Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1892)
- Date
- 1892-04-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der neue Gottesdienst wird nach dieser ersten Probe gewiß die Hoffnung erfüllen, welche die Spnago gengemeinde in ihn gesetzt hat. * Kassel, 16. April. Ueber das Thema: „Der Antisemitismus und die politischen Parteien" hielt im Nationalliberalen Wahloerein in Kassel der Archivar Dr. Winter aus Marburg, dem Hauptsitz oer antisemitischen Bewegung in Hessen, einen Vortrag, der den lebhaftesten Beifall der Versammlung fand und der die Lügen und Entstellungen der antisemitischen Agitation und Presse gründlich beleuchtete. Es sei, führte er unter Anderem aus, eine Liste itidischer Wucherer und Güterschlächter veröffentlicht worden, wonach nicht weniger als siebenundsiebenzig Wucherer hier in Hessen neunundneunzig Bauern ausgeschlachtet und von Haus und Hof vertrieben haben sollten. Die durch Die Ortsbehörden bewirkten amtlichen Feststellungen haben nun die ausfällige Thatsache ergeben, daß nicht der vierte Theil dieser 'Angaben aus Wahrheit beruht. Einmal sitzt eine große Anzahl der namentlich aufgeführten Bauern noch auf ihrem Hof, dann hat ein Theil der aufgeführten Geschäftsleute gar nicht existirt, ferner sind Andere an den Gutsverkaufen >licht betheiligt gewesen und endlich sind viele Namen doppelt und dreifach anfgeführt in der Liste. Dazu komme noch, doß mehrere der noch übrig Reibenden Wucherer gar nicht jüdischer, sondern christlicher Konfession 'eien. Wenn man aber durch solche falsche, verlogene Mittheilungen das Volk aufreize und Aergerniß zu erregen trachte, dann begeb man sich oes Rechtes, auf das Volk in sittlicher Weise einwirken zu wollen. Ferner theilte Herr Dr. Winter mit, daß neuerdings in der provinziellen antisemitischen Presse die Nachricht zu lesen war, im Kreise Marburg leien speziell aufgeführte 33 Falle schändlichen jüdischen Wuchers vorgekommen. Das Büreau zur Abwehr des Antisemitismus in Marburg bat nun von Marburg aus durch die Polizei und Ortsbehörden amtlich 'cktgestellt, daß von diesen 33 Fällen nicht weniger als 27 vollständig erlogen waren. Die übrigen sechs Fälle waren stark übertrieben und Dabei die Thatsachen geradezu auf den Kaps gestellt. Jeder denkende Mensch müsse sich mit Abscheu von einer Bewegung wenden, die mit Achen Mitteln kämpfe. ** Ottweiler, 16. April. Die Peßaehfeier vor Allem, und die sich bcsserndeu (?) Aussichten für die.Kolonisirung unserer armen russischen Brüder und die Veranlassung zu folgendem kleinen Beitrag in Ihr geschätztes Blatt. Als der moderne Judenhaß sein Haupt erhob — Rußland war in diesem rrauerspiel noch nicht aufgetreten — wagte ich's, mich mit Organisationslänen an unfern unvergeßlichen Herrn Tr. Ludwig Philippson A. zu wenden Ich war so glücklich, mit einem Antwortschreiben beehrt;u werden, das vor nur liegt. Dasselbe lautet: „Bonn, 4. 3. 31. Geehrter Herr! Besten Dank für Ihr werthes Schreiben. Stimmen, die aus warmem Herzen fließen und aus unmittelbarer Erfahrung redein önd mir stets willkommen. Allein Ihre Ideen scheinen mir nicht müb urbar. „Eine soziale Organisation der Juden" zu schaffen, ist nicht möglich, da die Juden sich nicht dazu heranlasseu, und wäre auch gefährlich, weil „ein Staat im Staate". In Amerika hat man schon versucht, nidische Kolonien zu schaffen, ist aber nie weiter als zum Wort gelommcn. Meine Zeit gestattet mir nicht, ausführlicher zu sein, und füge nur hinzu die Versicherung meiner Werthschätzung, mit der ich zeichne obr ergebenster Philippson." — Für Rußland leider ist der Plan zur Verwirklichung gekommen. Wenn nun auch eine solche Katastrophe in Deutschland undenkbar, unmöglich ist, so dürfte es doch auch an der Zeit 'An, sich etwas mehr um unsere Verhältnisse zu kümmern. Welche Schäden nir den Erwerb und das Fortkommen der Judenhaß bereits ausgebrütet bat und noch weiter zeugt, das bedarf wohl keiner Schilderung. Es iväre wohl rathsam, wenn von Zeit zu Zeit Besprechungen staltfinden, um au iait zu bleiben, Rath und That zu leisten, da wo es Noth thut. Möchte doch dieser bescheidene Wunsch Gehör finden. Sam. B ux bauin. Oesterreich - Llnyarn. * Wien, 10. April. Der hiesige „Verein zur Abwehr' des Antisemitismus" hat mit dem heutigen Tage die erste Nummer seines Organs, welches sich „Freies Blatt" benennt und an jedem Sonntag erscheint. heraus gegeben. Das Blatt leitet mit folgenden Worten ein: „Hundert Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte wird eine von deren schönsten Errungenschaften wieder in Frage gestellt, werden die Grundfesten der modernen Gesellschaft an einem wichtigsten Punkte aufs Neue bedroht. Eine ganze Gruppe unserer Mitbürger, die Inden, sind den gehässigsten und schmachvollsten Angriffen ausgesetzt; sie sollen in ihren Rechten vermindert, politisch und sozial enterbt, in ein mittelalterliches Duldungsverbältniß zurückgeschleudert. Fremden- und Ausnahmegesetzen unterworfen werden. Eine solche Strömung spricht der Hnmanität und Gerechtigkeit Hohn, sie birgt Gefahren in sich nicht blos für die Juden, sondern für die gesannute Gesellschaft. Der Antisemitismus stellt die Erfolge hundertjähriger Kulturarbeit gleichwie die Aussicht künftigen Fortschritts in Frage. Es muß gegen ihn im Namen der Menschheit laut und feierlich Protest erhöhen werden. In vielen Städten Deutschlands und, wie bekannt, auch in Wien bildete sich ein „Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Zahlreiche unabhängige und angesehene Männer aus allen Gesellschaftsklassen schlossen sich diesem Vereine an, um jeden Angriff gegen die in der Natur begründeten und durch die Verfassung verbrieften Rechte unserer jüdischen Mitbürger entschlossen zurückzuweisen. Dies ist der Boden, auf welchem auch dieses Blatt steht. Seine besondere Aufgabe wird es sein, die Unlauterkeit der antisemitischen Tendenzen in ihrer theoretischen Begründung wie in ihrer praktischen Bethätigung mit durchaus unanfechtbaren Beweisen bloßzulegen. Wir werden eine beständige und rücksichtslose Korrektur und Kritik üben an den in der antisemitischen Presse erhobenen Behauptungen, sowohl was ihre Thatsächlichkeit als was ihre unerlaubte Verallgemeinerung anlangt. Unser Weg ist uns dabei streng vorgeschrieben: es ist der der Wahrheit, der Thatsachen und der Wvhlanständigkeit. Eine j Judenfrage giebt es für uns nicht. Im festen Vertrauen auf unsere gute Sache treten wir für dieselbe in die publizistische Bahn. Wem es gleich uns ernst ist um die Herrschaft der humanen und freien Ideen, der schließe sich uns an." — Ein mit solchen Worten begründetes Unternehmen bedarf keiner weiteren Empfehlung. Es ehrt sich selbst, wer diesem Blatte Unterstützung leiht. Wir wollen hoffen, daß auch unsere Glaubensgenossen einsichtig genug sein werden, das „Freie Blatt" zu halten, zu lesen und zu verbreiten. Linz, 10. April. Im oberösterreichis chen Landtage brachte der klerikale 'Abgeordnete!)r. Ebenhoch einen Gesetzentwurf ein, welcher seiner Fraktion die Mehrheit im Landesschulrath garantiren und zu diesem Zwecke auch den Vertreter der israelitischen Konfession aus der obersten Schulbehörde des Landes ausschließen will. Der Statthalter Freiherr v Puthon betonte nachdrücklichst, daß es nicht angehe, einer Religionsgenossenschaft ihre gesetzlichen Rechte zu entziehen, besonders wenn niemals ein Mißbrauch stattgefunden habe. Der Antisemit Dr Beurle begrüßte die 'Anregung zur 'Ausschließung des Juden aus dem Landesschulrath mit Freuden. Bischof l)r. D o pp el b auer erklärte sich gleichfalls für das dem Vertreter der israelitischen Konfession zu er theilende consilium abeundi, weil die Vertretung der Juden im Landesschulrathe im Hinblick auf ihre geringe Anzahl nicht berechtigt sei. Den antisemitischen Auslassungen Beurle's trat De. Bahr entgegen. Die 'Aufhebung von Privilegien lasse sich mit der eines gleichen Rechtes welches allen Konfessionen durch die Staatsgrundgesetze eingeränmt worden ist, nicht auf eine Stufe stellen. 'Auch Dr. Edelbacher bekämpfte die Theorie, daß die Juden kein Recht haben, im Landesschul rathe vertreten zu sein. Der Eben hoch'sehe Gesetzentwurf wurde ange nommen. Der Statthalter hatte aber im Laufe der Diskussion deutlich zu verstehen gegeben, daß die Regierung die lex Eben hoch nicht der kaiserlichen Sanktion zu unterbreiten gedenke. Die Antisemitendebatte in Linz war somit ein Schlag ins Wasser und wird einen effektiven Schaden nicht anrichten. Frmilr reich. -I- Paris, 0, April. Die „Societe de* Kindes juives" hat an Herrn I. Singer, den Herausgeber der „Knryclopaedie" das nachfolgende Schreiben gerichtet: Bari*. le 4 Avril. Monsieur, von* ave/ bien voulu ä la dale du 25 mar* dernier, tleinander a la Societe de* Kindes juives son concours pour la. publication d’une Kncyrlopedie jnive que von* preparez. Le Conseil de notre Soeiete a examine votre regnete avec tont 1’intenVt qu’elle merite. Bien que ses Statuts lui interdisent de souscrire :> de* (eueres qui n'ont pas encore vu le jour, il a deckte