Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 genommen die jungen Leute sowohl den commandirenden General H. v. Thiemen Exellenz als dem Herrn Ober-Präsidenten des Großherzogthiuns Posen in Betreff ihres weiteren Fortkommens zur Armee und ihrer vollständigen Bewaffnung dringend 5x1 empfehlen, und werden dies Beispiel von thäliger Vaterlandsliebe zur lebhaften Nacheiferung allgemein bekannt machen. Bromberg, den 1. Juli 1815. König! Pr. Regierungs-Eomission Bromberger Departements gez. Stein. Zumpfert. An die Synagogen - Aeltesten Joel Moses und Moses Elias Ephraim zu Jnowrazlaw. Nr. 288. Daß vorstehende Verfügung mit dem Original übereinstimmt wird hiermit bescheinigt. Jnowrazlaw, 18. Juli 1815. —■ Magistratssiegel — Der Magistrat. Radeeti. Ad um Br 0 m b e r g, den 80. Juny 1815. llnterni heutigen dat<> haben wir endes Unterschriebenen von die Vorsteher der Synagoge -u Jnowrazlaw die von Ihnen an uns versprochene zur völligen Eompletirung, das; heißt bis aus das Gewähr mit 12 sage zwölf Reichst Haler ein jeder baar und richtig erhalten worüber wir eigenhändig mit unserer Unterschrift der Wahrheit gemäß qxittttreu ul supra. Gerson Owardowski. Jtzig Meyer Cohn. Israel Levy. 'Abraham Katnw. Leyser Moses. Beer Krisch. Levy Cohn. Snuuna 8-1 Nthlr 'All Se. Excel!. des H. General Lieutinant v. Thiemen, Ritter verschiedener Orden zu Posen. Jnowrazlaw, den 5. July 1815. Bittschrift der Synagogen-Aeliesten Hierselbst. Geruhen C. Exeell. sich folgendes vortrageu zu lassen: Unterm 29. v. Ri. haben wir an C. Hochverehrten Regierimgs- Comission zu Bron berg, die von uns völlig eqnipirten 7 Freiwilligen zur Königl. Preuß. Jäger-Corps abgeliefert und zum weiteren Marsch nach Posen bestimmt worden. Da gedachte Freiwillige, daß nöthige Schüßgewehr nicht zur Stelle mitgegeben werden konnte, dahero solche gegenwärtig an Sr. Ereell. erfolgen, mit der ergebenster! Bitte Gnädigst solche Gewehre, unter angeführte Freirvilligen, vertheilen zn lassen, oder falls selbige schon ihren Marsch fortgesetzt haben soltterr, zum bestimmten Ort besorgen zu lassen. Wir getrosten uns einer baldigen Gnädigen Crhörung xnxb ersterben in tiefster Ehrfurchtsvoll. Daß der Lieutinant Herr Francns 7 völlig eyuipirte Freiwillige Jäger Sr. Exeell. dem Herrn General-Lieutinant v. Thiemen übergeben hat, wird demselben hierrnit bescheinigt. Posen am 8. July 1815. v. Holderegger, Königl. Kriegs-Coniissar in Auftrag. d Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Mutter und Tochter mußten sich wieder auf die Erde setzen. Diesrnal betrauerten sie einen wirklich Todten, einen wirklich Gestorbenen; nicht einen, der im freventlichen Trotz sich von ihnen abgewendet, sondern einen, den die Natur, den Gott selbst abgerufen, hinzugehen in das dunkle Land der Todesschatten. Die Mutter in ihrer sinnigen Weise suhlte den Unterschied der Trauer gar sehr, sie fühlte den Ernst dieses Abscheidens aus der' Welt in ganz anderer Weise als jenes Abscheiden eines Menschen, der sich von einem Fleck Erde blos auf einen anderen Fleck Erde begiebt, der aber dabei noch immer im Licht der Sonne wandelt. Es dämmerte in ihrem Geiste eine Ahnung auf, daß eine Todtentrauer um einen Lebenden kein rechter Ernst sei, sie wagte zwar dieses nicht mit Worten auszusprechen, ja sie fürchtete sich fast vor den Gedanken, die sie da im Innern hegte, aber das Gefühl der Mutter, die ja doch die Frucht ihres Leibes, die sie unter dem Herzen getragen, nicht vergessen kann, erwachte aufs Neue in ihr, und der verlorene Sohn gewann, ohne daß er's wußte, in ihrem Herzen wieder eine Stelle. Nicht also im Herzen der Schwester. Der Vater war gestorben; die Ursache seines Todes war der Bruder. Er hatte sie um den Bater gebracht; von ihm forderte sie den geliebten Todten zurück. Joffes Jossef! Du hast ihn unter die Erd gebracht, das mag Dir Gott verzeihen, ich — nicht. Mein Bruder bist Du nicht. Sitz Du nur draußen bei Deinem Weib, bei der Schönheit, der Du uns Alle geopfert. Sitz Du nur draußen bei ihnen und freu Dich, daß Du nichts mehr gemein hast mit der „Gasse", die Dich großgezogen: laß Dir von ihnen einreden. daß Du einer der Ihrigen geworden bist. Der Tag wird schon kommen, Du wirst es erfahren, wie fremd Du bist in Deiner neuen : Heimath. Da, tritt herein und sieh, was Du angerichtet hast, da steh, i wie sie weint, und fall auf Dein Gesicht und weine bittere Thränen. j Und wenn sich da die ganze Welt vor mir niederwerfen möcht, und! es von einem Blick von mir abhängig war, die ewige Seligkeit, die! Du verloren hast, Dir wieder zurückzukaufen, ich möcht Dir zurufen:! Kratz mir mit den Nägeln den Vater aus der Erd heraus und mach! ihn, dem Du das Herz zerrissen hast, erst wieder lebendig. — Und ich möcht mich von Dir wenden ohne Gnade und Barmherzigkeit. Gott i im Himmel, was hat der Mensch mir angethan. Der Todesfall, der sich hier in der „Gasse" ereignet, hatte auch auf dem Dorfe draußen eine tiefe Trauer erzeugt. Schon während der Krankheit des Vaters beschlich es den Sohn oft wie Todesahnung. Wie gern wäre er hingeeilt an das Bett des Vaters, wie gern hätte er die theuren Züge, die er seit seiner Kindheit mit Liebe und Ehrfurcht zu betrachten gewohnt war, noch einmal gesehen, ehe die Hand des Todes sie entstellt, wie gern hätte er noch einmal in des Vaters Auge geschaut, ehe es verlöschen solle. Doch wie durfte er das wagen. Er, der kalt und verschlossenen Herzens sich losgerissen von seinen altern, Schwester und Heimath, von Familie und Glauben, von Allem, was dereinst ihm theuer war, wie sollte er das wagen! Er, der Schuld trug, daß der Vater darniederlag am gebrochenen Herzen. Wie sollte er vor die Seinigen hintreten. Mit welcher Stirn sollte er vor den Eltern erscheinen, die er tief verletzt, so unheilbar verwundet. Wie konnte er seiner Schwester ins Auge schauen, ihr, die ihn gewarnt, die ihn ermahnt, die ihn zurückhalten gewollt mit aller Macht, die sie über ihn besaß, und von der er sich so gewaltsam losgerissen, so schnöde und schonungslos getrennt. Und verlangte der Vater denn auch nach ihm? würde er in dem Falle nicht nach ihm begehren, nach ihm schicken? Nein, er durfte das nicht wagen, und so mußte der Bater in die Grube fahren, ohne daß der Sohn ihm die Augen zugedrückt, und der Sohn mußte die Nachricht von dem Tode des Vaters erfahren, als ob da ein Mensch aus der Welt gegangen wäre, dem er in seinem Leben nicht näher gestanden, dessen Herzen er fremd gewesen sein würde. Das that weh, sehr weh. Und nun, nachdem der Vater gestorben, konnte er nicht einmal hingehen, seine Mutter und Schwester zn trösten. Welchen Trost hätte er ihnen auch bringen sollen. Er, der diesen Tod verschuldet hatte; er, dem dieser Tod Qualen des Gewissens bereitete, er, der selber des Trostes nur zu bedürftig war. Was Hütte er der