Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 56. Thierschutzvereine entgegengetreten, cs wäre niemals so weit gekommen, i wie es leider jetzt gekommen ist. Nur durch ruhige, klare Belehrung hat man den Erfolg bei den Bundesbehörden erreicht, während das vorher den Thierschnhvereinen gezeigte schroffe Entgegentreten noch heute den Stachel von damals zu Tage treten läßt. Mißland. St. Petersburg, 13. Juni. Die Nachricht, daß die russische Regierung alle hebräischen Privatunterichtsanstalten Zu beseitigen beabsichtige, ist kein „verspäteter Aprilscherz", sondern leider eine im höchsten Grade traurige Thatsache, wenn auch noch nichts Bestimmtes in dieser Richtung geschehen ist. Die gefällige Form, in welche die auf eine noch tiefere Herabdrückung des geistigen Niveaus der Juden abspielende Maßregel sich kleidet, als ob es sich darum handeln würde, statt der „Melamdim" staatliche russisch gebildete Lehrer in geregelten Schulen anzustelleu, diese euphemistische Umschreibnng für eine s y st e m at i s ch e Z e r st örung allerWurzelu ein e s j üd i schen Gei sieslebens, nach der ebenso systematischen Vernichtung der wirthschaftlichen Existenzbedingungen, wird Niemand täuschen, der mit den Verhältnissen vertraut ist. Schon längst hat man aufgehört, bei Reformen im Schulwesen der Juden, Deutschen und Polen irgend welche Ziele im Auge zu haben, die mit Bildung, bürgerlicher Hebung oder Beseitigung von wirklichen Uebelständen im Zusammenhang sind. Als einziges Ziel gilt vielmehr, überall eine möglichst vollständige Russifizirung durchzusetzen, und dieses schließt nach den hier geltenden Begriffen und nach der unerbittlichen Theorie Pobjedonoszews eine bald offene, bald versteckte, in ihren Mitteln nicht sehr wühlerische religiöse Propaganda in sich, ein aufdringliches Heranziehen der Inden, Katholiken und Lutheraner an die allein seligmachende „rechtgläubige" Kirche. Wenn nun z. B. in beit Ostseeprovinzen und in Polen, sowohl in den Städten als auch auf dem Lande, alle nichtrussischen Schulen, selbst soweit sie voll den Gemeinden oder Privatstiftungen ohne jede Staatssubvcntion erhalten wurden, nacheinander aufgelöst wurden, so hat man wenigstens dem Bildungsdrang der Deutschen und Polen nirgends durch Absperrung der russischen Schulen ein Hinderniß gesetzt; sie werden überall mit offenen 'Armen empfangen und auch die höchsten Staatskarrieren sind ihnen geöffnet, wenn sie sich nur nicht dem nationalen Russenthum w idersetzeu, sie mögen auch persönlich lutherisch bezw. katholisch bleiben. So war der kürzlich verstorbene Stadtpräfekt voll St. Petersburg ein Deutscher evangelischer .Konfession, ebenso sein gegenwärtiger Nachfolger. Rein maechiavellistisch wird nur gegen Juden verfahren: einerseits werden sie streng von russischer Bffldung und russischem Leben ferngehalten les werden jüdische Schüler in öffentlichen, selbst ausschließlich aus jüdischen Mitteln gegründeten Schulen nur bis 3 Proz, und in Städten mit einer zu drei Viertel oder vier Fünftel jüdischen Bevölkerung nur bis 10 Proz. zugelassen): es braucht nicht erst erwähnt zu werden daß die Juden dabei grundsätzlich von allen Stipendien, selbst aus besonderen jüdischen Stiftungen, und allen Vergünstigungen ausgeschlossen sind; andererseits wird offen oder auf Schleichwegen das rein-jüdische Unterrichtswesen, das jedem jüdischen Kinde bis jetzt die Etementarkenntnisse und der großen Masse einen moralischen Rückhalt gesichert hat, untergraben. Gerade in den letzten Jahren, wo die Juden immer mehr zurückgedrängt und auf sich selbst angewiesen wilrdeu, gewannen die besonderen jüdischen Lehranstalten eine hervorragende kulturelle Bedeutung, sie hätten sich allmählich, sich selbst überlassen, nothwendig zu geregelten Schulen herangebildet, zumal da neue Anstalten zu gründen den Juden nicht gestattet wird. In den größeren Städten des „Rayons", in Bialystock, Berditschew, Warschau, Lodz, haben sich aus den besseren „Chedarim" moderne hebräische Schulen nach europäischem Mnster entwickelt. Wenn jetzt das Gesetz gegen die Ertheilung von „Geheimunterricht", d. h. von jedwedem Privatunterricht an einen oder mehrere Schüler, auch auf die „Ehedarim" ausgedehnt wird, so wird das zu einer Kalamität von unabsehbaren Folgen für die gesammte jüdische Bevölkerung werden. „Mit welchem Rechte" jenes Gesetz gegen die Juden angewendet wird, ist eine müßige Frage; Herr N. Bermann, ein ausgezeichneter Jurist, bemüht sich in einem Briese an den Wos'chod nachzuweiseu, daß das erwähnte neue Gesetz gegen „Geheimunterricht" voni Standpunkte des Rechts ans das jüdische Schulwesen, das stets durch Sonderbestimmungen geregelt wurde, um so weniger Bezug haben könne, als man die Juden zu öffentlichen Schulen nicht zulasse; aber die praktische Anwendung jenes Gesetzes gegen die Ehedarim wird sich wohl schwerlich durch juristische Erwägungen aufhalten lassen. Zunächst wird die neue Maßregel freilich eine Einnahmequelle für Polizeibeamte werden, die hier und da nach Landesbrauch ein Auge zudrücken werden; aber Tausende von Familien, denen die Erziehung der Kinder unmöglich gemacht werden wird, werden dadurch noch mehr als durch den ökonomischen Ruin gezwungen sein, die Heimath zu verlassen Am fürchterlichsten aber ist der Gedanke, daß die wie eine Lawine im Rollen begriffene antijüdische Gesetzgebung dabei voraussichtlich nicht stehen bleiben wird. Es soll eben den Juden als solchen das Leben und Athmen im Lande absolut unmöglich gemacht werden. Das größte russische Organ, „die Nowoje Wremja", hat es vor Jahresfrist ausgesprochen: „In die Erde sollen sie versinken." Das ist zum Motto der Gesetzgebung geworden. Von Nah und Fern. Der Verein „Esra" veranstaltet am Dienstag den 21. Juni ein Volksfest zum Besten der Ackerbau treibenden russischen Juden in Palästina. Dasselbe findet in Weimanns Volksgartcn auf dem Gesundbrunnen statt und beginnt um 4 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pfennige, für Kinder die Hälfte. — Zwei antisemitische Buchhändler sind am Donnerstag von der 2. Strafkammer des Berliner Landgerichts I. zu 30 bezw. 15. Mk. Geldbuße verurtheilt worden, weil sie im Januar eine der älteren Ahlwardtschen Schandbroschüren noch verkauft hatten, nachdem die amtsgerichtliche Beschlagnahme verfügt worden war. — Die antisemitische „Hannoversche Post" ist, wie sie selbst mittheilt, nicht mehr als Organ der konservativen Partei in Hannover zu betrachten. Der betreffende Beschluß wurde in einer Sitzung des Konservativen Vereins auf Antrag des Rittmeisters a. D. von Linsingen mit erheblicher Majorität gefaßt. — Tie Verhandlung gegen den des Xan teuer Knabenmordes angeklagten Schlächter Busch off beginnt am ersten Tage der nächsten Schwurgerichtssitzung in Cleve am 4. Juli d. I. und wird voraussichtlich mehrere Tage dauern. — Die antisemitische Volkspartei Böckels hält am 19. und 20. Juni in Dresden einen Parteitag ab. Die Berliner Gesinnungsgenossen Böckels laden zu einem am 20. Juni in Berlin stattfindenden norddeutschen Parteitage ein. Herr Tr. Böckel ist über dieses Konkurrenz - Unternehmen recht ungehalten; sein Leiborgan meint, es handele sich offenbar um Machenschaften, die den Interessen der Gesammtpartei zuwider seien. — Die Rabbiner der Synagogengemeinden von Dresden und Leipzig haben in Sachen des ministeriellen Erlasses betreffend das rituelle Schächten bei Sr. Excellenz Herrn von Metzsch Audienz gehabt. Derselbe hat, wie man uns ergänzend und berichtigend mittheilt, während der Dauer einer Stunde den Herren Gelegenheit gegeben, ihren Einwendungen gegen den Erlaß Ausdruck zu verleihen. Der Minister des Innern hat den endgiltigen Bescheid dem Beschlüsse des Gesammt Ministeriums Vorbehalten. — Arn 30. Mai fand in Hernals eine von den Wiener Antisemiten veranstalteteBersammlung statt, in der die rumänische Deputation gefeiert wurde. Lueger erging sich in heftigen Ausfällen gegen Ungarn. Der dalmatinische Abgeordnete Biauchini proklamirte die Föderation der kroatisch-rumänischen Interessen. Begrüßungstelegramme tarnen vour Antisemitenbund und vom deutschnationalen Verein in Berlirr. — Der Wiener Sozialistenkongreß beschloß, für die galizisch jüdischen Arbeiter, welche sich nach der: Schilderungen einiger Redner noch in weit gedrückterer Lage befinderr als ihre Kameraden in den übrigen Kronländern, ein eigenes Parteiorgan in jüdisch-deutscher Schrift zu gründen. — Die russische Regierung genehmigte den Plan des Barons Hirsch, in 25 Jahren die 3,500,000 Juden aus Rußland allmälig auswandern zrl lassen. 1892 wandern demnach 25,000 aus, in den nächsten Jahren wird die Auswandererzahl gesteigert. Wie mau ans Warschau berichtet, werden bereits mit Genehmigung der russischen Regierung in Petersburg, Warschau, Kiew, Moskau und Odessa Komitees zur Regelung der Juden-Auswanderung aus Rußland organisirt, welchc in allen wichtigeren Fällen sich mit dem Komitee des Baron v. Hirscb in Paris ins Einvernehmen zu setzen haben. Am 8. September soll dic erste größere Partie jüdischer Auswanderer nach Argentinien abgehen. Trnct und Verlag von Nudolf MoOe in Berlm. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin Diese Abom Postc unter Red In Von 2 Dr.H. Von H,! Fortset r Gleiwij London, T Berlin wirb > A oie g. 'hinbti vufene ui pri mir ci U -chaii Diese 3 ine gc;lir ga :,u Gel uns bei iiitb ii Bnrbil ■et H, Bnbbii H'lbftlK B rb er einer ( t nun" mie er unb w i'crufct wnhrli l'Scmei: ucröffe "upe 1 uebnijj seine ls