Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
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368 der Mezquita seien Hunderte von Säulen herausgebrochen und dafür sei eine Kirche hineingebaut worden. Wir verabschiede» uns von dem sonst harmlose» Hirten, er hat keine Ahnung, daß er einem Nachkommen jener Verfluchten den Grus; entbietet: A <ü*js sefior eaballero! Wir begeben uns jetzt nach dem Alkazan oder besser zu der Stätte, wo einst der Maurenpalast gestände.'. Nur armselige Ueberreste sind noch geblieben, die inmitten eines vernachlässigten Parks uns traurig anblicken. Wir setzen uns j» die Nähe einer geschwätzigen Fontäne und lassen uns, im Schatten eines Orangenbaumes, von alten Zeiten berichten. Graf Julian war Statthalter von Ceuta, jener afrikanischen Küstcnveste, die schon damals den Spaniern gehörte. Da Julian an seinem Könige Roderich die Entehrung seiner Tochter Kava zu rächen hatte, ließ er sich zu dein verhäugnißvollen Schritte Hinreißen, durch Landcsverrath Roderichs Krone zu bedrohen. Er öffnete den anstürmenden Arabern die Thore und ermöglichte ihnen, über die Meerenge nach Andalusien überzusetzen. Auf diesen Verrath spielt das Volkslied an: Wegen ein Paar schwarzer Angen Mußte Troja unterliegen. Doch es sollten blaue Augen Ganz Jberien besiegen. Z Nachdem Tarik (711) in Folge der Schlacht von J'eres de la Frontera festen Fuß in Spanien gefaßt hatte, dehnten sich die Eroberungen der Araber über die ganze Halbinsel aus; ja, sie überschritten die Pyrenäen und Hütten wohl das ganze Abendland dein Koran unterworfen, wenn sie nicht Karl Martell 732 in der Schlacht zwischen Tours und Poitiers über die Pyrenäen zurückgewiesen hätte». Unter den wilden Söhnen Arabiens entstanden Reibungen, die ihren Verbleib in Spanien gefährdeten; da erschien zu rechter Zeit (755) Abderrahmau der Onnnajade, er stellte Zucht und Einigkeit wieder her und warf die Widerstrebenden mit tapferer Hand nieder. Nun begann die Glanzperiode der arabischen Herr-' schaft in Spanien, die sich namentlich durch Pflege der Wissenschaften und Künste auszeichnete. Alle Kräfte durften sich entfalten, jedem Glauben ward Dr>ldung gewährt, jeder Gelehrte und Künstler, woher er auch kam, war willkommen und fand seinen Wirkungskreis wie reiche Unterstützung. Abderrahmau I. begann mit der Aufrichtung des Wunderwerkes der Moschee, seine Nachfolger lvirkten in seinem Sinne, bis im 10. Jahrhundert Abderrahmau 111. und Hakam 11. den Höhepunkt erreichten. Ackerbau, Industrie, Handel und Gewerbe blühten, Stadt reihte sich an Stadt, Paläste, Landschlösser, Gärten und Anlagen verschönten die gesegnete Landschaft. Den Alkazar überbot noch As-Sachra, die „Glänzende", so genannt nach der Geliebten, welcher Abderrahmau den Feenkreis ertstehen ließ, eine förmliche Stadt von Palästen und Gärten, an deren Herstellung V* Jahrhundert ununterbrochen 10,000 Arbeiter beschäftigt waren, die 1500 Maulthiere zu den; Betriebe verwendeten. Tie Bilder aus „Tausrndundeiner Nacht" entstanden zu siuneberückendcr Wirklichkeit. Malerische Terrassen, phantastische Pavillons, schattenspendende Laubgünge von Palmen, Orangen, Rebcngewinden, Lorbeerrmd Rosenbüumen bildeten ein Gefilde der Seligen; Fontänen von Ouecksilber schossen übermüthig in die Höhe, parsümirte Wasscrströme rauschten ausden Rachen goldner Löwengestalten in Alabasterbassins, und an 6000 Haremsbcwohnerinnen waren nicht blos die Trägerinnen der ausgesuchtesten Pracht, sondern „stritten auch mit den Männern um den Preis des Liedes". Tapferkeit, Ritterlichkeit, geistige Arbeit rmd kiinstlerisches Schaffen, Menschen- 0 Pol' unos ojos nogros — Se perdio Troja — Y por unos azules — La Espana toda. liebe und Lebenslust waren die Ideale, welche die Araber auf spanischem Boden verwirklichten. Alles entschwunden! Wehmüthig flüstert uns der kleine Springquell nur noch den Namen Abdcrrahmans III. zu, in dessen Nachlaß man die Tage der Freude nach Tag, Monat und Jahr verzeichnet fand, die ihm von jeglicher Trübung ferngeblieben — waren, es warerr ihrer 14. „Erschrick o Verständiger, über das Diesseits, wie cs so gar nie Ungetrübtes bietet und so geizig ist gegen seine Kinder mit Fülle der Befriedigung. Da ist der Kalife, der geschworene Genosse des Glückes, der sprichwörtlich gewesen für Emporsteigen und Erreichen des Höchsten im Diesseits — 50 Jahre 6 Monate und 3 Tage hat er die Herrschaft in Händen gehabt, und nicht mehr als 14 Tage sind ihm ungetrübt dahingegangen! Preis dem, dessen Stärke beständig ist und seine Herrschaft für und für! Es ist kein Gott außer Allah!" Abdcrrahmans Sohn, Hakam II. „ein Wunder der Gelehrsamkeit", hielt noch den Glanz Cordobas aufrecht, dann aber zerfiel das Reich durch innere Reibungen immer mehr, bis es endlich in kleine Bezirke sich anflöste. Auch das geistige Leben der Juden verlor seine Bedeutung. Der rühmliche Anfang, den es in Cordoba genommen, fand jedoch in Granada seine Fortsetzung. ♦ FEUILLETON -<&*- Avrohmche Nachtigall. Eine Erzählung von M. A. Goldschmidt.0 Nachfolgende Erzählung ist die eines älteren Juden, der sich aus Liebe aufhängte, aber abgeschnitten wurde und dennoch hängen blieb. Es ist wohl am richtigsten, eine solche Geschichte umständlich zu erzählen und mit dem Anfang zu beginne», nämlich mit Leiser Snß. In unserer Zeit giebt es wohl wenige, die sich noch an Leiser Snß erinnern werden, theils weil er schon seit vielen Jahren todt ist, theils auch weil er unter dem Namen Snß nicht bekannt war, sondern Lazarus genannt wurde, was eine Uebersetznug von Leiser ist. Den Zunahmen Suß hatte er entweder geerbt oder zufällig erhalten; denn er bedeutet „Pferd", und eigentlich dumm war er doch nicht. Er! war in mancher Beziehung in der Genieinde geachtet, namentlich wegen seiner Frömmigkeit, das heißt wegen seiner strengen Beobachtung aller religiösen Ceremonien, und infolgedessen hatte man, j da er ein armer Mann war, ihnr das Amt eines Schochet oder Schächters und Fleischhändlers anvertraut, damit die Gemeinde das Fleisch vertrauensvoll essen konnte. Uebrigcns ist wenig von ihm zu erzählen. Er ging fast unbemerkt ans der Welt, hinterließ aber eine alternde Wittwe mit sechs Kindern, einer Tochter und fünf Söhnen. Für die letzteren alle hatte er gesorgt, sie nämlich nach dein Gesetz seiner Religion bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahre erzogen und sie dann in die Welt hinausgesandt, um sich selber zu ernähren. Einer befand sich bei einem Kaufmann in Altona und die anderen bei Kaufleuten in der Stadt selbst. Die Jahre vergingen, und die Familie lebte glücklich nach der lateinischen Regel: „Bene vixit, qm bene latuit“ (Glücklich hat gelebt, wer unbemerkt lebte). Die Mutter wurde alt, ungefähr sechzig Jahre, sie war aber gesund und munter, jedoch etwas herrschsüchtig; die Tochter Gitte, ward gegen vierzig Jahre alt und war noch immer unverheirathet, entweder weil sie kein Vermögen besaß und nur die Tochter eines Schochet war — Mängel, die ihre hübschen braunen Angen 0 Dem Dänischen nachcrzählt von Emil Jonas.