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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich, j Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, j Post oder direkt von der Expedition in Berlin ' unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. j Redakteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabtrrner D"- Lu-rvlg Phlllppson-Vonn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ein Jubiläum. — Ein Mittel gegen die Blut-! eschuldigung. Von Dr. Adolf Jeltinek. — Wanderungen durch Jberien II. Von Dr. M. Lev in. — Ein jüdischer Hauptmann im vorigen Jahrhundert. Von 'X Wolfs. — Goethe als Kabbalist. — Feuilleton: Bvrohmche Nachtigall. Eine Erzählung von M. A. Goldschmidt. (Forschung). — Rabbi Asser Abarbanel. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Jena. Lobsens. Düren. Stuttgart. Aus Elsaß-Lothringen. Paris, Kopenhagen. Petersburg, New-Bork, Buenos-Avres. — Bon Nay und Fern. — Miseellen. Gin Jubiläum. Berlin, 2. August Heute siud es vierhundert Juhre, daß mehr als eine Biertel- »litlion Juden das schöne Spanien, in dem sie eine zweite Heimath gefunden hatte», verlassen mußten, um sich eine neue Heimath zu suchen. Das Herz des Judenthnms war mehr als dreihundert Jahrelang in Dpanicn. Der Jude war Spanier geworden; er war nicht „Sache" acr Geistlichkeit, und nicht „Kammerknccht" des Kaisers, sondern frei i» -einer Stellung zu Christen wie zu Mohammedanern; in Wesen und Sprache, in Haltung und Stellung, in Litteratur und Leben mit idiictt andersgläubigen Mitbürgern wetteifernd, gebildet und bildend, >reudig die Genüsse des Lebens ergreifend, in ritterlichen Uebnngen -ich stählend, an Musik, Tanz und Festen Antheil nehmend und oie Sprache des Landes wie seine Muttersprache redend, die als ein süßer Klang der Erinnerung ihn auch in die Ferne begleitete und aoch lange seine Umgangssprache bildete. Da nahte die furchtbare Katastrophe. Je mehr auch in Spanien er Halbmond dem Kreuze weichen mußte, desto trauriger gestaltete sich eort die Lage der Juden. Ihre Rechte wurden gekürzt und schließlich ganz aufgehoben; trübe Tage brachen über sie herein, als die Jngniijtion ihr Ketzergericht begann. Biele ließen sich taufen, blieben aber heimlich Inden; man nannte sie „Marannen". Aber auch sie wurden lrotzdem mit fanatischem Eifer verfolgt. Endlich, unter Ferdinand dem Katholischen und Jsabesta, setzte der Großinquisitor Torguemada die Vertreibung sümmtlicher Juden ans Spanien durch, nachdem er vorher in wenigen Jahren mehr als 80U0 von ihnen auf den Scheiterhaufen geführt hatte. Am Trauertag des 9. Ab verließen 000,000 Juden Spanien, das ihnen sv lieb und theuer geworden, und wendeten sich nach Italien, Afrika, der Türkei, nach de» Niederlanden und nach Polen. An demselben Tage aber schiffte sich Christoph Eolnmbus ein, um Amerika zu entdecken. Wahrlich, die Geschichte ist eine Lehrmeisterin, wie inan sich eine solche nicht besser wünschen kann! Schade nur, daß die Völker so wenig Nutzen aus ihren Lehren ziehen 1 Was ist ans Spanien, dem reichen und stolzen Lande, seither geworden? Nun denn, wir brauchen es nicht zu schildern; Jedermann weis; es, das; das einst so blühende und mächtige Land längst aus der Reihe der Großmächte geschieden, daß es von Bürgerkriegen, Revolutionen verheert, von einer ungeheuren Schuldenlast erdrückt ivird, daß Handel und Wandel darniederliegen, Unbildung und Sittenlosigkeit, Fanatismus und Verdummung über das arme Volk herrschen. Amerika aber, das die Juden freundlich ausgenommen und ihnen eine neue Heimath bereitete, ist rasch ein großes, freies und mächtiges Land geworden. Das ist die erste Lehre der Geschichte. Die zweite Lehre aber ist nicht minder wichtig. Sie richtet sich an die Juden selbst und spricht zu ihnen: Verzaget nicht, wenn immer von Neuen; die Hydra des Glaubenshasses ihr Haupt erhebt, ermattet nicht in; Kampf für euer gutes Recht, das euch ja schließlich doch werden muß, ermüdet nicht in der Treue zu eurem Glauben, zu eurer Geschichte, die beide ein so großes Marthrimn überstanden und die auch aus allen neuen Prüfungen siegreich hervorgehen werde». Ein Staat, der die Intoleranz zu seinem Lcbensprinzip macht, muß »ntergehen; ein Stamm, der seiner Geschichte treu bleibt, »ins; fortbestehen — das sind die beiden großen Lehren dieses Ereignisses, das wir heute init gemischten Gefühlen feiern, mit dem Gefühl der Trauer über die Leiden, die unsere Ahnen damals und so oft noch später erlitten, mit Wehinnth über das reiche Geistesleben, das durch jene Vertreibung vernichtet und gehemmt wurde, aber auch mit inniger Freude über die Thatsache, das; selbst jener furchtbare Schlag das Judenthmn nicht zerstört hat, mit anjrichtgem Danke für den Hüter Israels, „der nicht schläft und nicht schlummert." Heute trauern wir über das Leid Israels — und an; nächsten Sabbath erklingt uns wieder das herrliche Trostwort des Propheten. Auf Leid muß Freude folgen, das ist ein altes Gesetz in der Geschichte Israels, das sich immer neu wiederholt. Und derselbe Prophet verkündet in glühender Rede an; Ausgang desselben Kapitels jene erhabenen Tröstungen, die für alle Zeit ewige Geltung haben: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel sagst: Mein Weg ist de»; Herrn verborgen und mein Recht geht bei meinem Gotte vorüber? — Weißt du denn nicht, hast du nicht gehöret: Gott, der Herr der Welt, der die Enden der Erde crschasicn, wird nicht müde noch matt und kein Ende ist seiner Einsicht. Er giebt den Müden Kraft und den Hilflosen Stärke. Knaben können müde werden, Jünglinge straucheln, die aber ans den Herrn hosien, fühlen stets »cnc Kraft, daß sie wie auf Adlersfittigen einherzieheii, das; sic fortschreitcn und nicht ermüden, daß sie ihres Weges gehen und nie ermatten!" d

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