Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 verstehen. Was die Opferwilligkeit der spagnolischen Gemeinde anbelangt, so must man gestehen, das; dieselbe bedeutend größer ist als bei den europäischen Juden, welche unter gleichen pekuniären Verhältnissen leben. So z. B. trägt die Sofiaer Jndengemeinde ungefähr folgende Lasten: die Erhaltung der Schule mit 1500 .Bindern mit einem Kostenaufwand von jährlich 34,000 Frcs., zu deren Deckung der Staat nur 8000 Frcs. beiträgt Die 'Alliance besoldet den Direktor mit 4000, überdies einen französischen Lehrer mit 1000 Frcs. Die Anglo Jewish Association betheiligt sich mit 1875. Es verbleiben der Gemeinde 21,250 Frcs, die Schulhüuser abgerechnet, ans eigenen Mitteln $u beschaffen. Die Erhaltung der Gotteshäuser, der Ehazanim und Dienstpersonal wird von einem eigenen (lomile synagogal besorgt, welches auch für die Aufbringung des Gehaltes des Landesrabbincrs mit über l 5,000 Fres sorgen must. An diese reihen sich nod) andere Wohlthätigkeitsinstitutionen von demBikur iS h o I iin - V e r e i n, welcher ein Budget von 2—3000 Fre. hat, der Chewra Kadischa, Bertheikung von Pestachmahl, Holz und Kleidung für die armen Familien :c Bei dem Umstande, das; unsere spagnolischen Brüder sich der möglichsten Sparsamkeit im Genüsse des Fleischesbefleistigen, erscheint die Schochitagebühr von 15,000 Frcs. jährlich ziemlich drückend. Es giebt kaum eine Mizwah, welche nicht besteuert ist, als Mila, Kiduschin, Schochita re. Besonders hoch zu stehen kommt die hohe Mizwah, die PessichateOAron (Bekleiden der Thora». Ob bei der jetzt eiugetretencn kritischen Zeit, wo zahlreiche Familien ihre Beschäftigung verloren, die Sofiaer Gemeinde ihre bisherigen Lasten zu ertragen im Stande sein wird, must die Zukunft lehren. Amerika. K. Ans Argentinien, im Mai. Der Oberstlieutenant Goldsm i th, der neue Josua, wie er wohl in englischen Zeitungen genannt wird, hat sein verantwortliches, schweres Amt als Organisator der von Baron Hirsch in 'Argentinien zu errichtenden Kolonien angetreten und am 14. 'Aistau (11. 'April» an die .Kolonisten eine deutsche Proklamation erlassen, deren Wortlaut nach einer im Jew. World veröffentlichten Ucbersetzung ungefähr folgende ist: Ich, Michael, ein Sohn des Volkes Israel, genannt Oberstlieuteuant Goldsmith, sende meine Grüste den Kindern Israels, welche in den von Baron von Hirsch zu gründenden Kolonien eine Heimath und eine sichere Zufluchtsstätte finden wollen. Es war der Wille Gottes, den Ueberrest seines Volkes um der vielen Sünden und der Entweihung seines Namens willen schwer heimzusuchen. Unsere Pflicht ist es daher nun, hinwegzuschaffen, was uns zum Vorwurf gemacht wird, abzuthun die Fehler, die uns anhaften, und uns wieder würdig zu erweisen des Genusses der Hoheit, welche Gott unfern Vätern verheißen hat. Legt daher ab alle Eure bösen Leidenschaften und den Geist des Widerspruches. Jeder unehrliche und streitsüchtige Mann sei in Euren Augen ein Verräther an der heiligen Sache. Seid nicht wie jene Männer in der Wüste, hartnäckig und widerspenstig, und sorget, das; das Geschick, welches Jene traf, nicht auch über Euch komme. Ter Ewige, unser Gott, hatte in Rußland schwere Prüfungen über Euch verhängt, aber in seiner Gnade auch zu gleicher Zeit die Wege gezeigt, ihnen zu entrinnen. Er hat das Herz des Baron von Hirsch geleitet, für Euch Zufluchtsstätten zu gründen, ffir Euch, für Eure Frauen und Eure Kinder. 'Aach Gottes unerforfchlichem Rathschluß seid Ihr aus der Mitte der Nationen gewählt, um den Ruhm seines Namens hochzuhalten und seine Wahrheit unter den Völkern zu verkünden. Aller Augen sind auf Euch gerichtet! Arbeitet mit Fleiß, ertraget Mühen ohne Murren, gehorchet mit freudigem und willigem Sinn Euren Führern. Dann wird der Gott Eurer Väter Euch segnen, segnen das Werk Eurer Hände, segnen Eure Frauen und Kinder und Euch zu einem freien, glücklichen, blühenden Volke machen, zu guten Bürgern in einem Laude, das Euch beschützt, und Ihr werdet leben. Jeder unter seinem Feigenbäume und unter seinem Weinstocke. In Eurer Mitte werden von Neuem die Lieder Zions erschallen, Ihr werdet nicht unterlassen, die Thora zu lernen und zu lehren und ihre Gebote zu halten Dann werdet Ihr seines Segens, der sich über das ganze Haus Israels ausbreiten wird, versichert sein! Von Nah und Fern. Unter den Mitgliedern der Deputation der hiesigen Holländischen Kolonie, welche die Königin der Niederlande gelegentlich ihres Aufenthalts in Berlin im Königlichen Schloß in Audienz empfing, befand sich auch ein Unterthan Ihrer Majestät jüdischen Glaubens. Dem Herrn Hendrik Citroen. Mitinhaber einer renommirten Pelzwaarenfabrik, wurde diese hohe Ehre zu Theil. — Der Vorsitzende der Vereinigung „Antisemitische Volkspartei Berlin", Bodeck, ist durch Beschlus; einer Mitgliederversammlung seines Postens enthoben worden. Die Gründe der Maßregelung liegen auf finanziellem Gebiet. Wie üblich. — Der Amtsrichter Herr Arnold Kali sch er in Schwiebns ist als Landrichter nach Landsberg a. d. Warthe versetzt worden. — Der Rechtsanwalt und Notar Peltasohn in Lieguitz ist zum Justizrath ernannt worden. — Der Wahl des Rabbiners Dr. Rosenfeld aus Oroshaza zum Oberrabiner von Altona ist die Bestätigung der Negierung versagt worden, weil der Erwählte Ausländer (Ungar) ist. — Der „K. V.-Z." zufolge wurde Grüner, der entlassene Vorsitzende des Kölner antisemitischen Vereins, bei Bonn auf einem Rheindampfer verhaftet. — In Remagen hat am jüngsten Donnerstag die jährliche Generalversammlung des Vereins zur Hebung der sozialen Lage der Juden stattgefunden. Voran ging eine in der Synagoge abgehaltene Gedächtnisffeier für das verstorbene Ehrenmitglied des Vereins, Herrn Rabbiner Tr. Wedelt. Herr Lehrer Mannheimer hatte der Schuljugend einige Lieder eingeübt; die Gedächtnißrede hielt Herr Rabbiner Dr. Cohn aus Bonn. — Die Frau und die Tochter des Schächters Buschhoff in kanten sind außer Verfolgung gesetzt worden. — In Frankfurt a. M. hielt Herr Dr. Johannes Müller aus Leipzig einen Vortrag über „Die Verständigung zwischen Judenthum und Christenthum als einzig wirksame Waffe gegen den Antisemitismus". — Der israelitische Stellenvermittelnngs - Verein zu Hamburg wendet sich mit einem Cirkular an das Publikum, in welchem er um Unterstützung seines Vorhabens bittet. Die Adresse des Vereins ist M. S. Wolff, Esplanade 15. — In Wien ist Prinz Lichtenstein, der Führer der Antisemitenpartei im Reichsrath, in einem Vorstadtlokal zugleich mit einigen Spezialitäten „zum Volke herabgestiegen". — In Budapest fand in voriger Woche ein Duell zwischen dem Grundbesitzer Alexander Karsai und Baron Bela Aczel statt, welcher den Ersteren aus der Liste der zum Krönungsfestbanderium vorgemerkten Theilnehmer streichen liest. Das Duell fand auf Pistolen statt. Karsai erhielt einen Schuß in die Brust. Sein Zustand ist sehr gefährlich. Der Fall erregt großes Aufsehen. Karsai ist Jude und angeblich nur aus formalen Gründen aus der Liste gestrichen worden. — Das ungarische Abgeordnetenhaus nahm den Antrag Jranyis betreffend die freie Ausübung der Religion und die Gleichberechtigung der Konfessionen einstimmig an. — Die Sammlung von Unterschriften für das in die Schweizer Bundesverfassung aufzunehmende Verbot des Schächtens hat begonnen. Der neue Verfassungsartikel würde lauten: „Das Schlachten der Thiere ohne vorherige Betäubung vor dem Blutentzuge ist bei jeder Schlachtart und Viehgattung ausnahmslos untersagt." Für diese Aktion sind 50,000 Unterschriften nöthig. — Zwei jüdische I n st i t u t e in Amsterdam erhalten namhafte Spenden von der Königin- Regentin: es sind dies der Wittwenverein der Diamantenschleifer und der Waisenfonds. — Der Kavallerie-Kapitän Cremieux forderte im Namen von 300 französischen aktiven Offizieren jüdischer Konfession Drumont auf, die beleidigenden Artikel gegen die Juden einzustellen Drumont antwortete, der Kapitän möge sich zuvor von allen jüdischen Offizieren ein formelles Mandat ertheilen lassen, worauf der Kapitän Drumont seine Zeugen sendete. Das Resultat war eine leichte Verwundung Drumonts. — M. David Raynal, Mitglied der französischen Deputirtenkammer, welcher bereits zweimal Minister der öffentlichen Arbeiten war, wurde zum Vizepräsidenten der Handelskammer ernannt. — Ein stolzes Denkmal jüdischen Wohllhätigkeitssinnes wird sich demnächst an Ralph Avenue und Pacific Str., Brooklyn, erheben — der fünf Stock hohe Bau des jüdischen Waisenhauses. Am 3. d. M. fand die feierliche Legung des Ecksteins statt. — In Chicago soll während der Ausstellung auch ein Religions-Kongreß tagen, welcher von allen Konfessionen der civilisirten Staaten beschickt werden soll. Die Arrangeure des Kongresses haben sich auch an jüdische Kapazitäten und Vereinigungen gewandt, uin auch diese zur Beschickung des Kongresses zu veranlassen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Dia7 Bauchwitz in Berlin.