Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1892)
- Date
- 1892-08-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 inzwischen die ganze Gemeinde versammelt hatte. Nach einleitendem Gesänge hielt der Proviuzialrabbiner Herr Dr. Levi die Festrede, die auf alle Anwesenden ties ergreifend wirkte. Hierauf überreichte der Vorsitzende des israelitischen Landeslehrervereins, Herr Lehrer Wertheim, eine kunstvoll ausgearbeitete Adresse. Es sprachen alsdann der Vorsitzende der Gemeinde Hungen, Herr Stern und Herr Loeb aus Friedberg im Namen des D. I. G. B., der dem Jubilar ein namhaftes Geldgeschenk hatte überreichen lassen. Hierauf nahm sichtlich tief ergriffen Herr Salomonsohn das Wort, um für die Beweise der Liebe zu bauten. Nach einem von dem Jubilar vorgetragenen Gebet folgte abermals Gesang, womit diese schöne, erhebende Feier ihr Ende fand. Mittags fand ein gemeinschaftliches Festessen statt, dem auch der Bürgermeister und die Stadtverordneten sowie verschiedene christliche Kollegen beiwohnten. Das erste Hoch, ansgebracht von Herrn Dr. Levi, galt unserm jugendlichen Großherzog. Es folgten noch Toaste auf den Jubilar, dessen Familie, die Gemeinde Hungen re. Das Fest verlief in der schönsten Weise und bewies das gute, freundschaftliche Einvernehmen zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung. Oesterreich Ungarn. T Wien, 10. August. Professor Max Müller in Oxford, der bekannte Gelehrte, hat in Sachen der Nassenhetze das Wort genommen. Das Organ des hiesigen „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", das „Freie Blatt", veröffentlicht soeben sein Schreiben vom 7. August, welches folgendermaßen lautet: „Verehrter Herr! Ich habe schon zu wiederholten Malen mein Mißfallen gegen das Treiben der Antisemiten ausgesprochen. Ich bin in allen Dingen gegen seichtes Generalisiren. Wenn man die allgemeinen Urtheile über Engländer, Franzosen, Deutsche re. hört, so möchte man immer fragen: wie viel Engländer haben Sie denn gesehen und gekannt? Vielleicht zwanzig, und dennoch urtheilt man über zwanzig Millionen! Ich habe viele Juden gekannt, bin ja in Dessau geboren. Viele meiner besten Freunde waren Juden. Nun giebt es ja auch schwarze Schafe unter den Juden, aber nach ihnen das ganze Volk zu beurtheilen und zu verurtheilen, das geht doch über alle Regeln der induktiven Logik! Ich habe seit lange jedem Deutschen in England gepredigt, daß er als Einzelner für den guten Namen des deutschen Volkes verantwortlich ist. Dasselbe möchte ich jedem Juden predigen können. Jeder einzelne Jude ist für den guten Namen der Juden verantwortlich. Wem: jeder einzelne Jude das suhlte, oder wenn die Gemeinde ihn das fühlen ließe, so würde (s keinen Antisemitismus geben. Das in Bausch unb Bogen Aburtheilen ist der Ruin aller Wissenschaft; was für Unheil es in der Gesellschaft uub im Staate entrichten kann, sehen wir in beit Exeessen der Antisemiten. Ich bin Anti-Antisemit und werde es bleiben". Soweit Max Müller. Dem Judenthum ist diese Idee nicht frentd. Der Satz: „Alle Israeliten haben für einander Bürgschaft zu leisten", sowie der Begriff des „Kiddusch hoschem", der Heiligung des göttlichen Namens durch unser Thun, sind nichts anderes, als die von dem großen englischen Gelehrten geforderte Rücksichtnahme auf die Gesammtheit bei jeder That des einzelnen Israeliten. Dänemark. * .Kopenhagen, 10. August. Die Ursachen, die den Redakteur und Herausgeber von „Kjöbenhavns Börstitende" Ernst Brandes, dessen Leiche im Thiergarten zwischen Klampenborg und Fortunen gefunden, in den Tod getrieben haben, sind unbekannt, jedenfalls sind sie kaum in in äußeren Umständen zu suchen, da er in guten Verhältnissen lebte. In ben Kleidern des Todten fand man eine Kapsel mit einem weißen Pulver, so daß anscheinend Vergiftung vorliegt. Ernst Brandes, ein Bruder von Georg und Eduard Brandes, war am 1. Februar 1844 hier in Kopenhagen geboren. Er war anfänglich Geldwechsler, hatte sich früher mit ökonomischen Studien befaßt und sich sowohl durch Zeitungsartikel wie durch sein Werk „Gesellschaftsfragen" bekannt gemacht, bis er vor einigen Jahren erst Redakteur und später zugleich Herausgeber der „Kopenhagener Börsenzeitung" wurde. Er war ein äußerst tüchtiger Journalist, der sein Gebiet in seltener Weise beherrschte. Die dänische Presse verliert in dem Todten eine gediegene Kraft. Frankreich. L. Paris, 10. August. In einem Lobgesang auf — Torquemada findet die Vertreterin des hiesigen Antisemitismus, die „Libre parole", Gelegenheit, ihre innersten Wünsche und ihren wahren Charakter zu offenbaren. In derselben Nummer vom 9. August, die an der Sp das Urtheil des Gerichtshofes gegen Drumont enthält und in der dar die naive Bitte an den Leser ausgesprochen wird, die Lektüre auf vierten Seite zu beginnen, findet sich auf eben dieser vierten Seite von eben diesem Drumont Unterzeichneter Aufsatz: „Torquemada e Dr. ilobmet." Dieses Elaborat enthält u. A. folgende Stelle: „ Inquisition war ein väterliches Gericht, das in seinem Vorgehen wenig minutiös war, so wie alle Kirchengerichte, die das Für und lange erwägen." Sodann stellt Drumont, der die Inquisition namen deshalb preist, weil sie in der Trunkenheit gethane Aeußerungen v zur Rechenschaft gezogen habe, den unschuldigen Torquemada als reinen Waisenknaben gegen Leute wie Thiers und Jules Simon und schließt mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß auch Torquen einst sein Denkmal in Frankreich erhalten werde „als einen Protest c das Pharisäerthum der freimaurerischen und jüdischen Bourgeosie. über die Opfer der Inquisition weint, aber den Exekutionen, die Kommune folgten, Beifall klatschte." Armer Drumont! ,6. j Von Uatl und Fern. Diese Abonn Post o! unter £ Ncdo — Wie die „Staatsbürger-Ztg." berichtet, soll bei dem Somn des „Deutschen Antisemitenbundes" am 6. August eine Militärka mitgewirkt haben. Das scheint uns ein Beweis zu sein, daß mar Antisemiten die Bedeutung einer politischen Partei nicht mehr beinn - Herr Franz Rudorfs, königlich preußischer Majora. D., bis Juli Bataillons-Kommandeur im Grenadier-Regiment König Friedrich 1., i auf Grund seines christlichen Standpunktes in einem Briefe an SD dessen unerhörte Angriffe auf Diejenigen, welche sich an Sammb für die Familie Busch hoff betheiligt haben, mit Entschiede zurück. — Herr Rabbiner Dr. Rosenberg aus Brandenburg ist m 28 Bewerbern, von denen fünf zur engeren Wahl standen, einstini zum Rabbiner der Synagogengemeinde Thorn gewählt worden. - dem in Bremerhaven eingetroffenen Lloyddampfer „Weser" sind uO 200 russisch-jüdische Auswanderer von Agentinien zurückgeD dieselben wurden mit der Bahn nach der russischen Grenze weiterbefördcci Am Sonntag den 14. August vollendete Herr Seminardirektor Dr. P l in Köln sein siebzigstes Lebensjahr; gleichzeitig waren es 25 Jahre, derselbe mit Erfolg an der Spitz.' des israelit. Lehrerseminars steht. — greise Oberlehrer an der Tarnopoler israelitischen Hauptschule, > Meier Steinschneider, hat, veranlaßt durch den Direktor dc Schule, Dr. S. A. Taubeles, den größten Theil seines Gesammtvermöe circa 22,000 fl., zu verschiedenen gemeinnützigen und wohlthätigen Zwe der Kultusgemeinde Tarnopol in das Eigenthum übergeben. — Oberrabbiner von Vesoul, Herr Schuhl, hat gegen die „Libre Pm wegen Verleumdung die Klage eingereicht. — Der jüngst mit dem Di der Ehrenlegion dekorirte französische Marineoffizier Emil Oppen hat dieser Ehrenbezeigung nicht mehr theilhaftig werden können, tui inzwischen vor Tonkin seinen Wunden erlegen ist. — Bei einem Fei der BonaparListen in Paris verkündeten die Redner ein neues ko partistisches Programm, in dem u. A. Antisemitismus in der Form schiedener Parteinahme für die Arbeiter und gegen die „Geldjuden" genommen ist. — Lord Rothschild hat einer großen Anzahl S gogen und Schulen in London und den Provinzen zur Benutzung die Beamten und Lehrer die vollständige englische Ausgabe von G r „Geschichte der Juden" zum Geschenk gemacht. — Aus Warn! wird polnischen Blättern berichtet, daß es in Hrubieszow zwischen jüdischen Bevölkerung und den Arbeitern, welche im Aufträge des Beo Chefs die neuen Mauern des jüdischen Friedhofes abzutragen begann zu blutigem Zusammenstöße gekommen ist. Es mußte zur Wiederherstclli In mei 'on Dr 1U-: * Hfl L 'ater D. rcslan ranken. Msecll der Ruhe Militär requirirt werden. — Das Petrikauer Bez gericht verurtheilte nach dreitägiger Verhandlung wegen Aufrcik zum Streit und Plünderung und Mißhandlung von Israeliten gelegcnl der hier zu Anfang Mai stattgefundenen Unruhen zwei Arbeiter Jahr sechs Monaten Gefängniß, zweiundzwanzig Arbeiter zu ein Fi sechs Arbeiter zu mehrmonatigen Gefängnißstrafen. Die Verhandü gegen die zweite Serie der Angeklagten wird im September stattfinw.u Herr Dr. Philipp Klein aus New-Aork ist zum Rabbiner der 1 meinde Baltimore berufen rv.c'oen. D ne Bo eiben inlöbt %. 31 grüßt. Mge, 'Mibcnl E eichen X'kÜM 'enn -wie st'wus nit tu onfer N en £ nb. emeiri Tube trt a ^roßg iidjt i 'w, ist dem (5 Die lampfi bebviiö wickeln Di ni;nb? Me T Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin. Konti: einen