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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 feifton rezipirt werden soll, so wäre dies eine Forderung, die unmöglich verweigert werden könne. Das ist jedoch an und für sich nicht genug, es muß auch gleichzeitig das Verhältniß der Konfession zum Staate und zu den anderen Konfessionen geregelt werden. Das Verhältniß zum Staate findet seinen prägnanten Ausdruck in dem autonomen Wirkungskreise, hinsichtlich dessen aber unter den jüdischen Mitbürgern selbst keine Uebereinstimmung herrscht, was ja durch die Spaltung in Neologe und Orthodoxe bewiesen ist. Die Frage des Verhältnisses zu den übrigen Konfessionen wird beherrscht durch die Frage des Uebertritts und der Ehe. Diese Fragen und zahlreiche Einzelheiten wären zu erwägen, ehe der Legislative ein Gesetzentwurf unterbreitet werden kann. Ich erkläre aber, sagt der Minister, daß es eine Nothwendigkeit für die Regierung ist, sich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, und hebe noch speziell hervor, daß die Regierung es sich vorbehält, die Regelung auf Grund der allgemeinen Rechtsgleichheit vorzunehmen. Justizminister Szilügyi präzisirt den Standpunkt der Negierung dahin, daß es ihre Aufgabe sei, ein einheitliches Eherecht zu schassen, in welchem die Verschiedenheit der Konfessionen nicht als Ehehinderniß figurirt und die Jurisdiktion in Eheangelegenheiten ausschließlich dem Staate zustehe. Was die jüdischen Mitbürger betrifft, so können sich dieselben beruhigen, daß die Regierung und die liberale Partei ihre vollständige bürgerliche Gleichstellung wünschen und sich gar keine andere Lösung vorstellen können, als die Durchführung der vollständigen Gleichberechtigung der Konfessionen. Franz Chorin zieht in Folge der beruhigenden Enunziationen der beiden Minister den Beschlußantrag zurück. Großbritannien. London, 20. Mai. Der englische Schriftsteller Arnold White, welcher als Abgesandter des Barons Hirsch die Verhältnisse der russischen Juden aus eigener Erfahrung kennt, hat folgendes Schreiberl an „Darkest Russin", die in London im Interesse der verfolgter: Jrrden erscheinende Zeitschrift, gerichtet: „Ich habe kein Recht, davor zurückzuschrecken, meine 'Ansicht über die rilssische Judenfrage frei auszusprechen. So lange die jüdische Raffe so geschickt, so rnäßig und so unermüdlich bleibt, wie sie jetzt ist, wird keine Politik bürgerlicher nnd religiöser Rechtsvorenthaltung rnitsamrnt Vertreibung vor: dem Boden der Heimath labgesehen von eirriger: übervölkerten Städten» eine andere Wirkung Huben, als die charakteristischen Eigenschaften der jüdischen Piaffe noch zu steigern. Da der Massenauszug der israelitischen Bevölkerung aus Rußland den Bankerott Rußlands zur Folge haben würde, hoffe ich noch immer, daß Rußland in seinem eigenen Interesse seine jetzige Politik in der Sache aufgiebt. Da die Juden, welche Russen si::d, sich ihrer yialimtalität nicht entäußern können, müsser: sie in ihren Leiden und Gefahren nothwendig auf ihrer: Zaren als Helfer blicken. Wurde der Kaiser sie anhören, sie würden ihn: erzählen und das der Wahrheit gemäß, von dem weitverbreiteten Elend, von Vertreibung von Haus und Hof, von Trennung von Weib und Kind, von untergegangener Hoffnung der Alten, von frühzeitigen: Altern der Jungen, von nothleidende:: Hospitälern und der Unterstützung beraubten Schulen, und vor Allen: würde der Kaiser zu hören bekommen von dem Verfall der Würde der Männer und Frauen der ganzen Rasse unter den Verhältnissen, worin sie gezwungen sind, zu existireu. Und der .Kaiser könnte diese Dinge mit einem Federstrich ändern. Türkei. — Jerusalem, 10. Mai. Die vom Verein zur Erziehung indischer Waisen in Palästina (Sitz in Frankfurt a. M.) begründete Vereinsschule (v. Lämmelschule » weist im Wintersemester wiederum Fortschritte auf. Das Wintersemester schloß am 30. März. Es wurde nmnches nachgeholt, was in: Sommer in Folge ungünstiger Verhältnisse vernachlässigt werden n:ußte, und man n:uß sagend daß Lehrer und Schiller mit Liebe und Eifer gearbeitet haben. Dieses wurde auch gelegentlich der öffentlichen Prüfung allgemein anerkannt. Diese fand arn 28. März statt. An demselben Tage, da man in Deutschland den 300 jährigen Geburtstag des Begründers der Volksschule, des Meisters der Didaktik, Joh. Amos Con:enius, feierte, wurden hier in einer öffentlichen Prüfung die Erfolge eines Unterrichts darzuthun verursacht, der nach den Grundsätzen der Didaetica magna gelehrt und ertheilt wird. Die Prüfung, welche 4 Stunden dauerte, war durchaus keine ceremonielle. sondern eine ernste Untersuchung dessen, was die Zöglinge gelernt und wie sie es gelernt hatten. Der österreichische Generalkonsul führte den Vorsitz und leitete die Prüfung. Während voller 4 Stunden verlies; derselbe seinen Sitz nicht, und mit gleichem Interesse und gleicher Ausdauer folgte der englische Konsul der Prüfung und examinirte die Schüler der 1. Klaffe im Englischen. Der deutsche Konsul, welcher in Begleitung seines Kanzlers Herrn Dr. Bägge kam, wohnte mit fid)t lichen: Vergnügen während l1/^ Stunden der Prüfung bei und studirll eingehend den Lehrplan. Schech Jussuf, ein alter Freund der Schule, der jetzt zum Mustir-Schafije avanzirt ist, hat auch dieses Mal die obere;; Klassen im Arabischen geprüft und hatte ebenso wie der englische Kon sul, welcher ein Kenner der arabischen Sprache ist, sichtliches Vergnügen, als der Anschauungsunterricht in der arabischen Sprache repetirt wurde und die Zöglinge der 4. Klasse mit Verständniß die Thierbilder be schrieben. Von den Anwesenden will ich nur noch nennen den in hohe; Achtung stehenden Herrn Dr. Schwarz, der auf Besuch hier weiltc, Rabbiner Jlkilai, Ascher Bär, den christlichen Banquieur Herrn Fontige; und Frau, und Herr Louis Unger, welcher der Schule im Namen de: Jeruschalejirn-Loge Preise im Betrage von Fr. 45 für die besten Schüler übergab. Von Val: und Fern. Den Antisemiten ist in der letzten Zeit mannigfaches Malheur passirl. Als der Reichstagsabgeordnete Pickenbach, so lesen wir in der „Berl. Ztg.", an einem der letzten Vormittage vom Anhalter Bahuhost in Grotz-Lichterfelde aus abreisen wollte und sich in der schönsten Unter Haltung befand, trat plötzlich ein Gerichtsvollzieher auf ihn zu. deutete auf seine imposante Uhrkette und nöthigte ihn zum Eintritt in das Bahnhofsgebäude. Dort wurde ihm Uhr und Kette abgenommen, und Herr Pickenbach mußte wohl oder übel das Pfändungsprotokob unterzeichnen. — Dem Redakteur des Stöckerscheu „Reichsboten" Herr;; Pastor Engel wird seitens der „Neuen Deutschen Ztg." palästinen fische Abkunft nachgesagt. — Herr Carl Paasch hatte an die Justiz Kommission des Abgeordnetenhauses eine Petition um Rechtsschutz ge richtet, in der er behauptet, daß das Recht ihn: gegenüber vielfach ge beugt worden sei. Die Kommission erklärt die Petition für unge eignet zur Verhandlung im Plenum, da der Bittsteller einmal in keinem Punkte den Jnstanzenzug gewahrt habe, außerdem aber das 'Ab geordnetenhaus nicht befugt ist, in ein noch schwebendes Strafverfahren einzugreifen. — Wie das „Kreisbl. für Moers" meldet, soll der Santene; Knabenmord nicht in Cleve, sondern vor dem Landgericht zu Duw bürg zur Verhandlung kommen. — Herr Rechtsanwalt Benfey in Hannover beging am 10. d. M. unter Theilnahme weiter Kreise sein fünfundzwanzigjähriges Vorsteher-Jubiläum. Wir behalten uns ein gehenden Bericht vor. — Aus Weinheim berichten badische Blätter, baö der Vorsitzende einer Versammlung, in welcher der Antisemit Lieber mann v. Sonneuberg für das Fernhalten von den Juden «untren, ein Herr Friedrich, zwei Tage nachher, wegen Beleidigung angeklagt, sich durch einen jüdischen Rechtsanwalt vertreten ließ. — Herr Dr. Ignatz Goldzieher ist nicht — wie jüngst gemeldet — korrespondirendee. sondern ordentliches Mitglied der Budapester Akademie der Wissen schäften geworden. Unter den ordentlichen Mitgliedern ist G. de; einzige Jude. — In Stanislau wurde gegen den Gerichtsbeisitzer, den Gerichtsauskultanten, zwei Advokaten und einen Spediteur die straf gerichtliche Untersuchung wegen des Ueberfalles der Synagoge au läßlich der letzten Reichsrathswahlen eingeleitet. — Die Ernennung dec Herrn Dr. Simonson zum Oberrabbiner von Dänemark hat die landesherrliche Genehmigung erhalten. Seine Amtseinsetzung sollte an; 2h Mai in der Synagoge zu Kopenhagen erfolgen. — Das freundschast liche Verhältniß der Londoner United Synagogue zur „Federation" wird befestigt, indem Lord Rothschild den Grundstein zur Erbauung der New Board-Synagogue, welche zur Federation gehört, legen wird. Diese im Mittelpunkt des polnischen Viertels am 24. d. M. vorzn nehmende Ceremonie wird große Sensation erregen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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