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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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(Berlin, 24. Juni 1S!»2. 56. Jativgang. «r. 26. GpMk lNb kV Olk. ^eiLcrge zur „Attgemsinen Zeitung des Iuöentyurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. LH Berlin, 20. Juni. Zum ersten Male war gestern die neuerbaute Lindenstraßesynagoge Stätte einer feierlichen Einsegnung. Herr Rabbiner Di-. May bäum vollzog die feierliche Ceremonie vor einer, trotzdem Karten ausgegeben waren, dichtgedrängten Zuhörerschaar, welche von den weihevollen Worten des geschätzten Redners in Andacht gefesselt war. Auch die vorzüglichen Gesänge des aus Damen und Herren bestehenden Synagogenchores trugen zur Erhöhung der Feierlichkeit bei. Zur Einsegnung gelangte die erste Mädchenabtheilung. Der Kursus ist ein zweijähriger; die eintretenden Mädchen, gewöhnlich im Alter von 14 bis 15 Jahren bei ihrem Eintritt, werden in zwei Abtheilungen unterrichtet. Die Konfirmation bildet die feierliche Entlassung am Schlüsse des zweiten Jahrestnrses. Wir glauben im Interesse vieler Leser zu handeln, wenn wir darauf Hinweisen, daß der neue Kursus nach den hohen Feiertagen beginnt, sowie daß die Rede, welche Herr Dr. Maybaum gestern gehalten hat, bereits in die heute herausgegebenen „Casnalreden" des gefeierten Predigers (Berlin, Bibliogr. Institut) ausgenommen worden ist. Berlin, 22. Juni. In der Gedichtsammlung von Theodor Fontane findet sich eine kleine Ballade: „Die Jüdin", welche nach einem alte»,, aus den trübsten Zeiten des Mittelalters stannnenden Volksliede das traurige Vorurtheil gegen die Juden behandelt. Ein intelligenter Verehrer des berühmten Dichters aus München hat nun Herrn Dr. Gustav Karpeles auf diese Ballade aufmerksam gemacht und ihn gebeten, Fontane dieserhalb zu interpelliren. Auf eine bezügliche Anfrage erfolgte das nachstehende Schreiben des liebenswürdigen Poeten: „Zillerthal, 19. Juni 92. Hochgeehrter Herr und Freund! Ich bin seit einem Vierteljahr krank und so wollen Sie gütigst die Kürze dieser Zeilen entschuldigen. Das mit der „Jüdin" ist ein alter Schaden, — schon vor länger als 40 Jahren war Dr. Löwenstein (ein Verwandter von Rudolf Löwenstein) dagegen; ich mochte es nicht fallen lassen, weil es ein Musterstück von Balladenton ist. Es stammt aus der berühmten Percy'schen Sammlung. Anno 50 war das Alles nicht schlimm, heute liegt es anders, und so verspreche ich Ihnen und dem Münchener Freunde, die Ballade aus der nächsten Auflage wegzulassen. Mehr ist nicht zu thnn. Mit besten Wünschen für Ihr Wohl, in vorzüglicher Ergebenheit Ihr Theodor Fontane." Sicher wird dieses liebenswürdige Schreiben dem greisen Dichter so viele neue Freunde und Verehrer zuführen, daß bald wieder eine neue Auflage seiner Gedichte nöthig werde», wird. yg» Dem vom Verein „Esra" unter großen Opfern am 21. d. arrangirten Volksfeste in Weimanns Garten zu Gunsten der russischen Juden und der Ackerbau-Kolonien in Palästina wurde leider durch Jupiter Pluvius ein Strich durch die Rechnung gemacht. Die zu Tausenden trotz des Regenwetters erschienenen Festtheilnehmer wurden indessen in liebenswürdigster Weise entschädigt. Sie hatten bei freiem Entrbe Gelegenheit, den herrlichen Park zu bewundern, einem vorzüglichen Konzert beizuwohnen und sich an zwei trefflichen Aufführungen zu erfreuen. Das eigentliche Fest, wofür die ausgegebenen Billets ihre volle Giltigkeit behalten, wurde auf den 30. d. verschoben. Wie sich schon jetzt mit Bestimmtheit ergiebt, wird dasselbe nicht nur in künstlerischer, sondern auch hinsichtlich des materiellen Ergebnisses einen glänzenden Erfolg haben. * Berlin, 20. Juni. Rektor Ahlwardt ist am Donnerstag gegen eine Kaution von 10,000 Mark auf freien Fuß gesetzt worden. Das Militärgericht, vor welchem die Untersuchung gegen die in der Broschüre schwer beschuldigten Büchsenmacher schwebt, hat das Verfahren nahezu beendigt und nichts ermittelt, was Löwe, .Kühne oder diese Büchsenmacher irgendwie belastet. Voraussichtlich wird dies demnächst in: Anschluß an die früheren Veröffentlichungen bekannt gemacht werden. Vor dem Civilgericht ist die Untersuchung wesentlich noch nicht über die Vernehmung der Ahlwardtschen Zeugen hinausgekonnnen. Der „klassische" darunter ist eine mehrfach u. A. wegen Brandstiftung bestrafte Persönlichkeit. Die Löweschen Zeugen sind noch nicht vernonnnen worden (auch Löwe selbst nicht), ebensowenig die vom Kriegsministerium in Vorschlag gebrachten Sachverständigen. Berlin, 21. Juni. Gegenüber den schamlosen Fälschungen, welche unter dem Titel eines Talmudauszugs von antisemitischer Seite in ungezählten Exemplaren verbreitet worden sind, ist es erfreulich, heute von einem Gegenflugblatt „Der echte Talmud-Auszug " berichten zu können, welcher in populärer Weise die Gebote des Talmud mtb des Schulchan aruch, welche das Verhalten zum Nebenmenschen regeln, übersetzt und unter Anführung der Quelle wiedergeben. Es sind im Ganze», 100 Paragraphen ausgezogen. Der verdienstvollen Arbeit hat sich Herr Dr. H. Hildesheimer unterzogen. Da das Flugblatt für die Massenverbreitung bestimmt ist und wo möglich die antisemitischen Fälschungen auf Schritt und Tritt begleiten soll, so ist dasselbe mit einem etwas derbe gehaltenen Vor- und Nachwort versehen. Doch wer wollte dem Herausgeber das verübeln? Auf groben Klotz ein grober Keil! Hoffentlich wirkt's! "'Berlin, 21. Juni. Die Hauptversammlung der sächsischen Nationalliberaleu zu Leipzig nahm einstimmig eine Entschließung an, welche eine entschiedene Stellungnahme gegen den Antisemitisluus befürwortet. Dieselbe lautet: „Schon heute empfiehlt die Versammlung, Stellung zu nehmen gegenüber dem Antisemitismus, dessen verwirrende, die Leidenschaften aufregende Agitation eine schwere Gefahr für unser öffentliches Leben zu werden droht. Sie verkennt nicht die Schwierigkeiten, die aus der Einverleibung eines nach Religion und Herkunft von uns verschiedenen Volksstammes erwachse», sind. Sie erachtet aber jede Ausnahmegesetzgebung gegenüber dem Judenthum als solche»», für unzulässig. Dagegen hält sie für geboten, daß den Mißstä»,den, die zu der antise»r,itischen Beivegung Anlaß gegeben haben, überhaupt aller», unredlichen und unlauteren Gebühren auf jeden, Gebiete des öffentlichen und wirthschaftlichen Lebens »nit voller Schärfe entgegengetreten werde, auch durch »veiteren Ausbau der Gesetzgebung, insbesondere durch Strafbestimmungen." * Berlin, 20. Juni. Das Urtheil in der», Prozeß des Redakteurs Marx gegen die „Vossische Zeitung" ist rnuunehr veröffentlicht. Es heißt in de»»,selben u. A.: „Es »väre »um in der That »acht zu verstehe»», »vie der Zeuge Stephan,) dazu konnnen sollte, einen solche», Manu, der über drei Jahre in der Redaktion thätig »var, de», er selbst für fähig gehalte», und dazu ausersehen hatte, ihn zu vertrete»», den er sogar festgehalten hatte, als er seinerseits i»n November 1891 kündige», wollte,! wegen eines so geringfügigen Vergehens einer Doublette, das nach )lus-; sage der vernommenen Zeugen und der Sachverständige», in einer Redaktion i nicht sehr selten vorkonnnt, plötzlich zu entlassen, und es rnuß daher, j mögen auch unzureichende Leistungen des Privatklägers bei seiner Ent-! lass,mg »nitgesproche», haben, jedenfalls hauptsächlich noch ein anderer j Grund gewesen sein, der dieselbe herbeigeführt hat. Darüber geben die j Zeugen Dr. Levy und Schlei,ther Aufklärung. ... Es »nag den» j Zeugen Stephan,) geglaubt werden, daß, wen», der Privatkläger fähiger j gewesen »väre, er ihn auf einen anderen Posten gesetzt hätte. Jede»,-! falls ist der unmittelbare Grund seiner Entlassung nicht seine Unfähigkeit, sondern sei», jüdischer Glaube gewesen.; Darauf, daß die Unfähigkeit nicht der richtige Grund der Entlassung : gewesen ist, deutet übrigens auch der Umstand hin, daß sich der Zeuge; Stephan,) doch gescheut hat, diesen Grund bekannt werden z„ lassen; dein, i er hat den Privatkläger ersucht, er solle doch lieber überall verbreiten, j daß er seinerseits gekündigt habe."! * Gleiwitz, 14. Juni. Der oberschlesische israelitische Gerne i„debund hielt gestern in Gleirvitz seinen diesjährigen Verbaudstag; ab. Es waren erschiene», die Ge»nei»,den Gleiwitz, Beuthen, Ratibor,! Kattorvitz, Kosel, Rybnik, Zabrze, Lublinitz, Levbschütz, Ober-Glogau, > Tarnowitz, Königshütte, Sohrau, Pleß, Antonienhütte. Ferner waren der

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