Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-12 · Heft 33 (12.8.1892) · p. Seite 386

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 33 (12.8.1892)
Date
1892-08-12
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227965--49043-3269713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

386 Eine wichtige Lehre. Von Dr. Adolf Jellinek. Die Verhandlungen des Mordprozesses in Xanten müssen trotz aller Ermüdung studirt und wieder stndirt werden. Welch' ein Schauspiel wird da entrollt! Welche sittliche Verlommenheit tritt uns da entgegen! Was sind das für Menschen, die in Cleve erscheinen! Welche Leichtfertigkeit und Verlogenheit in den Aussagen! Welch' ein Schandzeugniß hat der Antisemitismus in diesem Prozesse sich selbst ausgestellt! Nur Einer ragt hervor durch seinen Charakter: Es ist dies der Schächter Buschhoff. Von allen Seiten wird ansgesagt, das; er gutmüthig, friedfertig, vertrauenswürdig, redlich in seinen Geschäften ist, Niemanden übervortheilt wegen eines Profits. Zeuge Kupers, der Stadtverordneter und Kaufmann in Xanten ist, bekundet, daß Buschhoff nicht rachsüchtig und durchaus reell sei. Er äußert ferner, daß er zu Buschhoff oft gesagt habe: „Du bist zu brav und zu ehrlich, deshalb kommst Du nicht weiter." Der gute Leumund, dessen der Schächter Buschhoff bei feinen christlichen Mitbürgern sich erfreut, hat viel dazu beigctragen, daß ihm innige Sympathien sich zuwandten. Nehmen wir an, der Angeklagte hätte keinen guten Ruf gehabt, wäre ein Wucherer oder ein Kaufmann gewesen, der in Geschäften nicht sehr skrupulös ist oder seinen christlichen Mitbürgern gegenüber arrogant, herausfordernd sich benimmt, so wäre er zwar auch nicht verurtheilt worden, da kein Grund zu einer Verurtheilung vorhanden war; er hätte aber durchaus nicht eine synipathische Theilnahme gefunden und in den Verhandlungen würde manches zur Sprache gekommen sein, was den Juden unlieb und den Antisemiten angenehm gewesen wäre. Der Schächter Buschhoff verdient daher alles Lob wegen seines makellosen Charakters und seines herzlichen und friedlichen Zusammenlebens mit den Christen in .Xanten. Daraus geht eine höchst wichtige Lehre für die Juden im Allgemeinen hervor: Jeder Jude, mag er noch so unbedeutend sein, muß sich in seinem Leben und Streben, in seinem Thun und Lassen, in seinem Erwerb und in seiner Beschäftigung, in seinen Gesprächen und Urtheilen als verantwortlich für das ganze Judenthum und für die gesummte Judenheit betrachten. Denn es können Umstünde eintreten, die seiner Persönlichkeit und seiner Lebensführung eine besondere Bedeutung für seine Glaubensgenossen verleihen, ein nnbedachtsames Wort, eine leichtfertige That, ein unbescheidenes Betragen zum Ausgangspunkte von Anklagen gegen seine Glaubensgenossen machen würden. Wer hätte gedacht, daß der simple Schächter Buschhoff eine so wichtige Person für die Judenheit sein würde, und daß sein makelloser Charakter, sein gntmüthiges Benehmen, seine von de» christlichen Mitbürgern gelobte Lebensführung zu wichtigen Momenten in dem Mordprozesse sich gestalten würden? Wir Inden haben eine uralte Fahne, die wir seit Jahrtausenden vorantragen: sie ist himmelblau und weiß und hat die Inschrift: Kiddusch-ha-schem und Ghillul-ha-scheni, d. h. Alles vermeiden, was den Namen des Judenthums verdächtigt und schändet, Alles ausführen, was dem Judenthum Ehre und Anerkennung einbringt. Dieser Fahne müssen alle Israeliten folgen, der Hausirer tvie der Millionär, der Student wie der Professor, der Schächter und der Obercabbiner! Es ist nicht genug, daß der Angeklagte von Xanten materiell unterstützt iverde; wir wollen ihm auch jene ehrenvolle Anerkennung zu Theil werden lassen, die ihm gebührt. d Die Trostessatrdathe. I Von A. Levy. Unsere religiösen Einrichtungen sind ein getreues Spiegelbild des Lebens mit seinen Wogen und Wellen, seinen Ebben und Fluthen. Wie hier die Gegensätze hart an einander stoßen, Freude auf Leid oft unmittelbar folgt, so spiegeln auch die religiösen Einrichtungen Israels diese Gegensätze und fast unvermittelten Uebergänge wieder. Aus die herben Bußworte des großen älteren Jesajah, die das Herz im Busen uns erbeben machen, weil sie so naturgetreu nicht nur die Sunden unserer Väter, sondern auch unsere eigenen Vergehungen uns vor Augen führen, folgen die herrlichen Trostesworte seines späteren Namensträgers, welche uns Muth und Hoffnung einflößen, in der Zerknirschung uns aufrichten, aus der Gebeugtheit uns erheben. Wenn wir das größte Wunder der Weltgeschichte: die Erhaltung Israels, des „geringsten" unter den Völkern, während seiner fast zweitausendjährigen Verbannung, trotz aller Verfolgungen und Nachstellungen, trotz der grausame» Wuth des übermächtigen Feindes; wenn wir dieses Wunder uns rationell und psychologisch erklären wollen, so werden wir die sieben Trosteshaftarahs aus dem Deuterojesajah mit in Anrechnung bringen müssen. Suchen wir zunächst das Wesen und den Begriff des Trostes uns klar zu machen. Trost setzt jedesmal ein Leid, sei es bereit* wirklich vorhandenes oder ein befürchtetes (Gefahr) voraus. Dieses Leid oder diese Gefahr sind aber noch nicht überstanden, denn sonst bedürfte es des Trostes nicht mehr, hier wäre eher die Siegesfreude am Platze. Anderseits müssen die ersten niederbeugenden und erschreckenden Eindrücke des Leids bereits überwunden sein; hier wäre der Trost noch nicht am Platze (vergl. Sprüche der Väter IV, 23 2). Trost ist auch nicht ein Heilmittel, welches die Krankheit der Seele, den Schmerz, zu beseitigen geeignet ist, sondern vielmehr ein Kräftigungsmittel, welches die Seele widerstandsfähiger macht und sie in den Stand setzt, die Krankheit zu überdauern und die Heilung abzuwarten. In Rücksicht nun auf die Begebenheiten der allerjüngsten Vergangenheit wird wohl mancher unserer Leser den lauten Siegesjubc für angebrachter halten, als den linden Trost; aber gerade vor diesen Jrrthum, der ein verhängnißvoller werden kann, sollen uns die religiösen Einrichtungen und Belehrungen bewahren. Wir Habei noch keinen Grund, Siegeslieder anzustimmen und „Viktoria" z schießen. Noch dreut der Feind, noch lauert der Verrath, auch Hinte manchem freundlichen Gesicht, noch umgiebt uns das Geheul der Wüste, noch wandern wir durch die Einöde. Aber wir hören et schon mitten aus der Wüste rufen: Bahnet einen Weg dem Ewigen, ebnet einen Pfad unserem Gotte. — Der Sieg der Wahrheit und des Rechts ist zwar noch nicht entschieden, aber er ist sicher zu erwarten. Noch ist das Morgenroth der wahren Duldsamkeit nicht aufgegangen, aber auf die ungeduldige Frage: „Wächter, was ist es an der Nacht?" wird uns bereits die verheißungsvolle Antwort - „Es naht der Morgen und auch die Nacht." Es naht der Morgen — für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit; die Nacht — für das Natterngezücht der Lüge, Bosheit und Verleumdung. Noch manch harter Kampf steht uns bevor, aber in diesem Kampfe wird uns das Wort: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott", Kraft und Muth verleihen. Wollen wir aber gegen die böse und häßliche Krankheit unsere. Zeit ankämpfen, so dürfen wir auf die Symptome »ns nicht beschränken, sondern müssen die Wurzel des Uebels zu ergründen und bestreben. Und da füllt mir gerade eine Midraschstelle ein, welche lautet: Wird Jemand von Schicksalsschlägen schwer betroffen so, unter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.