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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 werden, 3. Der Priestersegen an den Feiertagen soll nur vom Vorbeter gesprochen werden. 4. Jeden Sonnabend sollen die zehn Gebote vorgelesen werdern 5. Für die Mädchen soll ein Konfirmatiousunterricht eingerichtet und ein Examen der Konfirmandinnen abgehalten werden. Ein über die Konferenz ausgegebener offizieller Bericht bringt die erstaunliche Erklärung, daß die Entscheidung der Annahme oder Ablehnung der Anträge ganz allein von dem Chief Rabbi abhängt. Da aber der Letztere Reformen gegenüber sich meist ablehnend verhält, so ist kaum zu erwarten, daß irgend welche Blenderung in dem Ritus der orthodoxen Synagogen Englands eingeführt werden wird. — Wie wenig der Chief Rabbi auf die Wünsche der liberalen Juden Rücksicht nimmt, ist klar aus seinem Verhalten gegenüber dem Rev. Mr. Morris Joseph zu ersehen. Der Vorstand der neuerbauten Hampstead Synagoge in London hatte den Rev. Morris Joseph, welcher durch seine Vorträge sich viele Verehrer erworben hat, einstimmig zum Prediger erwählt. Der Chief Rabbi Dr. Hermann 'Adler hat den Rev. Morris Joseph aber nicht bestätigt, „weil derselbe die Einführung von Musik beim Gottesdienst gestattet hatte, weil er öffentlich erklärt hat, daß er nicht an das Aufleben des Opferdienstes glaubt, und weil derselbe durch seine Predigten bewiesen habe, daß er sich nicht im Einklang befinde mit den Traditionen des J'udenthums." Rev. Morris Joseph veröffentlichte hierauf einen Brief, in welchem er erklärte, daß er auf die Stellung verzichte, und knüpft hieran die Bemerkung, daß nach seiner Meinung für die Exkommunikation, die ihn betroffen hat, nicfjt der Chief Rabbi verantwortlich 311 machen ist, sondern das System, welches in den jüdischen Gemeinden Englands besteht. Es kann nicht fehlen, daß durch derartige Vorkonnnnisse viele 'Anhänger der orthodoxen Gemeinden der Reform- Synagoge zugeführt werden. Tie Letztere hat in den 50 Jahren ihres Bestehens es verstanden, die Zahl ihrer Anhänger sehr zu vergrößern, und nicht am wenigsten haben hierzu die beiden Prediger Professor D. W. Marks und Rev. Albert Lövy beigetragen, welche bereits 50 Jahre an der Synagoge in der Berkeley Street, London, thätig sind. Der Letztere «Rev. Albert Lövy) hat vor Kurzem aus Rücksicht auf sein hohes Alter seinen 'Abschied eingereicht. Tie Gemeinde sieht ihn ungern scheiden, da er segensreich in seinem Amt gewirkt hat und sich allgemeine Achtung zu verschaffen wußte. Tie Neubesetzung dieser Stelle bietet deswegen größere Schwierigkeiten, weil die Anzahl der Reform-Prediger in England leider eine sehr geringe ist. Dänemark. * Kopenhagen, 20. Juni. Wie bereits berichtet wurde, ist die Wahl des Rabbiners David Simonsen zum Oberrabbiner von Dänemark von der Regierung bestätigt worden. Oberrabbiner Simonsen wird hierdurch Nachfolger im 'Amte des Ende vorigen Jahres verstorbenen Oberrabbiners Professor A. A. Wolff, welchen er bereits durch 13 Jahre tu der Ausübung seiner Funktionen mit Eifer und Talent unterstützt hat. Der Oberrabbiner ist in Kopenhagen geboren lind noch ein junger Mann, denn er steht im 'Alter von 08 Jahren. Sein Vater war Chef eines angesehenen Bankhauses und ob seiner großen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit sehr geachtet. Der junge Simonsen absolvirte die Universitätsstudien in seiner Vaterstadt und bezog dann das Rabbinerseminar tit Breslan. In den Jahren 1874—1870 widmete er sich eifrig deni Studium der Theologie, der klassischen und orientalischen Philologie. Nach Vollendung seiner Studien wurde er zum Rabbiner zur Unterstützung j des damals achtzigjährigen Dr. Wolff ernannt. 'Auf wissenschaftlichem Wege hat er sich durch Herausgabe der Skulpturen und Inschriften von Palmyra einen guten Namen erworben. Von Nah und Fern. --- Wegen Veröffentlichung gerichtlicher Beschlüsse bezüglich der Verhaftung und Haftentlassung des Rektors Ahlwardt wird gegen einen Theil der Presse das Strafverfahren eingeleilet. Die „Staatsbürgerzeitung" theilt mit, daß am Montag früh die Nnunnern ihrer Zeitung, welche die Beschlüsse wegen Verhaftung Ahlwardts enthielten, mit Beschlag belegt sind. — Auf die Belästigung des Publikums, insbesondere der Damen durch die Kolporteure, welche antisemitische Schriften mit unanständigen Titeln, namentlich in der Friedrichstraße verbreiten, ist aus den .Kreisen der hiesigen Bürgerschaft, wie uns mitgetheill wird, die Aufmerksamkeit des Herrn Ministers des Innern gelenkt worden. Es läßt sich wohl mit Sicherheit annehmen, daß dem Unfug bald ein Ende gemacht wird. — In Samter fand anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages des verstorbenen Lehrers M. Krem er in den Räumen der jüdischen Volksschule eine Gedächtnißfeier erhebender Art statt. — Die Regierung hat die seit neun Jahren bestehende jüdische Schule zu Altena in Westfalen aufgelöst und angeordnet, daß die Kinder jüdischer Konfession den evangelischen Schulen überwiesen werden. —- Die „Westfälische Reform" veröffentlicht Repertoir und Preiscourant des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg. Danach beträgt an kleinen Orten das Spielhouorar für den Abend 30 Mark, an größeren 50 Mark. Man sieht, die Sache lohnt sich! — Die Revision im Prozeß gegen Paasch hat zur Folge gehabt, daß das Urtheil der dritten Strafkammer des Berliner Landgerichts aufgehoben und der Prozeß an das Berliner Gericht, als zuständig, zurückverwiesen wurde. — Der Führer der Leipziger „Deutsch-Sozialen", Mühlentechniker Theodor Fritsch, hat sich nach seiner Verheiratung mit der Tochter eines Solinger Fabrikanten definitiv von der Leitung der antisemitischen Bewegung zurückgezogen, nachdem derselbe schon in der letzten Zeit nicht mehr rednerisch thätig war. Nun wissen wir nicht, kostet das Geschäft zu viel oder hat es schon genug eingebracht? — Die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien hat am Donnerstag den 0. Juni im Sitzungssaale der Israelitischen Kultusgemeinde stattgefunden. — Zur Feier der goldenen Hochzeit des dänischen Königspaares überbrachte eine Deputation, bestehend aus dem Oberrabbiner Dr. Simonsen und dem Präsident der israelitischen Gemeinde Kopenhagen, mit Ueberreichung einer Adresse die Glückwünsche der Juden Dänemarks. Beide Herren wurden zur Festtafel im Palast geladen und eine Zahl Juden aus dem Handels- und Gelehrtenstande haben anläßlich der goldenen Hochzeitsfeier Titel erhalten und sind dekorirt worden. — Am ersten Tage des Schabuothfestes besichtigten Ihre kaiserl. Hoheit Frau Erzherzogin Maria Josefa, Gemahlin des Herrn Erzherzogs Otto, und Ihre königl. Hoheit Mathilde, Herzogin zu Sachsen, den alterthümlichen jüdischen Friedhof in Prag. — Der Verein „Agudas Achim" in Lemberg hat sich aufgelöst und dessen Organ die „Ojczyzna" wird nicht mehr erscheinen. — Professor Cesare Lombroso wurde zum Vize-Präsidenten der kgl. Akademie der Medizin in Turin ernannt. — Dem italienischen Ex-Finanzminister Luzzatti ist wegen seiner zollpolitischen Verdienste vom deutschen Kaiser der Rothe Adlerorden erster Klasse verliehen worden. — Die Offizial Gazette veröffentlicht die Namen der Dekorirten in Italien, unter denen sich viele Juden befinden. Der höchste Orden, der große Kronenorden von Italien, ist dem General-Direktor der äußeren Angelegenheiten, Signor Giacomo Malvano, verliehen, zum Offizier desselben Ordens ist das Parlaments-Mitglied Signor Romanus Jacur ernannt. — Die Königin-Regentin von Spanien hat Herrn Levi Modiano, der einer durch ihren Wohlthätigkeitssinn bekannten Familie angehört, zum spanischen Generalkonsul in Salonichi ernannt. — Der Oberrabbiner von Frankreich, Zadok Kahn, hat an die Oberrabbinen des Landes ein Cirkular behufs Mitwirkung zur Errichtung eines jüdischen Centralwaisenhauses für die Provinzen ergehen lassen. Ein ähnliches Institut existirt in Holland, wo neben den Waisenhäusern in Amsterdam, Haag und Rotterdanr ein solches in Utrecht für die Provinzen errichtet worden ist. — Zwischen Kapitän Crömieu und Lam ase, einem Redakteur der „Libre Parole", hat infolge eines in letzterem Blatte veröffentlichten Artikels über die jüdischen Offiziere ein Pistolenduell stattgefunden, bei welchem vier Kugeln ohne Resultat gewechselt wurden. Aus demselben Grund ist zwischen Cremieu und dem Marquis Moros, der gleichfalls Redakteur der „Libre Parole" ist, ein Duell ausgefochten worden. — Baron Salomon Haber, der einzige noch überlebende der vier Brüder Freiherrn von Haber, die in der Fiuanzwelt eine bedeutende Stellung einnahmen, ist in Paris an einer Lungenentzündung gestorben. Baron Haber, der unter dem zweiten Kaiserreiche an allen großen Finanzoperationen theilgenommen hatte, soll ein Vermögen von 80 Millionen Francs hinterlassen haben. Druck miö Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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