Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1892)
- Date
- 1892-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Weil beide sich weigerten, die römischen Staatsgüter zu verehren, weil sie mit einer unerschütterlichen Treue an der Verehrung ihres Gottes festhielten, die selbst die ungeheure politische :Nachtfülle des Römerstaates nicht zu brechen vermochte, deshalb benand jener Gegensatz. Dann existirt für beinahe ein Jahrtausend keine sogenannte Judensrage. Die Juden erfreuten sich einer unangefochtenen bristenz. Sie lebten unter den anderen Völkern, wie urkundlich festgestellt morden ist, nicht nur unbehelligt, sondern als gleichberechtigte Bürger unter den anderen. Dann, etwa um 1100, kam ein Umschlag, begann jener Zustand, welcher die vielhundertjährige Leidensgeschichte der Inden culleitet. Es muß jedoch betont werden, daß gerade die Päpste und die Kirche in Erkenntniß ihrer hohen Pflichten und in edlem Gerechtigkeitsgefühl sehr oft und vielfach Milde und Schonung gegen die Juden forderten. Der Neid und die Mißgunst, jene häßlichen und widerwärtigen o'igenschaften, die gerneinen Züge im Seelenleben, sind die hauptsächlichen und die eigentlichen Ursprünge der um den Beginn unseres Jahrtausends ausbrechenden Judenverfolgung. Und nun begann jene fürchterliche und tu ausame Zeit, welche das gemarterte Volk unter die schlimmsten Ausnahmegesetze stellte, von Ackerbau, Gewerbe, Großwaarenhandel ausschloß und eine in elhundertjährige Leidensperiode einleitete, die von Blut und Thräuen trieft, b'rst im vorigen Jahrhundert, als erleuchtete und hochsinnige Männer ansingen, ihre Stimme zu erheben, begann man, theoretisch des Verd'.echens gegen Humanität und Gerechtigkeit sich bewußt zu werden. Praktisch wurde es, in der Form wenigstens und von Seiten der Staaten rti-5 solches, aufgehoben, als die großen politischen Umwälzungen die rechtliche Gleichstellung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession herbeiführten. Wenn trotzdem jetzt von Neuem der Haß g gen unsere jüdischen Mitbürger hervorgebrochen ist, jetzt in unserer l'ullurell und wissenschaftlich so hoch entwickelten Zeit in erschreckendster und für den Menschenfreund beschämendster Weise von Neuem um sich gegriffen hat, was ist, psychologisch untersucht, die letzte und eigentliche Triebfeder davon? Wieder sagen die Einen: der konfessionelle Gegensatz. Das ist unmöglich, denn ein wahrhaft frommer Mensch würdigt jede religiöse Ueberzeugung. Haß gegen Andersgläubige verengt sich nicht mit der echten Frömmigkeit. Die Anderen meinen: der Rassengegensatz. Das ist ganz unhistorisch, denn bekanntlich gehören ntunentlich in unseren östlichen Ländern sehr viele Bekenner des mosaischen Glaubens ethnologisch gar nicht zu den Semiten, sondern zu den Slaven. Und dann, wenn wirklich bei Einzelnen ein solcher soge- N'umter Rassengegensatz die Quelle ihres Antisemitismus sein sollte, wie Ho in, wie verächtlich und in seinen Konsequenzen wie erschreckend ist eine solche Art des Empfindens. Erst Mensch, dann Weißer, Gelber, Rother, schwarzer; erst Mensch, dann Germane, Slave, Semit, Romane; erst Mensch, dann Jude, Christ und Muselmann. Für die erschreckende Verbreitung, für die empörende Gestaltung dieses Frevels an der Humanität und Gerechtigkeit ist genau dasselbe Motiv die Triebfeder wie vor 800 lnH 900 Jahren: der gemeine Neid, die niedere Mißgunst. Man vergißt bewußt oder unbewußt, daß es Hundert- und aber Hunderttausend von ärmsten Juden giebt, welche bitter und mühselig mit des Lebens Noth riugen; man denkt nur daran, daß es den jüdischen Mitbürgern heute ermöglicht ist, in den Wettbewerb in dem Kampfe ums Dasein einzulreien — man haßt den Konkurrenten auf den Gebieten des geistigen und erwerblichen Lebens. Das, meine Herren, ist der wahre Kern des Anl'lemitismus, ist das Traurige zugleich an demselben, daß er aus dem l^emeinen in der Menschennatur seinen Ursprung nimmt. Von der Marte der historischen Betrachtungen gesehenunv psychologisch analysirt, ist bic Erscheinung des Antisemitismus einer der schwersten Vorwürfe v actt das menschliche Herz Nach Prof. Nothnagels Rede machte der Vorsitzende des österreichischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus,! Mn'on von Suttner, verschiedene Mittheilungen über die Fortschritte bes Vereins. Der Vorstand richtete an die Leiter von Schulen aller Kategorien die Einladung zum Beitritt und empfing zahlreiche Zuschriften der Sympathie. Angesehene Schulmänner bezeichneten es geradezu Eidbruch, wenn ein Lehrer, dem die Erziehung der Jugend anverlraut, sich dem Antisemitismus in die Arme werfe. (Beifall.) „Merkwürdig ist es," so schloß der Vorsitzende, „daß uns nicht ein ablehnendes Schreiben zukam!" Im Hörsaale des Professors Nothnagel fanden heute infolge dieser Rede stürmische Demonstrationen antisemitischer Studenten statt Der Tumult wurde so groß, daß Professor Nothnagel den Hörsaal verlassen mußte. Die Prositrufe der liberalen Studenten wurden durch die Pereatrufe und Füßestampfen der antisemitischen übertönt. Der Lärm war ausgebrochen, als bereits ein Kranker vorgeführt wurde. Nach einiger Zeit verließen die Tumultuanten den Hörsaal. Professor Nothnagel kehrte zurück und geißelte es, daß uran die Stätte des Jammers und Elends kranker Menschen zu Demonstrationen mißbrauche. Was er thue und handle, dafür stehe er mit seiner ganzen Person ein. * Wien, 16. Mai. Der Antisemitenhäuptling Greg orig nannte in einer am 11. d. Mts. stattgehabten Versammlung des „Katholischkonstitutionellen Vereines auf der Wieden" die vor einigen Tagen durch den Kaiser eröffnete Internationale Theater- und Musikausstellung schlankweg einen „jüdischen Tandelmarkt". Ein Herr Syllaba bezeichnete dies als Lüge und unpatriotisch. An der Spitze des Werkes ständen keine Juden, sondern der Bruder des Kaisers; auch die Idee stamme nicht von Juden. Er bitte die Versammlnng, ihre Mißbilligung über die Ausführungen Gregorigs auszusprechen. Bei diesen Ausführungen erhob sich ein unbeschreiblicher Tumult. Herr Greg orig saß bleich und stumm da. Seine Anhänger jedoch eilten mit erhobenen Fäusten auf Herrn Syllaba los und schrien: „Judenknecht! Hinaus! Er ist bezahlt!" — Schließlich erklärte der Regierungsvertreter die Versammlung für aufgelöst und eilte Herrn Syllaba zu Hilfe, um den Bedrohten mit seiner Person zu decken. Nicht ohne Androhung der äußersten Mittel gelang es, die spektakulirenden Antisemiten zur Räumung des Schlachtfeldes zu bewegen. A. H Reichenberg, 15. Mai Unser neuer Rabbiner, Herr Dr. Emil Hofmann, hat am 1. d. M. seinen Posten angetreten und wurde vom Kultusvorsteher Herrn Heinrich Laugstein den 6. d. M. vor dem Abendgottesdienste in feierlicher Weise eingeführt. In seiner Antrittsrede nun hat Herr Dr. Hofmann den Frieden zum Gegenstandseiner Betrachtung gewählt. Im Verlaufe seiner Predigt gab er die Art und Weise au, wie er den religiösen, sozialen und gemeinsamen Frieden hegen und pflegen, aufrecht erhalten und wahren wolle. Bis das Ideal des prophetischen Judenthums, daß die Gesinnung, die Sittlichkeit des Wollens und Handels aller äußerlichen Werkheiligkeit vorzuziehen sei, sich erfüllen wird, solle die friedliche Versöhnung innerhalb der Religion herbeigeführt und die int Judenthum der Gegenwart hervortretenden Gegensätze ausgeglichen werden. Dann gedachte der Redner der soz ialen Kämpfe, Gegensätze und Widersprüche, welche sich mit dem gesellschaftlichen Frieden nicht immer vereinen lassen. Und wenn auch die endgiltige Lösung dieser Fragen der Zukunft Schooß noch in sich birgt, muß doch vor Allem der Priester durch die Lehre der aus gleichenden Gerechtigkeit un) durch die Uebung ihrer Pflicht, nämlich der Wohlthätigkeit, cmt Friedensbau der Gesellschaft Mitarbeiten. Deshalb versprach der Redner, stets ein Rabbiner der Annen, Dürftigen mtb aller Jenen zu sein, deie der werkthätigen Liebe bedürftig sind. Der Prediger schloß damit, daß, obschon er seine höchste Beseligung darin finden werde, das kostbare Kleinod der Menschheit, den gemeinsamen Frieden zwischen den verschiedenen Konfessionen, zu pflegen und zu wahren, der doch mit den Störern des gemeinsamen Friedens den Kampf allezeit aufnehmen werde. B. Budapest, 18. Mai. Minister Graf Csüky und Justizmini st er Szilügyi gaben Namens der Negierung hinsichtlich der Rezeption der jüdischen Konfession bedeutsauw Erklärungen ab, die mit großem Beifall ausgenommen wurden. Nach der Erklärung des Ministers, daß die staatliche Matrikelführung für Kinder aus gemischten Ehen eingeführt werde, bespricht Franz Chorin die im Interesse der Rezeption der jüdischen Religion eingeleitete Bewegung rmd reicht, seinen Ausführungen entsprechend, einen Beschluß an trag ein, durch welchen die Regierung angewiesen werden soll, bis zu jenem Zeitpunkte, in welchem b;e Religionsfreiheit auf Grundlage der Gegenseitigkeit gesetzlich geregelt wird, einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, kraft dessen die jüdische Konfession in die Reihe der gesetzlich rezipirten Religionsgenossenschaften ausgenommen werde. Kultusminister Graf Csllky erwiederte: Wenn nur davon die Rede wäre, daß die jüdische Kon-