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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-08 · Heft 28 (8.7.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 28 (8.7.1892)
Date
1892-07-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 machter als wirklicher Haß führt! — Doch es bleibt uns ein Trost in uuftnit tiefen Stummer. Tie grausame Lehre, die sich von einenl von Alflen beklagten Ereignis; her leitet, ist verstanden worden: das bezeugt die allgemeine Trostlosigkeit, die Gemeinsamkeit der Trauerbezeugung, welche sich von einem Ende unseres Landes zum andern kund giebt. Die Seele Frankreichs hat sich hier gänzlich enthüllt in ihrem angeborenen Edelsinn, ihrer Gerechtigkeitsliebe, ihrem zärtlichen Mitleid für das Unglück und ihrer glühenden Liebe für die Mitglieder des Heeres, welches aus seinem Innen: hervorgegangen und welches seine Starke, seine Ehre und seine Hoffnung ist. Alle Herzen ohne Ausnahme haben vor Erregung gezittert, ein gleicher Schrei des Schmerzes ist aufgestiegen von allen Lippen. Niemals hat sich das nationale Gewissen mit mehr Straft geäußert, niemals hat die heilige Einheit des Vaterlandes, das nur geliebte Binder in bcncu anerkennt, die seine Fahne vertheidigen und sich an seinein Genie begeistern, sich mit mehr Gewalt offenbart. — Dieses Leichenbegängnis; selbst hat seine Beredtsamkeit, denn es wird, um sozusagen, von Frankreich selbst begangen. Und dann ertönt gleichsam ein feierlicher Ruf von diesnn Sarge aus, gleich wie von allen den Gräbern, die uns hier umgeben. "Ans diesem heiligen Orte der letzten Mul)-.' erlöschen alle Unterschiede, der Haß beruhigt sich, die Heftigkeit ist herabgestimmt und die ungesunden Erregungen klingen aus. Traget in die Welt der Thätigkeit, in Eure alltäglichen Beziehungen etwas von diesem Geiste der Toleranz, der gegenseitigen "Achtung, des Mitgefühls, welches die große Belehrung ist, die der Tod dem Leben giebt. — Ach, ich spreche nur einen Wunsch ans, und indem ich es thue, bin ich sicher, der getreue Dolmetsch des Stapitän Mayer selbst zu sein: es ist der, daß diese Rathschläge jenseits des Grabes ihre Früchte tragen; daß diejenigen, die die Ehre haben, eine Feder zu führen und auf die öffentliche Meinung zu wirken, es als ihre heilige Pflicht betrachten, zu einen und nicht zu trennen, und sich sagen, daß es ein Verbrechen gegen das Vaterland ist, Haß zu erregen tnid Mißtrauen unter die Bürger ztl säen, welche es mit gleicher Liebe lieben; daß die Denker, die öfsentlichen Männer ltnd besonders die Diener der Religionen, geborene Diener von allen gerechten, guten und erhabenen Ideen, sich des Einflusses bedienet:, den sie besitzen, tun nach dem Beispiel von Frankreichs 'Armee ans allen St ludern Frankreichs eine einzige Familie zu gründen, die nur eine Leidenschaft im Herzen trägt: den Ruhm und die Größe des Vaterlandes ,-u sichern und über seinem gllterl Namen zu wachen. — So werden wir das Gedächtnis; dieses jungen Märtyrers ehren, der fremd jeden: engherzigen Gedanken, jedem Gefühl des Hasses war, und welcher wie alle diejenigen, die den Degen Frankreichs tragen, sich vollständig de::: Dienste der Pflicht und der Ehre gewidmet hatte. Das Opfer, das er mit seinem Leben gebracht, wird nicht vergeblich gebracht worden sein, wenn es die Wirkung hat, traurige Mißverständnisse zu zerstreuen, und d::rch den Schleier der Trauer, der es heut verhüllt, auf's Weite das Banner Frankreichs erglänzen zu lassen, dieses ruhmreiche und unsterbliche Symbol der Gerechtigkeit, der Eintracht und der Brüderlichkeit. — Lebe wohl, "Armand Maycr! Wir wissen, wie Du gelebt und weshalb Dil gestorben. Dein Andenken wird uns theuer sein, mit 'Achtung und Liebe werden wir die Eltern, den Bruder, die Freunde umgeben, die Dich beweine::, t:nd nur reinen: und bewegtem Herzen wollen wir zu Gott beten, daß er Dir, in Seiner ewigen Gerechtigkeit Tein iurzes Leben und Deine so schön erfüllte Laufbahn zum Guten anrechnet. Lebe wohl! Ruhe in Frieden! (Kroßbritnnnien. * London, 2. Juli. Ter Oberrabbiner des britischen Reiches, Tr. "Adler in London, hat seine Erwiederung auf den Vorschlag gewisser Synagogen der englischen Hauptstadt, die bisher übliche Form des Gottesdienstes zu modisizireu, veröffentlicht. Das Schriftstück ist in der Form eines identischen an die verschiedenen Synagogen gerichteten Schreibens aufgesetzt. Beigefügt sind demselben sieben ausführliche Beilagen, welche sich ans die den: Gesuche zu Grunde liegenden Fragen beziehen. In Gemäßheit eines von der vereinigten Synagoge im Jahre isoi gefaßte:: Beschlusses hat der Oberrabbiner eine Versammlung der hauptstädtischen und Provinzialrabbiner einberufe::, um mit ihnen gemeinsan: über das Gesuch zu berathen. Das Ergebniß der Berathungen ist die au: vorige:: Freitag veröffentlichte Flugschrift. Sie ist maßvoll in: Tone gehalten, und die gottesdienstlichen Veränderungen,^welche er genehmigt, sind nur wenige und mit einer oder zwei Ausnahmen nichi bedeutend. Dr. Adler erklärt, daß der Grundsatz, der ihn bei seine: Entscheidung geleitet hat, der ist, nicht von der Tradition abzuweichev. Es kann jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß die von: Oberrabbincr genehmigte 3lrt des Gottesdienstes nur den Anfang einer umfangreiche', Reform in den überlieferten Gebräuchen des Judenthums bilden wirr, während sie andererseits die ultraorthodoxe Partei zur offenen Revolte treiben kann. Die Letztere zählt noch immer eine Anzahl der einflus reichster: und begabtesten Mitglieder der Londoner jüdischen Gemeinde zu ihren Mitgliedern. Ein mächtiger Theil der Londoner Juden vi allerdings dafür, den Gottesdienst auf breiterer Grundlage zu gestalte, und das geistliche Leben der Gemeinde zu vertiefen. Die Lage de- Dr. Adler mitten zwischen diesen sich heftig befehdenden Parteien vi sicher!ich leine beneidenswerthe. Voraussichtlich droht eine ernstlich Spaltung in der nächsten Zeit. Kon llitli und Fern. Tie Absagen gegen den Antisemitismus mehren sic! Nicht nur wird von freimaurcrischer Seite aufs Neue entschieden gege dieses „soziale Leiden" Front gemacht, auch die „konservative Korrespo: denz" erklärt: „Nicht eine Bundesgenossin, sondern eine scharfe Gegner:: ist uns die antisemitische Volkspartei: denn sie sucht uns christlich, monarchische und zufriedene Strafte abwendig zu machen; sie zerstört da 3 Vertrauen zu unserer Staatsleitung und hilft dadurch der Demokratie und der nach ihr erntenden Sozialdemokratie den Boden zu bereiten." Der Redakteur der „Staatsbürgerztg." Dr. Bachler ist wegen B leidig::ng des Justizministers, enthalten, in einem Artikel mit der Uebe seyrift: „Attprenßische Tradition und das Judenthum" zu einer Gel strafe von 500 Mark vernrtheilt worden. — Zn dem in Nr. > unseres Blattes enthaltenen Referate aus Samter bemerkt der dort: Rabbiner berichtigend, daß die Feier für den verstorbenen Lehr i Stremm (nicht Streiner) nicht in der Volksschule, sondern in der Religion schule stattgefunden habe. Wir nehmen von dieser Berichtigung Hierur: Akt. — Eentrumspresse und C ent r:nns ab ge ordnete treten neue dings wieder aufs Entschiedenste gegen den Antisemitismus auf, 0 Dr. Lieber in der Stöhicr Pnrteiversaunnlung. — Die Nachricht m-u der Auflösung der israelitischen Elementarschule in Altena e weist sich erfreulicherweise als unrichtig. — Herr Lehrer Rosenthal i Hildburg hau sen feierte am 20. v. Mts. das Fest seines 50jahrig;: Amtsjubiläums unter Theiluahme weiter Kreise.— Wauer, der frühe e Besitzer des Leipziger antisemitischen Organs, ist wegen Beleidigung d r Justizministers Schelling und des Herrn von Lukanus zu zwei Mona: a Gefängnis; vernrtheilt worden. — Herr Dr. D. Feuchtwaug ist 5u.11 Rabbiner in Nik olsburg gewählt worden. — Bei den Wahlen der Deka r für das nächste Studienjahr wurde .Herr Professor Dr. Sign:::.? Mayer zum Dekan an der medizinischen Fakultät und .Herr Prof. Ta Berthold Hatschet zum Dekan au der philosophischen Fakultät tu deutschen Universität in Prag gewählt. — Frau Regina Winterste.:: in Prag hat zur Errichtung eines israelitischen Siecheuhauses dw-äeine Spende von 5000 Gulden den Grundstock gestiftet. — Jn Eger fa ' am 0. vor. Monats die feierliche Grundsteinlegung zu einer neu n Synagoge statt. — Oberst Debeuoist vom 10. reitenden Jägu Regiment in Lille hatte zu einem vom Regiment veranstalteten Reit-: feste den Präfekten Beldurand, einen Juden, nicht eingeladen. Strieme minister Freyciuet bestrafte ihn dafür mit dreißigtägiger .Haft. Der Sekretär des Petersburger Centralkomitees für Auswanderung u1- Juden, Feinberg, begiebt sich in die südwestlichen Theile Rußla:: r um die erste größere Abtheilung jüdischer Landwirthe aus Bessarab h und dein Chersoner Gouvernement für Ansiedelung in Argentinien organisirew — In Germantown, nahe bei Philadelphia in Ameri r wurde unter großer Feierlichkeit ein herrliches Waisenhaus sm jüdische Waisen eröffnet. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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