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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 Eine zweite beliebte Anklage war die der Hostienschandnng. In Segovia steht eine alte Synagoge, deren Bauart an die Toledanische Maria la blanca erinnert. An einem Pfeiler befindet sich ein Gemälde, dessen Bedeutung uns eine daneben angebrachte Tafel erzählt: Der als Arzt gefeierte Don Me'lr habe gegen Erlegung einer großen Sttnnne von einem Sakristan eine Hostie erlangt. Schnell versammelte Meir die Juden in diesen: Tempel, setzte einen Kessel zurecht, und als das Feuer aufflackerte, warf er die Hostie in den mit Wasser gefüllten Kessel. Da erhob sich plötzlich ein Donnergetöse und durch die Decke schoß der Blitz hernieder, der an der Wand einen langen schwarzen Streifen zurückließ. Erschrocken gingen die Juden zum Prior, der den Reuigen Schweigen gelobte. Doch da Ketzern gegenüber Nachsicht nicht am Platze ist, wurden die Schuldigen dem Scheiterhaufen, dem Kerker überliefert oder des Besitzes beraubt und der Stadt verwiesen. Noch immer begeht rnan 3111* Erinnerung des merkwürdigen Ereignisses alljährlich eine Prozession nach dieser Kirche, wo dem erregten Bolke der lange Blitzstreif gezeigt wird. Wir können nicht umhin, noch einer anderen Kuriosität zugedenken, die in dein an Legenden so reichen Segovia als Thatsache berichtet wird. Die Jüdin Maria Saltos wurde fälschlicherweise des Ehebruchs angeklagt, weil sie eine Hinneigung zum christlichen Glauben bezeigt hatte. In Gegenwart der ganzen Gemeinde ließ sie ihr Mann von der Höhe eines Felsens hinabstürzen. In diesem schrecklichen Augenblick leuchtete der Armen das Bildniß der Jungfrau von: Thore der Kathedrale entgegen. Sie flehte die Jungfrau um Schutz an, und siehe da, langsam und unbeschädigt erreichte sie den Boden. Ihr Leben weihte sie nun der Kirche und nach ihrem Tode ward ihr Leichnam in der Kathedrale neben fürstlichen Sarkophagen beigesetzt. Eine Inschrift verewigt das Mirakel und den Namen Maria del Salto. Nächst der Beschuldigung des Christenmordes und der Hostienschändung wurde als dritte Anklage die der Brunnenvergiftung erhoben. Ter schwarze Tod gab dazu die Beranlassilng. Die Juden hätten die Brunnen und Quellen vergiftet und auch an ihre Glaubensgenossen der verschiedenen Länder das zubereitete Gift gesandt. Was aus diese Beschuldigungen erfolgte, war vorausberechnet. Fand sich doch der Papst Jnnocenz IV. veranlaßt, in einer Bulle zu erklären: „Auf Erdichtungen hin, ohne jeglichen Beweis berauben Geistliche und Fürsten die Juden ihrer Güter, bedrücken sie durch Entziehung von Nahrung, durch Kerker, Landesverweisung und Tod, so daß die Juden noch schlimmer daran sind, als unter den Pharaonen." Gin jüdischer Hauptmann im vorigen Jahrhundert. Bon L. Wolfs. Inden - Schutz - Briefe und Privilegien giebt es bekanntlich in großer Zahl iit Deutschland; einzelne aber erregen heute noch ein größeres Interesse, weil sic bisher nirgends bekannt geworden und in einem Tone gehalten sind, aus dem man ein wirkliches und aufrichtiges Wohlwollen von Seiten des Monarchen selbst für die Person des damit ausgezeichneten Inden ersehen kann. Ein solches Privilegium bedeutete etwas mehr als die Verleihung eines Titels oder Ordens. Es war ein solcher Brief in Wirklichkeit ein Schutzbrief gegen Willkür und ungerechte Maßregeln von Seiten christlicher Büttel und — jüdischer Vorsteher und was noch mehr: - oft auch die Quelle großen Reichthums. Der Name des Obcr-Hof-Bankicrs und Chaussee-Bau-Jnspektors D a n i e l I t z ig (späterer Schwiegervater von Dan i el Fr i e dlä nd c r), sowie seines Associe V. H. Ephraim und Söhne sind heute noch bekannt, d. h. sie haben für die Geschichte der Stadt Berlin einen gewissen historischen Werth; für rms Inden können sie nicht mehr i» Betracht kommen, denn aus Jtzig ist schon Anfang dieses Jahrhunderts Hitzig geworden und Ephraim heißt heute Eberty und Ebers. Die von Juden erworbenen Millionen, ja selbst die von de» Genannten errichteten Familienstiftungen sind in den Händen nichtjüdischer Nachkommen. Von den ersten berühmten jüdischen Familien Berlins aus dem vorigen Jahrhundert sind leider nur wenige dem Judcnthum treu geblieben. Professor Ludwig Geiger giebt im zweiten Theil seiner „Geschichte der Juden in Berlin" den Wortlaut des Naturalisationspatentes der Familie Jtzig — das einzige in seiner Art; von dem nach folgenden Patent, das einem Nefscn des D. I., der, ein Unikum in der damaligen Zeit, Armce-Polizei-Jnspektor mit Hanptmanns rang gewesen, geben weder das genannte Buch, 'noch sonstige vor handene Geschichtswerke eine Auskunft. Die Geschichte dieses jüdischen Hauptmanncs und Arinee-Jnspcktore wie noch vorhandene Familienpapiere sie erzählt und das nachfolgende Patent bestätigt, ist folgende: Nachdem Daniel Jtzig, der um die Mitte des vorigen Jahr Hunderts als unwissender und armer Junge aus Märkisch-Fried land nach Berlin eingewandert, hier zu Vermögen und Ansehn ge kommen, ließ er auch seine übrigen Familienangehörigen nach Berlin kommen. Sein Schwager Kossmann Wolfs hatte zwei Söhne, wovon der eine in der Königstraße 42 ein Geschäft etablirte. (Ta-- Haus ist noch heute im Besitz der Familie.) Der zweite Sohn Lion Wolfs muß sich, ebenfalls eine Ausnahme in damaliger Zeit, dem Soldatenstande gewidmet haben, denn schon in den achtziger Jahren ist in der Familie die Rede von einem Armee-Inspektor. In dieser Eigenschaft begleitete er den König Friedrich Wilhelm kl (1786—1797) ans seinen Reisen und soll bei einer solchen Gelegenhei! den Monarchen aus einer Lebensgefahr gerettet haben. Das Nähere hierüber ist aber nicht bekannt, doch ist das außergewöhnliche Privi legium immerhin ein Beweis, daß der König ihn persönlich hochschütztc. Als besondere Belohnung verlieh der König ihm und seinein Associe Michel Lewin Bromberger die Münzpacht für das Fürsten thum Ostfriesland, und so finden wir den früheren jüdischen Haupt mann und Polizei-Inspektor später als Münzpächter wieder. Während sein Associe von der Hafenstadt Einden Schiffe mutt China ausrüstete und den Thee-Import zur See einführte, lies: Lion Wolfs so lange Münzen prägen, bis er selbst keinen Thalcr mehr sein eigen nannte. Der idealistisch angehauchte Manu spielt lieber Schach, als daß er Vermögen sammelte, und so ist es gekommen, daß ein jüdischer Münzpächter seinen christlichen Nachkommen Millionen hinterließ und dieser dagegen als einziges, sehr zweifelhaftes Vci mögensobjekt, das nunmehr nachfolgende General-Schutz-Privilegimu: „Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden Koenig von Preußen Thun kund und fügen hiermit jcdermänniglich zu mißen, daß Wir dem Schwester Sohne des Banqnier Daniel Jtzig, dem Lion Wolfs au- Berlin, in Betracht seiner als Policeu-Jnspector bei Unserer Armee ln wiesenen Treue und Thätigkeit und zur Belohnung seiner Uns bisher geleisteten guten Dienste, ein General-Schutz und Handlnngs-Privilegiiu» für sich, seine Kinder und Nachkommen, männlichen und weiblichen Ge schlechts, seine Brüder und Schwestern und deren Nachkommen; wie aut für seinen Socium den Schutz-Juden Michael Lemin Bromberger i» eben der Art, auf Unsere gesammte Lande und Provinzen, keine davon ausgenommen, mithin auch auf das Herzogthum Schlesien und die Gras schaft Glatz, aus Allerhöchsten Gnaden, und mit Befreiung von Chargen,

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