Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1892)
- Date
- 1892-08-05
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
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378 „froher Tage" is. oben); „auch manche liebe Schatten steigen auf" mit den hebräischen Ehiffern. Denn „Namen" sind bekanntlich „Schatten" (s. oben) Schemen und — Schein ist im Hebräischen der „Name". „Gleich einer alten halbverklungenen Sage — kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf", d. h. mit den hebräischen Buchstaben. Tenn „die Sage" ist in der Goethe'schen Faustsprache als „Aussprache" zu fassen. Nun aber giebt es im Hebräischen solche Wörter, deren Aussprache nicht festzustellen ist wegen der fehlenden Vokale und trotz aller Masoreten. Die erwähnten „halbverklungenen" heute unaussprechlichen hebräischen Worte sind: der Name Jeyovah und das Geschlechtsregister der Juden. Nun ist aber nach biblischer Redeweise gerade Jehova: „die erste Liebe", denn „Du sollst Gott über alles lieben", und das Geschlechtsregister enthält nach der Bibelsprache (1. Mos. 12 „Und der Herr sprach zu Abraham: Gehe aus deinen: Vaterlande und von deiner Freundschaft) „die Freundschaft"; mit Goethe zu reden: Erste Lieb' und Freundschaft. Also weil der Name Jehovah (erste Liebe) und das Geschlechtsregister (die Freundschaft) nicht auszusprechen sind, konnte Goethe sagen: Gleich einer alten halbverklungenen Sage Kommt „Erste Lieb" und „Freundschaft mit herauf". Und so geht cs weiter: „Die Guten" sind die Juden, die „Seelen" die hebräischen Buchstaben, „das stille, ernste Geisterreich", nach dem den Dichter ein längst entwöhntes Sehnen ergreift — die hebräische Poesie. Kurz, mit den kabbalistischen Hilfsmitteln läßt sich die „Zueignung" fraglos viel besser erklären als mit dem banalen Menschenverstände. Und es muß wirklich eine erhabene Stunde gewesen sein, als dem fleißigen Forscher „zuerst die Erkenntniß aufging, daß im Grunde die ganze Zueignung int Faust hebräisch oder hebräisch-deutsch geschrieben sei." Aus kabbalistische Weise erklärt nun Louvier die schwierigsten und dunkelsten Stellen im „Faust" mit spielender Leichtigkeit. Man staunt nur darüber, wie dies Alles bisher verborgen geblieben sein tonnte und wie auch die besten Erklärer des unsterblichen Dichters rein mit Blindheit geschlagen gewesen sind. Leider gestattet es mir der knapp zugemessene Raum nicht, auf weitere Einzelheiten einzugehen, wie Hern ich dies auch möchte. So inuf; ich die Erklärung der „Mütter" durch das Sefer Jezirah (dort iverdcn nämlich die zwanzig Gruudbuchstaben auf drei „Mütter" A. M. S. zurückgeführt — Jmoth!!), der grauen Weiber durch Temurah, der Helena durch Gematriaoth und andere sehr werthvollc Nova übergehen, um schließlich noch eine merkivürdige Entdeckung Louvier's mittheilcn zu können, die nämlich, daß die Hexenküche die „hebräische Exegese" darstelle! Die kabbalistische Auflösung der Rede Faust's am Anfang ist folgende: „Mir" (dem Verstände) „widersteht das tolle Zauberwesen", „das tolle kabbalistische Vertauschen der Begriffe"; soll ich „genesen", d. h. aufgetlürt werden in diesem Wust von „Raserei"? Verlang'ich ärztlichen Rath von der alten Exegese der Juden („von einem alten Weibe") und macht mich neu („verjüngt mich") die Sudelkocherei, d. h. die Afterwissenschaft des Kabbnlismus? Hier ist nur ein Wort dunkel geblieben: „die Raserei". Doch auch das löst Louvier mit großem Geschick auf: die „Raserei" scheint auf die Arbeit eines bestimmten Kabbalisten zu gehen, der vielleicht „Raser" geheißen haben dürfte. Es giebt meines Wissens aber einen solchen nicht. Erst die Ilebersetzung dieses Wortes ins Griechische ergiebt den gesuchten Namen. Der , Rasende" ist Moros, dessen kabbalistische Werke auch von Ealmet angezogen werden bei Besprechung der Scfiroth. Und auch ein Seitenstück hat Louvier für diese „Spiegelung" gleich bei der Hand: „Der vorzüglichste alte Talmndist der Juden war Rabbi Jarchi, Solomon b. Jsak. Dieser Gelehrte führte allgemein den Namen „Raschi", und Goethe benutzte auch diesen Namen wiederholt wie Morus, um zur kabbalistischen Untersuchung seines „Faust" aufzufordern." Und nun ist das Ge heimniß heraus: Es muß nicht „Raserei", sondern „Ra sch er ei" heißen, und der Vers 6893 muß nun nach Louvier so gelesen werden: Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spaten, Das Abgesteckte muß sogleich gerathen. Auf strenges Lockern (Temurah!), „Raschen" Fleiß Erfolgt der allerschönste Preis. Es muß also heißen: Raschi's Fleiß! Raschi im Faust - damit muß ich schließen. Das ist entschieden die Krone de: Goethe - Philologie, die hier ihre Triumphe feiert. Ich bin selbstverständlich zu wenig Kabbalist und eben so wenig Goethe - Forscher, um das Werk von Louvier auf seine Richtigken hin zu prüfen oder zu kritisiren. Ich mußte mich damit bc gütigen, das herauszuheben, was für uns von spezifischem Interest ist. Und da meine ich denn, für einen Spaziergang wahrlich genug geboten zu haben: Goethe und Dr. Hamburger, Faust und Raschi. die Mütter und die Sefiroth, die Hexenküche und Abt Calmei. Homunculus und die Temurah, Mephisto in Gematriaoth . . . Aber zur rechten Zeit noch Ergriff mich beim Fuß der Kapitän Und zog mich vom Schiffsrand Und rief, ärgerlich lachend, „Doktor, sind Sie des Teufels'?" G. K. * FEUILLETON Avrohinche Nachtigall. Eine Erzählung von M. A. Goldschmidt. (Fortsetzung. Er wagte nicht, dorthin zu gehen und durfte doch auch nickn fortbleiben, schließlich aber ermannte er sich. Er fand denselben gleich mäßigen, fast gleichgiltigen Empfang wie sonst, und glaubt Anfangs, daß es die Stille vor dem Stlirm bedeute, daß man sick sorgfältig vorbereitet hätte, damit der Blitz um so überraschende« und vernichtender einschlagen könne; aber cs wurde ihm doch bat klar, daß das Barometer zuverlässig auf gut Wetter zeigte, lind du fühlte er eine große Erleichterung und Dankbarkeit, Dankbarkeit gegen den Himinel und gegen das Mädchen, das offenbar geschwiegen hatte. An einem der nächsten Abende machte er sich eine Ansrede bei Saß' und brachte dem Mädchen als Geschenk ein Stück Kuchen mit Damals waren wahrscheinlich die Dienstmädchen und die Kuchen besser als jetzt, denn das Mädchen nahm die Gabe mit Dank entgegen und als sie Avrohmche die Treppe hinab leuchtete und ihm dt Straßenthür öffnete, dankte sie ihm noch einmal dafür. „Keine Ursache," sagte Avrohmche, „Sie sind ein gutes Mädchen Ich sage Ihnen nicht, weshalb Sie ein gutes Mädchen sind. Sn sind ein gutes Mädchen. Wie heißen Sie?" „Emilie." „Emilie, das ist ein schöner Name. Wie alt sind Sie?" „Neunzehn Jahre." „Neunzehn Jahre," sagte Avrohmche und sah zum ersten Mai« recht in das hübsche, jugendlich frische Gesicht, und er fügte in naiver Befriedigung hinzu: „Sie sehen auch wie ein gutes Mädchen aus. Wirklich! Wo sind Sie her? Sind Sie hier aus de« Stadt?"