Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1892)
- Date
- 1892-08-19
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
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Der Naine Balls, den ich auf einem Schilde erblickte, bewog , in den Laden einzutreten. Meine Absicht, zu erfahren, ob unter Nachkommen der Marranen noch eine Erinnerung an ihre Ab- »muung hafte, wurde bald erfüllt. Jni Gespräche erlaubte ich mir Frage, ob in ihrer Mitte noch das „Schema" bekannt sei? „Wir bessere Katholiken als die Anderen!" erwiderte Balls. „Schauen je nur, wie alle unsere Frauen und Mädchen täglich zur Kirche lim!" Um mir jeden Zweifel zu nehmen, öffnete er eine Seitenir und wies auf die Schinkenkeulen, die an der Wand hingen, r Name Chuetii fand damit eine sonderbare Illustration. Wissen Sie auch, fuhr ich fort, daß einst der Rabbi von Palma neu Namen trug? Balls horchte neugierig auf. Ja, in jener ii, da noch in Palma die Scheiterhaufen aufloderten, wurde eines nges Balls und mit ihm wurden Raphael Tarongi und deffen Schwester, iugendliche Catalina, vor das Jesusthor geführt. Auf dem Platze ig> kommen, wartete nicht Tarongi sein Schicksal ab, sondern stürzte auf den Holzstoß; als er aber die Schwester erblickte, wie sie mit ii Flammen kämpfte, brach er in lauten Jammer aus. Nicht doch! i ihm die Schwester zu, verzage nicht, mein Bruder! Sing mit mir ■i Lied Adonals, und Beide sangen: Schema Israel! In diesen riumphgesang mischte auch Rabbi Balls sein Gebet, als er den üieiterhaufen bestieg. Mein Zuhörer vergoß Thränen, indem er mir mm die Hand reichte. Noch hetite haben die Leute aus der Gaffe Zurücksetzungen zu dulden; sie Verkehren darum meist untereinander und schließen auch ter einander die Ehebündnisse. Ein Offizier, der ein Mädchen eder „Klasse" heimgeführt hatte, mußte darob eine Empörung Kasino erfahren. Dabei nehmen „die Leute aus der Gasse" im niigen Leben eine hervorragende Stelle ein. Sie zeichnen sich als chter und Schriftsteller aus. Wir nennen nur Tomas Aguilv, der > das Haupt des Dichterkreises in Palma angesehen wird. Der Presbiter Don Jose Taronji, ein Name, der uns an den orhin genannten Märtyrer erinnert, veröffentlichte eine Polemik gegen Borurtheile, die man nach vierhundert Jahren noch immer gegen ' „Klaffe" hegest) die Antwort lautete: Was hilft das Alles, sie »unten doch von Jenen ab, die nur dtirch den Zwang der Ber- Utnisse den christlichen Glauben angenommen hätten! FEUILLETON Avrohmche Nachtigall. Eine Erzählung von M. A. Goldschmidt. (Schluß.) Die Gefahr rückte seiner Ansicht nach immer näher, jetzt war e nur noch um Haares Breite entfernt, jetzt würde es kommen, klinisch, vernichtend: „Heirathe unser Dienstmädchen." Er stöhnte: Atit mir ist es vorbei," indem er die Augen vor dem Blitze schloß. „Dummheit, Avrohmche! Es ist niemals vorbei." — Glaubst »> daß Isaak, mein Sohn, ein ehrlicher und honneter und braver l>d strebsamer Mensch ist?" ) Estado religioso y social de la isla de Mallorca. Polemica contra lS preocupaciones de clase. Palma 1877. Was war das? Sie sprach von ihrem Sohn! Ihre Gedanken waren nicht an der gefürchteten Stelle! Avrohmche öffnete wieder die Augen. „Glaubst Du das?" fragte sie. „Und wie glaube ich das!" „Und glaubst Du, daß er ein tüchtiger Gcschüstsmaun ist?" „Kol JisroeU) sollte einen Sohn haben wie Isaak! Kann ich mehr sagen?" „Na, Isaak will sich etabliren. Du schießest Dein kleines Kapital ein und wirst sein Kompagnon, und für das klebrige wird der liebe Gott sorgen." Jetzt verstand Avrohmche vollständig, er begriff, daß er gerettet war, er fühlte es wie ein Wunder, und zum Entgelt dafür, daß seine Ausschweifung so wunderbarer Weise verborgen geblieben war, fand er es recht und billig, daß er sich — mit Sitte verheirathete. Er richtete in aller Eile ein Tankgebet au Gott und fragte, fast ohne darüber nachzudenken: „Was wird Sitte dazu sagen?" „Güte," antwortete Madame Saß, „ist ein vernünftiges Mädchen und hat die Kinderschuhe ausgetreten. Und wozu bin ich da?" Am Tage darauf kam Sitte allein. Sie sagte ohne jede Einleitung: „Pollak, Mutter sagt, daß wir Beide uns verheirathe» sollen." Avrohmche antwortete: „Das hat sie zu mir auch gesagt." Sie fuhr fort: „Wir sind keine Kinder mehr, Pollak. Sie bekommen ein armes, halb altes Mädchen; na, das wissen Sie ja, aber da ist etwas, um das ich Sie befragen möchte." „Wenn ich antworten kann, so fragen Sie nur, Sitte." „Sie können mir das beantworten. Sie sind der Einzige, der cs kann, und der Einzige, der es muß. Ist cs eine Sünde, von einem Christen etwas zu halten — ich meine: richtig etwas zu halten in ihn verliebt zu sein?" Avrohmche hatte sich vollständig sicher geglaubt; jetzt kam diese Frage so überwältigend, daß er einer Ohnmacht nahe war. Aber es gelang ihm doch, sich zu sammeln und eine kleine Berschanzung aufzuwerfen: „Sünde?" antwortete er. „Es giebt größere Sünden." „Aber wenn ich mm in einen Christen verliebt geivesen wäre? Was dann?" „Sie?" rief Avrohmche, und ein neuer Gedanke stieg in ihm aus: er war Mann, er war Herr und Richter des Weibes. Aber ebenso schnell wurde er wieder bedenklich: war das nicht etwa eine Falle? Oder was war das sonst für eine Geschichte? Er wagte nicht ein Wort zu sprechen. Sie achtete nicht auf ihn, sondern fuhr fort: „Es würde ja eine Sünde gegen Gott sein, wenn ich vor meinem Ehemann, den er mir schenkt, etwas verbergen würde." Also war es wirklich Ernst, und dieser Gedanke nahm Avrohmche völlig ein. „Wer ist dieser Mann?" rief er. „Was ist das für ein Mann? Wie sind Sie zu dem Mann gekommen?" „Es war ein Offizier." „Ein Offizier! — Unserer Sünden wegen sind die Offiziere da! — Ein Offizier! — Wie kamen Sie zu dem Offizier?" „Das weiß ich nicht, Pollak. Es war wohl G'sar Din?) Ich ging eines Tages auf der Straße, und plötzlich sahen seine Augen in meine Augen. Ich hatte ihn nie vorher gesehen, es war etwas ganz Neues. Es war, als ob er in demselben Augenblick erschaffen ivorden wäre und ich auch in demselben Augenblick." 1) Ganz Israel. 2) Ein vom Schicksal bestimmtes Urtheil.