Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Abwehrhätigkeit der katholischen Presse darf nicht etwa nur nebensächlich und ^clegenheitlich erfolgen, sie nrnß vielmehr als eine wesentliche, methodisch ordnete, allen Zweigen der Redaktion ebenbürtig eingefügte Arbeitsinnng beständig ersichtlich bleiben. 6. Eine derartige Abwehrthätigkeit aun nicht als unchristlicher Rassenkampf bezeichnet werden; sie in mit eit theologisch feststehenden Forderungen der christlichen Liebe so vereinbar, als überhaupt alle Abwehrbestrebungen unter den Menschen mit euer Liebe in Einklang gebracht werden können und sollen. 7. Mit m, was man „Antisemitismus" nennt, haben jene Abwehrbemühungen )öchstens materiell etwas gemein, eine formelle Bekheiliguug an: Antimitismus ist aus philosophisch-religiösen Erkenntnißgründen abzir-!men." Wenn die „Kölnische Volkszeitung" die drei ersten Thesen als ,,-n weitgehend" bezeichnet, trotzdem sich aber zu den durch diese Thesen otivirten Forderungen ad 4 und 5 bekennt, so ist dies genau so ehrlich ii’ic der Inhalt der Thesen 6 und 7, welche zwar den Namen „Antienntismus" verwerfen, die Sache aber plausibel finden. Wir sind weit oavon entfernt, über solches Gebahren erstaunt zu sein. Die Bezeichnung iler derartigen Moral durch den Volksmund weist daraus hin, daß man sie beim Centrum und seiner Presse zu finden gewöhnt ist; und so neben auch wir nicht an, dieses Verfahren ein — jesuitisches zu nennen. Frankfurt a. M., 6. April. Die Frage, ob die werthvolle Bibliothek des verstorbenen Herrn Rabbiner Dr. Brüll unserer ladt erhalten bleiben oder ob sie, wie leider schon so manche andere, zersplittert werde oder, wie z. B. die Zunz'sche, ins Ausland wandere, ist umnehr, nachdem schon seit einiger Zeit diesbezügliche Unterhandlungen '-anvebten, zur Zufriedenheit gelöst. In ihrer gestrigen Sitzung beschloß die hiesige Stadtverordnetenversammlung, die Bibliothek zum Preise von >,000 Mk. mrzukaufen und der Stadtbibliothek einzuverleiben. Um das Zustandekommen dieses einstimmig gefaßten Beschlusses hat sich die Hefige israelitische Gemeinde, welche zu dem Kaufpreis 3000 Mk., und .wei ungenannte Privatleute, welche zu diesem Zwecke 2500 Mk. beirugen, sehr verdient gemacht. Der Stadtverordnetenversammlung aber gebührt Dank, da sie sich durch ihren Beschluß um die Förderung der jüdischen Wissenschaft unstreitig ein Verdienst erworben hat. — Die Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) wurde nu abgelaufenen Schuljahre von 267 Schülern, die Vorschule derselben von 117 Schülern, die Mädchenschule von 206 Schülerinnen besucht. Die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst erhielten 34 Schüler. Euren 'chwererl Verlust erlitt die Schule durch den am 6. Februar d. I. rfolgten Tod des ordentlichen Lehrers Emil Strauß. Derselbe, erst Jahre alt, hatte die Schule von seinem 6.—14. Jahre als Schüler besucht, war dann auf das Gymnasium übergetreten und hatte später in Berlin Mathematik und Physik studirt. Seit 1882 wirkte er als Voller am Philanthropin. Der Direktor Dr. Bärwald widmet ihm einen lief enrpfundenen Nachruf. Auch im übrigen war der Gesundheitszustand der Lehrer im abgelaufenen Schuljahr ein keineswegs günstiger. Mehrere derselben waren durch Krankheit längere Zeit, theilweise das ganze Jahr biudurch, am Unterrichten verhindert Doch konnte ihre volle Vertretung durch Lehrkräfte der Schule übernommen werden, so daß keine Störung des Unterrichts eintrat. Der Gesundheitszustand der Schüler hingegen war ein im Ganzen günstiger. Dem Programm vorgedruckt ist eine sehr interessante Arbeit des ordentlichen Lehrers Dr. I. Kraucauer über: „Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a. M. während des Fettmilch'schen Aufstandes." Oesterreich -Angarn. * Wien, 6. April. Im Niederösterreichischen Landtage riefen die Antisemiten bei Verathung des Armengesetzes eine stürmische Judendebatte durch die Einbringung des Antrages hervor, daß christliche Waisenkinder um: bei Christen untergebracht werden dürfen. Der Antisemit Mechaniker Schneider behauptete, die Juden f)ätteu eine andere Moral als die Christen; er zitirte nach Uebersetznngen von Briman und Rohling Stellen aus dem Talmud, wonach das Eigenthum der Christen als herrenloses Gilt auzusehen sei. Schließlich rollte Schneider ein Pergament mit hebräischen Lettern aus und las in hebräischer Sprache einen Satz ab, der das Blutrituale bei der Osterfeier darthun sollte (stürmisches Gelächter links). Abg. Dr. Josef Kopp erwiederte, es sei eine Schande, daß im Landtage von Mederösterreich derlei Dinge noch ernsthaft erörtert werden; die Grundsätze der Moral seien bei allen Religionen dieselben; auch Moltke, ein echt christlicher Mann, habe dieselbe Anschauung ausgesprochen! Die Citate Schneiders nach Briman und Rohling wurden von hervorragenden Gelehrten, darunter Noeldeke in Straßburg, und auch von katholischen Bischöfen als Fälschungen erklärt. Tausendmal wurden diese Lügen gebrandmarkt, aber immer kehren sie wieder. Der Gewährsmann Schneiders, Briman, war ein Jude, er wurde Protestant, dann Katholik und wurde schließlich wegen Fälschung zu schwerem Kerker verurtheitt. Auch Abg. Professor Sueß wies die antisemitischen Hetzreden zurück. Bei der Abstimnmug wurde der Antrag der Antisemiten abgelehnt. 11. Prag, 10 April. Die soziale Stellung der Juden in Oesterreich ist trotz des unharmonischen Getöses in Wien eine seit Jahrzehnten so festbegründete, daß wir Dinge als alltäglich und selbstverständlich betrachten, die bei ihnen als unerreichbares Ideal gelten mögen. So waren bei der zu Ehren der Landtagsabgeordneten in der Statthalterei abgehaltenen Soiröe unter den Spitzen der städtischen und staatlichen Behörden auch der Präses der israelitischen Kultnsgemeinde Prag, Herr Dr. Arnold Rosenbacher, der Vorsitzende der Landesjudenrepräsentanz Herr Dr. M. Lichtenstern, der Vertreter der israelitischen Konfession in:! böhmischen Landesschulrathe Herr Dr. L. Bendiener geladen. Unter den > 'Abgeordneten bemerkte mau die Herren DDr. Zucker und Zalud, Fabrikant! Jnwald, Kammerrath Bondy u. A. Eigenthümlicher Weise gehören sämmtliche jüdische Landtagsabgeordnete der ezechischen Partei au, oder j besser gesagt wählen nur die Czechen auch Juden in den Landtag, trotzdem j die überwiegende Mehrheit der jüdischen Intelligenz im Böhmen zur! deutschen Partei zählt. — Einen anderen Beweis der vollkommensten! Durchführung und Hochhaltung der Gleichberechtigung lieferte die höchste militärische Landesbehörde, das 8. Korps-Kommando. Bekanntlich sind in den letzten Monaten verschiedene Erlasse des .Kriegsministeriums erschienen, welche die Betheiligung der Mannschaften am Gottesdienste zum Gegenstände haben und von der öffentlichen Meinung verschieden! ausgenommen wurden. Mag man nun über die Sache selbst denken wie man will, anerkannt muß es werden, daß auch hier nicht die anderswo übliche Jgnorirung des Judenthums Platz gegriffen hat. Durch Befehl des Korps-Kommandos wird angeordnet, daß an jedem ersten Samstage! des Monates in der Meiselsynagoge ein Militärgottesdienst für die : jüdischen Mannschaften stattzusinden habe. Die Soldaten aller Truppenkörper (ca. 200 Mann) werden truppweise von tieit ältesten Unteroffizieren in die Synagoge geführt, wo ein vom Generalkommando bestimmter Offizier die 'Aufsicht führt. Herr Rabbiner Dr. Kisch, der in der Landwehr die Charge eines Feldrabbiuers mit Hauptmannsrang bekleidet, ist mit der Abhaltung der Predigt beauftragt, und muß man zugestehen, daß der erste am 2. d. M. stattgehabte derartige Gottesdienst auf alle Anwesenden einen erhebenden Eindruck machte. Dieser Tage erschien auch Herr Oberstlieutenant von Wenzlik in der Wohnung des Rabbiners Dr. Kisch, um mit ihm im Aufträge des Reichskriegsministeriums wegen Einführung des mosaischen Religionsunterrichtes in die k. k. .Kadettenhüuser zu konferiren. Die Konferenz, welche über eiue halbe Stunde dauerte, führte zu einem positiven Resultate. Wenn diese Thatsachen auch keine große Bedeutung für die Entwickelung des Judenthums im Allgemeinen haben mögen, so sind sie doch gerade heutzutage bemerkeuswerth. L. E. Budapest, 12. April. Eiue Deputation der Vag-Ujhelyer israelitischen Kultusgemeinde unter Führung des Vorstehers Tr. Sonuenfeld sprach in diesen Tagen beim Kultusminister Graf Albin Cstiky und Staatssekretär Berzeviczy vor, um für die einzige jüdische Mittelschule in Ungarn eine höhere Stnatssubventiou zu erbitten. Der Minister, so j auch der Staatssekretär versprachen die Subvention zu erhöhen. Die! Realschule in Bag-Ujhely (Oberungaru) wird von der Kultusgemeiude j erhalten und steht unter der bewährten Leitung des Direktor Dr. Mahler, j — Herr Professor Dr. David .Kaufmann wurde von Ritter v. Guttmaun nach Wien berufen, um ihn für das zu eröffnende Rabbinerseminar