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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-29 · Heft 31 (29.7.1892) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 31 (29.7.1892)
Date
1892-07-29
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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Diejenigen Länder, in welchen ihm das verwehrt wurde, oder die ihm auch nur Hindernisse, Zurücksetzungen und Ausschließungen bereiteten, vermochte er kaum als Vaterland zu betrachten, und die Sehnsucht nach der ursprünglichen Heimath mußte sich immer wieder regen, wie diese Sehnsucht noch in vielen Gebeten der alten Synagoge ausgesprochen ist. In denjenigen Ländern jedoch, wo den Gliedern des jüdischen Stammes das religiös-geistige Leben nicht verkümmert wurde, wo sie wegen ihrer Religionsübung und ihrer Gebräuche keinerlei Ausnahmegesetzen unterworfen waren, konnten sie sich heimisch fühlen und ihr volles Vaterland finden. Als Cyrus den nach Babylon verbannten Juden die Rückkehr nach Palästina verstattete, machtenur ein verschwindend kleiner Theil von dieser Vergünstigung Gebrauch, ein Beweis, wie Babylon ihnen bereits zu einer zweiten Heimath geworden war; für die Weisen, für die Gottes- und Lehrhäuser Babylons stiegen,'dieselben Gebete auf, wie für die palästinensischen. Rächst Palästina und Babylon ward Spanien den Söhnen Judas eine wahre Heimath, bis zu dem Zeitpunkte, da der menschenfeindliche Fanatismus dem jüdischen Stamme den iberischen Boden zu einem vulkanischen gestaltete. Es soll hier weder ein geschichtliches noch ein Litteraturbild entrollt werden; was wir bringen, sind nur Schilderungen eines Pilgers, der sich mit Schmerz beladen; es sind Erlebnisse eines Wanderers, der Sefarad mit denselben Gefühlen durchzogen, als wäre es das Land, wo einst der Tempel gestanden und Propheten und Psalmisten redeten und sangen; als wäre es das Land, wo einst die Lehrhäuser von Sura und Pumbadita, von Rehardea und Machuza sich erhoben haben und Lehrer und Weise dem Volke den Weg des Lebens zeigten. Um unsere Beobachtungen und Erfahrungen zu einem einheitlichen Ganzen vereinigen zu können, folgen wir dem Faden der Geschichte. Der Eintritt der Juden in Spanien geschah im Dienste der Kultur. Rach Merida, jener altberllhmten Stadt, deren Ruinen uns noch heute von der weltbeherrschenden Roma erzählen, hatte Titus einen gewissen Baruch als Prokonsul gesetzt, um dort de» Seidenbau zu pflegen. Die bald zahlreich sich niederlassenden Juden fanden bei den Einwohnern ein freundliches Entgegenkommen und wetteiferten mit ihnen in Ackerbau und Gewerbe, in Handel und Industrie. Dieser glückliche Zustand unter der Herrschaft der Römer ward durch die Weslgothcn, die sich in der Zeit der Völkerwanderung des Landes bemächtigt hatten, zunächst nicht gestört; ja sie bestellten Inden zu Grenzwächtern in den Engpässen der Pyrenäen, weil sie ihnen als zuverlässig und tapfer galten. Doch nur zu bald bewirkten religiöse Anschauungen eine Trübung des sreundlicheu Verhältnisses. Die Westgothen machten von dem christlichen Bekenntniß die Würdigkeit und das Recht abhängig und damit trat für die Juden eine unheilvolle Zeit ein. Die Bedrückungen und blutigen Verfolgungen der westgothischen Könige trieb die Juden zur Verzweiflung. Was einst Pharao befürchtete, die Hebräer könnten bei Gelegenheit eines Krieges zu den Feinden übergehen, ward hier zur Wahrheit. Die Juden traten zu dem aus Afrika heranziehenden Tarik in Beziehung und bahnten ihm Wege für die Eroberung Andalusiens. Mit der Herrschaft der Araber in Spanien beginnt die Glanzzeit der jüdischen Geschichte auf iberischem Boden. Wir beginnen nun unsre Wanderung von jenem Orte aus, wo im zehnten Jahrhundert der Minister Chasdai ibn Schaprut die Onellen des Geisteslebens eröffnete, wir beginnen mit Cördoba. Sind wir wirklich in dem ruhmreichen Görbobu. das im Lichte der Wissenschaft und Kunst erstrahlte, während a-f dem übrigen Europa die Nacht der Unwissenheit lagerte, der Nebel der Mystik und des Aberglaubens? Sind wir wirklich in der volkreiche,-, maurischen Metropole, deren Ruf die ganze Welt erfüllte, von der selbst die Nonne Hrohswita von Gandersheim sang: „Cördoba, die Helle Zierde der Welt, die junge herrliche Stadt, stolz auf ihre Wehrkraft, berühmt durch die Wonnen, die sie umschließt, strahlend im Vollbesitz aller Dinge!" Durch eines der viereckigen Thurmthore treten wir in die innere Siadt ein. Welche Stille in den engen Gäßchen der einst so belebten Stadt! Sie scheint den Schlaf Dornröschens zu schlafen, doch nein, es ziehen ja leibliche Gestalten vorüber, und Maulthiertreiber, die in den leichten Garnsandalen sich geräuschlos vorwärts schicb.n, trällern die alten, schwermüthigen Weisen. Eine Seitenstraße mit der Bezeichnung „Indios" lenkt unsere Schritte sogleich in diese. Wir befinden uns in dem Theile, der einst den Juden zugewiesen war. Cordoba, du rühmst dich eines Luranus, der beiden Sencca, des Averroes, des großen Kapitäns, des Morales, Gongora und Ccspedcs, doch den Söhnen Israels gabst du den größten Meister nachbiblischer Zeit, ihnen gabst du den Mose den Maimun! Während wir durch die Straße wandeln, fällt unser Blick auf ein Gebäude, das einer Synagoge ähnlich sieht. Wir treten durch das offene Portal ein. Zu unserem Entsetzen erblicken wir da eine Schafheerde, der zur Seite ein junger Mensch auf dem Strohlager kauert. Tie bauliche Einrichtung läßt keinen Zweifel darüber, daß hier einst Israels Söhne zum Gebete sich versammelten; gar traurig nimm: sich die Frauenempore aus, deren Brüstung durchbrochen und deren Stäbe gleich Trauerweiden herabhangeu. Aus meiner Versunkenheit weckt mich der Hirt mit den Worten Jetzt ist unser Land von der nrza malililn gereinigt. Ich erkannte bald, welche absonderlichen Vorstellnngen er sich von den Jude» machte und ließ mich darauf ein, ihm aus der Zeit Abderrahmans II l. zu berichten. Wisse, unter diesem großen Kalifen war der Jude ChaSdai erster Minister, die Juden hatten ein vornehmes Wesen und ritten hoch zu Roß mit wallenden Federbüschcn. Vielleicht hier nebenan stand ihr Lehrhaus. Von einem der Lehrer will ich dir ein Geschichlchcn erzählen, das wohl verdient, bekannt zu werden. Aus weiter Ferne wurde ein ärmlicher Mann mit seinem Söhnchen nach Cordoba gebracht und hier verkauft. Von seinen Glaubensgenossen losgelöst, begab er sich dankerfüllt ins Lehrhaus und setzte sich bescheiden an der Thür nieder. Aus seinem Schmerze — er hatte auf dem Schisse sein geliebtes Weib verloren — riß den Arme» erst wieder der Vortrag des Rabbi. Er lauschte ihm so theilnahmsvoll, daß er sich einen Einwurf erlaubte, als Jener eine Stelle nicht zutreffend erläuterte. Wer bist du? fragte erstaunt der Rabbi. Auf die Antwort, er komme aus Sura in Babylon, erhob sich der Rabbi von seinem Sitze und rief den Versammelten zu: Ich kann nicht mehr Euer Lehrer sein, wühlt für dieses Amt jenen unscheinbaren Fremden! Und dieser, er hieß Mose den Chanoch, ward ein Ruhm für Cordoba. Was ich dem Hirten erzählte, klang ihm wie ein Märchen, und auf seine erste Bemerkung zurückkommend, wies er auf diese Stätte, die einst den Mördern des Heilands gehörte; er schloß daran eine Verwünschung gegen die Moslim, denen es ähnlich ergangen. In

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