Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1892)
- Date
- 1892-07-29
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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366 Im Jahre 1< >70 hat wieder das Märchen vom Christen morde in Metz Schrecken verbreitet. Daselbst wurde ein arrner, unschuldiger Hausirer Namens Raphael Lewi unter furchtbaren Folterqualen getödtet, weil man ihn fälschlich beschuldigte, er hätte ein Bauernkind, das verloren gegangen war, ermordet, um mit dessen Fleisch Zauberei zu treiben. Im Februar 1682 wurde in Berlin das Gerücht verbreitet, die Juden hätten ein christliches Kind kaufen wollen, was notMid) ebenso erlogen war wie alle ähnlichen Aullagen. Dort hat wenigstens dieses falsche Gerücht kein Blut gekostet, während in Lissabon drei Monate später einer ähnlichen Anklage wegen drei Märtyrer verbrannt wurden. Gegen Ende desselben Jahrhunderts, nämlich 1696, drohte eine ähnliche Anklage der Posener Gemeinde die völlige Bernichtung. Zunz theilt hierüber Folgendes mit: „Im Frühling 1696 wurde in Posen ein junger Bäum Namens Jsaac b. Chajim auf der Straße cruuu'bet; der Mörder rettete sich zu den Geistlichen. Als die Juden die Auslieferung desselben forderten und Miene machten, dieselbe zu erzwingen, entstand ein solcher Tumult, daß es Blühe und Geld kostete, die Gefahr zu beschwören. Allein eine größere drohte der ganzen Gemeinde den Untergang. Man fand am Tage nach dem Wochenfeste (8. Juni) einen ermordeten Studenten im Walde, gräßlich verstümmelt. Sofort erhob sich das Geschrei, daß die Juden aus Rache diesen Mord öc^an^en hütteil; man nahm sich vor, am grünen Sonntag über sie herzufallen und in der Umgegend schien man geneigt, dem Beispiele voll Posen zu folgen. Mall ermittelte jedoch eine Frau, welche die blutigen Kleider des Studeiltell zunl Verkaufe gebracht, und ihren Sohn in dem nahen Fleckerl Rogoszno als dessell Mörder. Dieser wurde in Hast gebracht und von den Jlldenfeindell gehörig bearbeitet, alle Schuld auf die Judell, die ihn dazu gedullgell, Zll rverfen. Das weise Gericht entschied, daß, tuenit der Thäter nach dreinlaliger Folter auf dieser Aussage beharre, der Rache gegen die Judell freier Lauf gelasserr werderr solle. Bon bem Zustande dieser armen Bedrällgtell lllag die heutige Welt sich schwerlich einen Begriff machen können. Ter 1. Juli ward wie ein Bersöhnungstag begangen; Alle" bereitete sich auf beu Tod vor. Den Schlllkillderrr wurde eingeschärsl, sich eher schlachten als iaufen zu lassen. Glücklicherweise hat der Mörder die volle Wahrheit bekannt, daß seine Mutter ihn zu jener That verleitet habe, weil sie aus dem Blllte unb den Gliedern Zauberulittel bereitell wollte." (Synag. Poes. 349.) Im Jahre 1714 hat die Leipziger theologische Fakultät in einem ausführlichen Gutachten die Blutbeschnldigung als eine Fabel bezeichnet, die nur erfunben wurde, um das umuiffenbe Volk gegen di - Juden Hetzen zu können. Im Jahre 1721 wurderl ben Juden in Danzig und in Sinigaglia dllrch die in Umlauf gesetzten Gerüchte voll begangenem Mord an Christeukindern bittere Stlinde'U bereitet, lind 1736 der Posener Gemeinde durch eine ähilliche Btlltailklage, aus der ein vierjähriger! Prozeß entstalldeil, viele Kränkungen verursacht, während 1743 in j Saslaw ill Folge der falschell Blutbeschuldigiulg ein unschuldiger; Jude hillgerichtet wurde. Jlll Jahre 1840 wlirde ill Rheinpreußen loieder die Blntanklag. gegeil die Judell erhoben. Gill christliches BUidchen voll 9 Jahren (in Jülichbehauptete, voll einem Juden in den Leib gestochen worden zll fein. Ihr sechsjähriger Bruder bestätigte die Aussage. Ein fremder Jude mit seiner Frau, die Zllfüllig durch Jülich reiften, wurden voll den Kinderil als die Thäter erfannt, und das Mädchen fügte hillzu: der Jllde hätte zllr selbell Zeit einen christlichen alten Mann lllit einem Messer todtgestochen. Wenn aus bem Munde voll Kindern die Wahrheit spricht, so hätte dieser Jude als Christeuulörder und Blutsauger verurtheilt werdeil müffen. Angewendete Folterqualen 1 | hatten dem Judell nnb seiner Frau wahrscheinlich das Gestüudniß j der Unthat entlockt. Aber eine strenge gerichtliche Untersuchung ergab, daß die Aussage der Kinder eitel Lllg nnb Trug war. Der angeblich ermordete Christ war am Leben. Die angeblich wunde Stecke aul Leibe des Mädchens war nur mit Blut bestrichen. Der angeklagte j Jude wurde vollständig freigesprochen und ein, selbst von dem Staats^ allwalt erwähntes, Gerücht beschuldigte zwei Christen aus Düsseldorf, ben Kindern diese schreckliche Anklage eingegeben lmd eingerichtet zll haben. (Aachener Ztg. 1840, und Grätz, Gesch. 11. Bd. S. 519.) Jln Jahre 1845 tauchte das Märchen vonl Christenblute ill einem nrittelfränkischen Dorfe auf. Tie „Deutsche Ackg. Ztg." vom 3. Julli 1845 berichtet aius Niirllberg Folgendes: „Jil Thalmessingcn, einem mittelsrünkischen Dorfe, hat sich dieser Tage ein Fall ereignet, welcher lebhaft an die berüchtigte Geschichte voll dem Morde des Pater Thomas in Damaskus erinnert und den llicht eben erfreulichen Beweis liefert, daß auch ill unsern eivilisirten Lälldern Borurtheile, bereit Haltlosigkeit eine gründliche Forschung unb die Aufklärung des Jahrhunderts längst dargethall hat, noch nicht ganz erloschen sind. Eine Lumpenhändlern! hatte ihr Kind verloren: sofort erklärte sie. die Juden hätten dasselbe bei Seite geschafft Mld in einen Schweine stack gesperrt, bamit es von den Schweinen gefressen werde unb sie daun dessen Blllt befänten! Auf die Frage: woher sie das wisset gab sie zur Antwort: der heilige Geist habe es ihr gesagt. Tic Allfregllllg ill dem Oertchen war groß; glücklicher Weise aber fanb sich das Kind, lloch ehe die drohellden Ereesse zum Ausbruch tarnen in dem Hause der Mlltter selbst ullversehrt lind wohlbehalten wieder. Als Ulan der Lumpeuhäudlerin die Nachricht brachte, erklärte sie: sie wisse es schon, auch dies habe ihr der heilige Geist gesagt. Gegen die Lumpenhändlerin wurde nun trinüneü verfahren, und die Juden drallgen auf Veröffentlichung des Prozeßergebnisses." Dieser Vorfall j lllag zugleich als Beleg gelten für das infmntane Beginnen ge | wisser Leute, die einer gelehrten Grille zu Liebe aus veri llloderten Schartekell bogenreiche Schriften zusauimelltragell, um das Borurtheil von denn (Gebrauche des Christenblutes bei ben Juden wieder in Aufnahme zll brillgell - ein Borllrtheil, das, so oft ein Ereignis; es zu bestätigell scheint, dllrch gellalle (nforschuug des Thatbestaudes mtr um so schlagender widerlegt lvird. d Wanderung durch Merien? Von Dr. M. Leo in. I. Man hat bem jüdischen Stamme den Vorlvllrf gemacht, er sei überall unb nirgends zu Hause, lllit einem Worte, er sei vaterlandslos. Nun, ein Volk, dem scholl all der Wiege das Lied gesungeli wllrde: du sollst ein Segen werden für alle Völkerfamilien dn Erde, ein solches Volk mllßte allerdings frühzeitig ben Blick auf die Gesanlllltheit richten, aber es gab sich zugleich als ein weises unb verständiges Volk zu crtennen, daß es Ideale nicht blos im I Geiste bewahrte, sondern sie auf dem festen Boden des werkthätigell! Lebells zll verwirklichell strebte; es erkailute, daß man im Nächsten 1 die Gesanrmtheit liebt, daß man der Menschheit am sicherstell bient, wenn man dem Menschen dient, daß man der Welt am ehesten ßtun Segen gereicht, wenn man seinem Lande, dem man durch die Geburt angehört, alle Kräfte weiht. 6 Wir eröffnen hiermit zum bevorstehenden vierhnndertjährigen Gedenktage der Vertreibung der Juden aus Spanien eine Reihe von Schilderungen aus der (beschichte der Juden in jenem Laude, das unser geschätzter Mitarbeiter zu Studienzwecten lange bereist hat. Die Red.