Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 * Prag, 6. Juni. Gestern Vormittag ist hier Herr M. Dr. Jakob Fischet, em. Professor der Psychiatrie an der Prager Universität und ehemaliger Direktor der Landesirrenanstatt, nach kurzem Leiden verschieden. Vor wenig mehr als einem halben Jahre — an: 18. Oktober 1891 — feierte er sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum, und die zahlreichen Kundgebungen der Sympathie, Liebe und Verehrung, die dem Verschiedenen aus diesem Anlasse dargebracht wurden, zeigten wohl am besten, welche hoher Achtung sich der Verblichene in allen Kreisen, in der wissenschaftlichen Welt, wie in der Gesellschaft, erfreute Dr. Fischel wurde am 19. April 1813 in Lochowitz (Böhmen) geboren, absolvirte in Prag das Gynmasium und die medizinischen Studien und wurde am 18. Oktober 1.8-11 cm der hiesigen Universität zum Doktor der gesammten Heilkunde promovirt. Am 1. März 1844 wurde er in die damals noch mit dem Krankenhause verbundene Irrenanstalt als Sekundärarzt erster Kategorie berufen, wo er nach der Ernennung des Primärarztes Dr. Niedl zum supplirenden Direktor des Allgemeinen Krankenhauses dessen Stellung als Primärarzt übernahm. Im Jahre 1850 bewarb er sich um die damals zur definitiven Besetzung ausgeschriebene Stelle des Jrrenhausdirektors, die er jedoch trotz der besten Empfehlungen des Statthalters und des Studiendirektors wegen konfessioneller Bedenken nicht erhielt. Achtzehn Jahre später, im Jahre 1868, wurde er jedoch nach der Pensiouirung seines einstigen glücklicheren Mitbewerbers vom Landesausschusse, in dessen Verwaltung das Institut mittlerweile über gegangen war, zur Leitung der Landesirrenanstalt berufen. Diese Stellung bekleidete er bis zum Jahre 1885, wo er wegen Kränklichkeit in den Ruhestand trat. Illeben seinem praktischen Wirken auf dem Gebiete des Jrrenheilwesens bcthätigte er sich auch in der Lehre seines Spezialfaches. Schon im Jahre 1848 begann Dr. Fischel vor den in Prag zu Studienzwecken weilenden fremden Aerzten Vorträge zu halten, aus welchen sich bald regelmäßige theoretische und praktische Vorlesungen über Psychiatrie und forensische Medizin herausbildeten, die namentlich von den hier weilenden ausländischen Aerzten stark besucht wurden, da zu jener Zeit sehr wenige psychiatrische Kliniken bestanden. Später hielt er über diese beiden Fächer auch zahlreich besuchte Vorträge für die heimischen Studirenden. Im Jahre 1874 wurden ihm Titel und Rang eines außerordentlichen Professors verliehen und anläßlich seines im Jahre 1885 erfolgten Neberlrittes in den Ruhestand wurde ihm die allerhöchste Anerkennung für seine ersprießliche lehramtliche Thätigkeit ausgesprochen. Auch der Landesausschuß hat ihm lei diesem Anlasse in einer besonderen Zuschrift „für den unermüdlichen, hingebenden Pflichteifer, mit welchem er jederzeit seines Amtes waltete, für sein erfolgreiches Bestreben, die seiner Leitung anvertraute Anstalt bei gleichzeitiger gewissenhafter Wahrung der finanziellen Interessen des Landes zu jener dauernden Höhe zu erheben, aus welcher sie unter den anderen Anstalten gleicher Kategorie eine ehrenvolle, allgemein gewürdigte Stellung behauptet, sowie überhaupt für seine so vorzügliche Wirksamkeit im Landesdienste seine vollste Anerkennung" ausgesprochen. Neben seiner praktischen Lehrthätigkeit hat Dr. fischel die Ergebnisse seiner reichen Erfahrungen in einer ganzen Reihe von Abhandlungen in medizinischen Fachzeitschriften niedergelegt. Von dem menschenfreundlichen, wohlthätigen Sinne, der ihn sein ganzes Leben hindurch geleitet, ist auch sein Testament durchweht. In demselben widmete er 78,000 fl. wohlthätigen Zwecken. Davon sind bestimmt 27,000 fl. für die Errichtung einer Wohnzinsbeitragsstiftung für Wittwen und Waisen nach Rabbinern und israelitischen Lehrern in Prag, 12,000 fl. für den Unterstützungsverein für mittellose israelitische Universitätshörer in Prag, 12,000 fl. für den israelitischen Freitischverein, 10,000 fl. für die Handwerkerabtheilung des Centralvereincs zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag, 6000 fl. für die Wittwenkasse des Prager medizinischen Doktorenkollegiums für Wittwen nach solchen Med.-Doktoren, die nicht Mitglieder der medizinischen Wittwensozietät waren, ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession, 6000 fl. dem israelitischen Nächstenliebeverein und 6000 fl. dem Krankenhause der Barmherzigen Brüder. * Brunn, 1. Juni. Heute erst gelangten Nachrichten hierher von antisemitischen Ausschreitungen, welche dieser Tage in Kojetein stattfanden, lieber die Ursache derselben wird berichtet: Am 22. Mai erstattete der Kaufmann Moses Fuchs bei der Behörde die Anzeige, daß seine Magd Barbara Mizera spurlos verschwunden sei. Sofort entstand das Gerücht, daß das Mädchen heimlich umgebracht wurde, und zwar für rituelle Zwecke. Dieses Gerücht fand weitere Verbreitung und Glauben in den untersten Schichten der Bevölkerung. Am Abend fanden Zusammenrottungen statt und die Leute nahmen eine drohende Haltung gegen die Juden ein, weshalb diese ihre Geschäfte früher schlossen. Vorgestern zog plötzlich ein starker Pöbelhaufe auf den Platz, und bevor dies noch von der Gendarmerie verhütet werden konnte, waren sämmtliche Fensterscheiben im Hause des Kaufmanns Sonnenschein eingeschlagen. Die Exzedenten suchten ihr Treiben fortzusetzen, wurden aber von den Gendarmen und den Mitgliedern der Feuerwehr daran verhindert, lim weiteren Ausschreitungen wirksam entgegenzutreten, wurde telegraphisch Gendarmerieverstärkung requirirt. Ächwedrn. M. N. Snndsvall, 4. Juni. In meinem letzten Briefe theilte ich mit, daß die hiesigen Juden bei der Regierung die Erlaubnis; zur Bildung einer eigenen Gemeinde nachgesucht haben. Die Regierung hat dieses Gesuch genehmigt, jedoch mit der Bedingung, daß, wenn eine Synagoge gebaut werden soll, eine neue Eingabe bei dem König gemacht werden solle. Bei der Koustituirung der Gemeinde aber ergaben sich Schwierigkeiten; die Mitglieder sind eingewanderte Russen und Polen, die theils keine Zeit hatkm, auch nicht genug Fähigkeit besitzen, Statuten auszuarbeiten; also wurde beschlossen sich an den greisen Dr. Lew y so hu in Stockholm, der in dem 74. Lebensjahre steht, mit der Bitte um Hilfe zu wenden. Der bewährte Helfer in der Noth antwortete umgehend, daß er bereit wäre, hier eine Kehila zu bilden, und reiste her, obwohl die Seefahrt erst vor Kurzem begonnen und die Sonne auch noch nicht einmal alle Spuren von Eis und Schnee zerschmolzen hat. Der Greis ist in Frische und (Gesundheit hier angelangt und hat mit Lust und Freude die Arbeit angegriffen. Zum Zwecke der Statuten-Ausarbeitung setzte er sich mit dem Bankdirektor Herr Isidor Dehn, gebürtig aus Kopenhagen, in Verbindung, und dieser nebst einigen anderen Herren betheiligten sich gern. Zum festgesetzten Tage fanden sich Alle ein. Much manchen Kämpfen und unangenehmen Szenen, wie sie aus dem Charakter der Polen zu erklären sind, wurde endlich die Gemeinde konstituirt. Auch jetzt wurden unsere guten Helfer noch nicht müde, mit uns zu arbeiten, damit die Gemeinde passend organisirt werde, und da wir einen Mann wie Herrn Dehn an der Spitze haben, so können wir sicher sein, daß! die Gemeinde in Kurzem blühen wird. Bemerkt sei, daß unsere Gemeinde! die nördlichste der Welt ist. Einen weihevollen Eindruck auf Jung und! Alt machte die Barmitzwafeicr eines Knaben, den Dr. Lewysvhn bei! seinem Hiersein konfirmirte. In moderner Weise ließ er ihn im Betsaal i die Glaubensartikel in deutscher Sprache feierlich aussprechen, wie auch die zehn Gebote im Urtext hersagen. Der hochgeschätzte Geistliche erklärte sodann die Bedeutung der jüdischen Religion in ergreifender Rede. Die Jugend der eingewanderten Polen glaubte bisher, daß das Jndenthum nur in ritualen Gebräuchen bestehe. Nun sind ihnen die Augen geöffnet, denn es war der erste Mal, daß ein Rabbiner hier einen Knaben konfirmirt und zu ihnen gesprochen hat Möge in gleicher Weise das Licht erscheinen in allen finsteren jüdischen Gemeinden! Bulgarien. u. Sofia, 2. Juni. Wir haben erwähnt, daß die Hauptstadt des bulgarischen Fürstenthumes, Sofia, die alte Vilayetstadt, von Grund aus wieder anfgebaut werde. Hierdurch ist auch die jüdische Gemeinde zu Neu bauten gezwungen, was hier äußerst kostspielig ist. Auch in dieser Beziehung that der Magistrat sein Möglichstes. Er überließ der jüdischen Gemeinde ein großes Grundstück in Utsch bruuar (dem neuen Ansiedlungsorte), ebenso! ein zweites in der Stadt selbst, ans welchen mit einem Aufwande von 150,000 Fres. eine Synagoge und Schule im Vororte und eine prächtige Schule in der Stadt selbst aufgeführt wurden. Von den früheren vier Synagogen blieb noch erhalten die Synagoge der spagnolisirten Aschke- - nasim. Außer dieser giebt es kein anderes Bethaus von dem Umfang! der zerstörten, weshalb die Gemeinde darangehen muß, einen neuen Tempel! zu erbauen, und zwar nach europäischem Muster. Die Deckung dieser : Baukosten verursacht der Gemeinde schwere Sorgen, und schon stand man! an dem Punkte, die neuaufgebaute Schule mit einen 'Aufwand von 82,000 Fres., den Baugrund nicht mitgerechnet, wegen der schuldenden 20,000 veräußern zu müssen. Wie ich bereits berichtet, setzen die Gemeindemitglieder Alles daran, um den Unternehmern den Rest zu bezahlen. Hier muß sich noch manches reiche Mitglied zu einem schweren Opfer