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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-10 · Heft 24 (10.6.1892) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 betrübten Mutter, was der verwaisten Schtvester sagen sollen, er, ein Sohn, der dem verstorbenen Later kein „Kaddisch" nachsagt. Was ihn aber am tiefsten schmerzte, das war, daß er es geheim mit sich hernmtragen mußte, als ob es ein Berbrechen wäre. Wie gern hätte er sich auf die Erde niedergeworfe», um den geliebten Later zu betrauern, wie gern hatte er sein Kleid zerrissen, sich Asche ans das Haupt gestreut, und welchen Trost hätte er darin gefunden, wür es ihm vergönnt gewesen, nur einmal hingehen zu dürfen an den Ort, den er von Kindheit auf für heilig gehalten, und dort in der Synagoge für das Seelenheil des Vaters „Kaddisch" zu sagen. Ach, das waren ja Alles Phantasiebilder, Träume, denen! er keine Wirklichkeit verleihen konnte! Ja, wie durfte er diese; geheimsten Regungen seiner Seele nur auch durch einen Laut! verrathen. War es denn nichts als ein Possenspiel, das er da j aufgeführt? war er denn nicht Christ geworden? konnte er vor! aller Welt sich dem Gespötte Preis geben? ja, durfte er es wagen, den Frieden in seinem eigenen Hause zu stören? was würde Marie, >vas ihr Later sagen, wenn er jetzt, ein Christ, nicht auch als Christ leben wollte, wenn er mit der Taufe seinen früheren Glauben nicht ein für allemal abgelegt? war er denn ein Kind? war er nicht ein Mann mit eigenen Gedanken und Entschließungen? hatte man ihn zur Taufe denn geznnmgen? ja, hat man ihn auch dazu mir überredet? — Nein, er durfte nichts äußern, er durfte nichts merken lassen von dem, was ihm die Brust erfüllte. Die große Unruhe war z ivieder in sein Herz eingekehrt und er mußte sie darin verschlossen j hernmtragen ohne Hoffnung ans Linderung, ohne Anspruch ans Mitgefühl. Mitgefühl, wohl fand er's, ohne daß er's wußte; denn Marien tonnt cs nichtcntgehen, daß Josef leide. Wie tief sein Leiden war,das vermochte sie freilich nicht zu ahnen, aber sie sah, daß der Himmel seines Glückes mit einer düstern Wolke umschattet sei. Daß der Tod des Vaters einen Sohn mit Traurigkeit erfülle, das ist nun eben nichts Unverständliches; sie begriff und ehrte seinen kindlichen Schmerz und störte denselben nicht durch zudringliche Tröstungen. Von der Zeit allein hoffte sic die Heilung für die Wunde, und so beschränkte sie sich darauf, ihm, soviel es an ihr lag, das Leben zu verschönern und zu versüßen Und in der That, wo die Liebe die Wurzel des Daseins bildet, was sollte da nicht ausgeglichen werden! Wie ward er selig bis in fein tiefstes Inneres hinein, da ihm Marie mit glühendem Gesichte i in holder Verschämtheit das Geständnis; ablegte, daß sie sich Mutter fühle. Da ging er mit Seligkeit und Bckümmerniß im Herzen Tage, f Wochen, ja Monde lang umher, ging seinen Geschäften, welche jetzt! die eines Landmannes waren, still und gelasserr nach und harrte! dem frohen Augenblick entgegen, der ihm erlösende Kunde bringen : fällte. Der Augenblick kenn heran. Marie ivar eines Töchtercheus genesen und Josef war außer sich vor Freude, da ihm die alte Bri- , gitte das Kindchen zum ersten Mal entgegenhielt. Ein theures Menschen, f leben war ihm abgestorben, ein neues Leben ward ihm jetzt geschenkt j Ach, was ist das ganze Menschendasenr! ein ewiges Kommen und i liehen! Geboren werde» und sterben, und zwischen Geburt und Grab; dieses arme Menschenberz bewegt und erregt von Freude und Kummer, i Lust und Schmerz und immer, immerfort die große Unruhe mitten drinnen. Das Töchterlein wurde zur Kirche getragen und getauft. Die Freude des alten Niederhuber, der Mutter Brigitte, des treuen Honza war unbeschreiblich, das Glück der Mutter unsäglich. Josef aber wußte nicht, wie ihm war; die Taufe des Kindes stinnute ihn ernst und traurig. Sonderbar. Er selbst in des Gasse geboren und erzogen, hatte sich losgcrissen von allen seinen theurcn Jngenderinnerungen, losgesagt von seinen geliebten Eltern und hat ohne Zaudern und Zögern den Akt, der ihn zum Christen umwandelte, an sich vollziehen lassen, ohne sich dabei einen Vorwurf zu machen, ohne sich eines Unrechts belvußt zu sein, llnd da trug man ein neugeborenes Kind ohne Bewußtsein und ohne Wahl in die Kirche, und er, der Vater dieses Kindes, fühlte tief, wie sich sein Inneres gegen die Handlung auflehnte, fühlte schneidend die Bisse des Gewissens, und mußte schweigen, und konnte sein Herz nicht ansschütten an eines Menschen Brust, vor eines Menschen Seele. Ach, wie anders war ihmzu Muth gewesen, wenn er sein Kind nun Hütte hintragen dürfen zu seiner Mutter, zu feiner Schwester wenn er es ihnen hätte Hinhalten dürfen und sagen können: Seht da, nehmt es, ich Hab Euch ein theures Leben geraubt, ich habe Dir den Gatten, ich habe Dir den Vater entrissen; nehmt es, nimm, Mutter, ein Enkelkind, nimm. Schwester, es ist Dein Bruderkind! nehmt dieses neue Leben als Ersatz für das abgeschiedene. In dem Lächeln dieses unschuldigen Kindes wird Euch ein neues schönes Leben erblühen und Ihr werdet noch glücklich sein! — Ach, wenn er den Trost gehabt hätte, so hiugehen, so mit den Betrübten und Verlassenen reden zu dürfe». Wie weh war ihm »ms Herz, daß er das nicht konnte. Marie beobachtete ihren Josef mit stillem Kummer. Sie merkte ihm an, daß er etwas auf dem Herzen habe, was er ihr zu verbergen suchte. Daß seine Traurigkeit noch immer in dem Tode des Vaters ihren Grund habe, schien ihr nicht das Richtige zu sein; denn die Zeit söhnt ja doch alle Menschen mit solchem Leid ans, der Natur kann Niemand sich entziehen und dem Ernst ihrer Forderung weichliches Hinbriiten cntgegcnzusetzen, anstatt sich mannhaft aufzuraffen, wäre kindisch, und das Trauerjahr um den Vater ging ja bald zu Ende. Nein, das konnte cs nicht sein; eine Düsterkeit des Gemüthes, die mit der Zeit sich nicht verliert, muß eine beständig fortwirkende Nahrung haben, muß eine Ursache haben, die den Schmerz immerfort aufs Neue unsacht. Aber was sollte diese Ursache sein? Sollte Josef in der Ehe sich nicht glücklich fühlen'? Marie war weit entfernt einem solchen Gedanken Raum zu geben. Josefs Liebe zu ihr war nach der Hochzeit nicht schwächer geworden, ja, sie hatte selbst an jener Zärtlichkeit, wie sie sonst nur der Jüngling dem Mädchen, selten aber auch der Gatte seiner Gattin zu beweisen pflegt, nichts eingebüßt. Josef war gegen sie nach wie vor immer der liebende Mann, der er früher gewesen war, in seinem Benehmen gegen sie hatte er sich nicht geändert, und doch war er ernst und traurig; warum? Daß er etwas wie Reue wegen seines Uebertritts zum Christenglauben empfinden sollte, das tauchte wohl wie eine Ahnung in ihr auf; allein sie konnte einem solchen Gefühl nicht so viel Bedeutung zuschrciben, um sich daraus seine Mißstimmung zu erklären. Josef war freiwillig Christ geworden, ohne daß ihn Jemand dazu überredet, und er hat seinen Entschluß gern ausgeführt; er hat seit seinem Uebertritt auch als guter Christ gelebt, ging jede» Sonntag so gut wie die Andern zur Kirche und ließ auch nie durch ein Wort oder auch nur durch eine Andeutung merken, daß ihm am Christenglauben irgend etwas anstößig sei, oder daß er sich darin nicht ganz heimisch fühle. Und doch war er ernst und traurig. Gar manchmal regte es sich schmerzlich in ihr, wenn sie daran dachte, daß er sie als seine Geliebte, als sein vor den Eltern ihm angetrantes Weib doch seines Vertrauens würdigen und ihr die llrsache seines geheimen Kummers mittheilen sollte; allein ihr besserer Geist siegte bald über solch kleinlichen Verdacht und sie bewunderte dann sogar, wenn sie ihn so still durch die Stube geherr oder hei der Wiege sitzen und sein Kind betrachten sah, in seinem Schweigen den Adel seiner Gesinnungen, die Großmuth seiner Seele und die sittliche Kraft, die ihn fähig machte, die Bekümmernis; seines Hcrzeirs mit sich allein hcrnmzntragen, ohne sich, zu offenbaren und in solcher Entäußerung Erleichterung und Trost zu suchen. (Fortsetzring folgt.)

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