemeinde ihrer Hauptstadt einen Beitrag von 15,000 Franken zum Spnagogenbau bewilligt. Die gleibe Summe ist von der Stadt Luxemburg gespendet worden. — Bei der Preisvertheilung am Pariser National -K onserv atorium wurde der erste Preis für Violine einstimmig dem Fräulein Jaffö, einer jungen russischen Jüdin, zuerkannt. Den ersten Preis für Piano erhielt ebenfalls eine Jüdin, Fräulein Weingärtner. — Der Sekretär des Prinzen Viktor Napoleon, Blanc, schreibt dem „Figaro", der Prinz wolle weder Klassen-, noch Glaubenskr.eg; er vergesse nicht, daß sein Großoheim es gewesen sei, der im Jahre 1807 den Juden die Rechte französischer Bürger zuerkannt habe. > Es bezieht sich das auf die letzte Bonapartisten-Versammlung. — Der antisemitisch - boulangistische Deputirte Bonde au ist seit Kurzem verschwunden. Er hat vor etwa 14 Tagen heimlich seine Wohnung in! Saint-Ouen geräumt und dieselbe, ohne fällige Miethe zu bezahlen, verj lassen. Echt antisemitisch! — Gelegentlich der jüngsten Preisvertheilung sprach der französische Unterrichtsminister Bourgeois sich in ' gleichem Sinne wie Freyeinet scharf gegen den Antisemitismus aus. „In dem Augenblick, wo gewisse Menschen sich nicht scheuen, religiösen Haß und Zwietracht zwischen den verschiedenen Klassen der Bevölkerung! und selbst in das Heer zu säen, nach man diesen Leuten eine Lektion! ertheilen; sie soll ihnen zu Theil werden durch die polytechni che Ge- : sellschaft, deren Geist der Eintracht Vielen zum Vorbild dienen sollte." — i Sechzig Juden, die aus Odessa vertrieben wurden, sind in Marseille | angekommen. Dieselben sind von Geburt Rumänen, haben nach ihrer! Ausweisung vergeblich in Konstantinopel Obdach gesucht und sich dann nach i Frankreich begeben. Zur ihren Gunsten ist eine Sammlung eröffnet worden.! — Der König von Italien hat Herrn Dr. Elia Lattes, emeritirten Proj fessor der Universität in Mailand, zum Kommandeur des St. Moritzi und St. Lazarus-Ordens ernannt. — In Jendrz ejow, drei Meilen von i Wilna, wurde der Guts Pächter Raphael Goldmann Nachts von einer! aus ungefähr 20 Personen bestehenden Räuberbande überfallen, sammt! Familie und Dienerschaft, im Ganzen 11 Personen, grausam ermordet | und beraubt. Die Räuber entflohen. — 400 jüdische Emigranten aus! Rußland sind mit Erlaubniß der Pforte in Salouichi und 400 in! Jaffa gelandet; es werden dortselbst sowie in Smyrna-weitere Zu; zügler erwartet. — Der russische „Negierungsbote" tritt auf das enb j schiedenste den Meldungen ausländischer Blätter über die Grausam-! feiten entgegen, denen in Rußland die Juden ausgesetzt seien. Namentlich j sei die Meldung der „Daily News", daß die Juden aus Moskau und > Petersburg gefesselt und zu Fuß in die ihnen zum Aufenthalte ange j wiesenen Orte abgeführt, ja sogar nach Sibirien transportirt würden, I vollständig unbegründet. In Rußland würden nur Zwangssträflinge! gefesselt, auch diese würden aber nicht zu Fuß transportirt. Der „Re - gierungsbote" schließt mit der Erklärung, in Rußland würden gegen! die Juden keine Grausamkeiten oder Gewaltthaten begangen, alle hier- > auf bezüglichen Zeitungsmeldungen seien rein erfunden. Von Nay und Fern. j — Dem Hoflieferanten Herrn Albert Philipp Meper in Berlin ist das Aitterkrcuz U. Klasse des bad Ordens vcpnZähringerLöwcnverliehen Druck uni- Berlag von Rudots Motte in Berlin, worden. — Herr Amtsgcrichtsrath Peltasohn in Brombcrg ist zum Berantwortlich sür die Redaktion: Mai Bauckwitz in Berlin.