Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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So hat er am jüngsten Donnerstag in dem enservativen Bürgerverein „Blücher" — allerdings unter Widerspruch einer verblüfften Zuhörer ungefähr Folgendes ausgeführt: „Er werde pute wohl Vieles sagen, was Manchem der Anwesenden 31t hören nicht ugenehm sein wird, so besonders in der Judenfrage. Es empöre seinen putschen Sinn, daß man immer die klägliche Ausrede gebrauche, wir ieit die von den Juden Verführten. Allerdings veranlaßten ihre angeborenen und angenommenen Eigenschaften sie häufig dazu, unsere reu und Glauben zu mißbrauchen, aber fänden ftef) denn dieselben Eigenschaften nicht bei uns? Seien denn beispielsweise am Börseuspiel, das eine der schlimmsten Seiten der sozialen Frage darstelle, nicht alle kneife der Gesellschaft betheiligt? Die eigentlichen Ursachen der großen Krisen lägen darin, daß wir in ein anderes wirthschaftlich-technisches Zeitalter getreten seien. Daran, daß der Spruch vom goldenen Boden |iv-o Handwerks nicht mehr wahr sei, trüge die Hauptschuld die vervolltammnete Technik. (Zwischenruf: Die Juden!). Nein, nicht die Juden, esei die Dampfmaschine und im beginnenden Zeitalter die elektrische 3rast, durch welche die ganzen Produktionsmittel, die Kommunikationen, rer Absatz, die Bewegung in der Bevölkerung eine ungeheure Veränderung erfahren hätten. Die Gewerbefreiheil sei besonders den Juden zu gute gekommen, die Gesetzgebung sei ihnen auf den Leib geschnitten. (Sehr richtig.) Ja, könnten wir denn aber eine andere Gesetzgebung haben??>a!) Nein, die Schwierigkeiten der Umgestaltung seien zu große; liiit dem Großbetrieb die Interessen des Handwerks zu verbinden, sei nahezu unmöglich. Mit ihm seien die meisten Professoren und Gelehrten rer Ansicht, daß der Antisemitismus nicht Recht habe und eine ungeheure Uebertreibung sei. (Widerspruch.) Was er noch neulich in einer Versammlung gehört habe, daß man die ganze konservative Bewegung in die antisemitische überleiten müsse (Sehr gut!), sei Phrase. Die Juden ui vertreiben, sei physisch rein unmöglich. Verschlösse mau ihnen den einen Beruf, so würden sie in Schaaren zu dem anderen übergehen. Verwehre man ihnen Richter zu werden, so würden sie sich in großer Zahl als Anwälte aufthun, wo sie ihre guten und schlechten Eigenschaften 'in ganz besonderem Maße verwenden und damit schließlich noch größeres Unheil anrichten könnten, als als Richter. Im Lehrerberuf sei es allerdings zu rechtfertigen, daß ihnen solche Fächer, die mit dem nationalen und kirchlichen Leben eng Zusammenhängen, verschlossen blieben. Einzelne Punkte des antisemitischen Programms seien idealistische Politik. Gewiß H'ieit eine ganze Menge von Vorwürfen gegen die Juden richtig, sie seien oeim Börsenspiel, beim Grüudungswesen, Wucher, Konkursprozessen hervorragend betheiligt, aber doch nicht ausschließlich. Wir seien genau dieselben Menschen wie die Juden, nur vermöchten wir uns nicht so geschickt und gerieben anzustellen. Was er da ausführe, höre Niemand uem; denn natürlich sei es bequemer zu sagen: „Der ist schuld, raus ulit ihm, dann wird Alles besser." Aber das „Wie" erörtere man niemals. Und wenn wir den Juden voriverfen, sie ernteten große Gewinne ohne persönliche Arbeit, so sanktionire ja auch Staat und Gesellschaft ein derartiges Thun, indem man dem Lotteriespiel freiesten -ttmmi lasse. Es sei nichts gefährlicher im Leben, als die Dinge immer nur so zu behandeln, daß man weiß, die Leute schreien Beifall. Das schlimmste von allen agitatorischen Mitteln sei der Hinweis ans eine bessere Zukunft, ohne dabei anzugeben, wie dieselbe sich gestalten solle: llnd er habe -.seine Bedenken, ob der Antisemitismus nicht zu viel verspreche. Alle Verbesserungen gingen nur langsam vor sich, und er glaube picht, daß jemals in der Welt ein Zustand allgemeiner Zufriedenheit eintreten werde. Bei allen extremen Parteien sei die Neigung vorhanden, anzunehmen, daß bei Aenderung der materiellen Verhältnisse die Menschen besser würden; die Weltgeschichte beweise das Gegentheil. Weder die Vertreibung der Juden, noch der Sozialstaat werde die erhoffte Glückseligkeit bringen." Bis auf manche Anklänge an Phrasen aus der Zeit der Stöckerschen Bundesgenossenschaft können wir uns die Rede wohl gefallen lassen. Es soll uns nicht wundern, wenn Herr Ahlwardt nächstens behauptet, eine Urgroßnichte Wagners sei an einen Juden verheirathet. Berlin, 12. April. Die Spaltung, welche innerhalb der konservativen Partei seit einiger Zeit immer deutlicher zu Tag tritt und wahrscheinlich sehr bald zu einer Trennung führen wird, prägt sich am deutlichsten in dem Verhalten der einzelnen Theile dieser Partei zur „Judenfrage" aus. Ueber die entschiedene Ablehnung, welche der 'Antisemitismus in konservativen Vereinen durch Professor Ad. Wagner erfahren hat, ist an anderer Stelle schon berichtet. Herr v. Helldorff- Bedra, der Widerpart des Herrn v. Hammerstein in diesem Streite, drückt sich in scharfer Weise über die von dem anderen Theile beliebte Bundesgenossenschaft der Herren Stöcker und Genossen aus: „Das ist die Tragödie der konservativen Partei, bei deren letztem Akt, wenn erst die deutsch-sozialen Geister aus der Tiefe, dank der sinnreichen'Arbeit der Kreuzzeitung, das Heft in Händen haben, sich Viele die "Augen reiben werden, die jetzt noch die Schlagwörter der Kreuzzeitung gegen uns gläubig nachbeten." Dem gegenüber betonen die um Hammerstein ihre Judenfeindlichkeit nur um so offener. Nach den Osterferien soll bei der Ergänzung des konservativen Programms die Jndenfrage ganz speziell behandelt werden; zwei Referenten sind bereits ernannt worden. Auch der Wahlverein der baierischen Konservativen, der Ostern in Nürnberg tagt, hat den „Kampf gegen die jüdische Weltrnacht und die Fremdherrschaft" aus seine Tagesordnung gesetzt. Bei dieser Gelegenheit ist es interessant, zu hören, wie Blätter dieser Farbe über den neuen preußischen Ministerpräsidenten sich äußern. So heißt es in einem dieser Organe: „Der neue Ministerpräsident scheint sich nach berühmten Mustern auf die Bundesgenossenschaft der Liberalen und Juden stützen zu wollen. Thatsächlich ist er mit Herrn Rickert ein Herz und eine Seele. Befreundete Parlamentarier bewunderten neulich die rührnngsvolte Umarmung, die der neugebackene Premier diesem rabbinischen Anreißer coram populo zu Theil werden ließ. So tief empfindet Graf Eulenburg seine Abhängigkeit von der Synagoge und dem Fortschritt!" Diese Stilprobe genügt vollauf. * Berlin, 11. April. Ein Krawall von Charlottenburger Arbeitslosen beschäftigte am 5. April die erste Strafkammer des Berliner Landgerichts II. Am Morgen des 7. März hatten sieh am Lietzow etwa 300 beschäftigungslose Arbeiter eingefnndeu, die dort bei dem Tiefbauamt 'Arbeit zu finden hofften. 9tirr etwa 100 Mann tonnten jedoch eingestellt werden, die übrigen marschirteu in geschloffenem Zuge durch die Berliner- und Spandauerstraße zum Wafferthurm auf Westcud, wo sie die dort beschäftigten Bauarbeiter verhöhnten und an der 'Arbeit hinderten und dann johlend durch verschiedene Straßen von Westeud zogen. „Hier wohnt auch noch ein Jude!" tönte es ans der Kolonne, „der hat eine Billa und ich habe keine, wir wollen ihn herausholen:e.!" Als Führer der .Kolonne fungirte der Arbeiter Joseph Tomaezvk; dieser wurde festgenommeu, als dem Zuge am Spandauer Berg eine starke Schutzmnnnsabtheiluug eutgegentrat. Die T Heilnehmer des Zuges zerstreuten sich. — Tomaezyk wurde zu 3 Monaten Gefängnis;, sowie drei Wochen Haft verurtheilt. * Berlin, 10. April. Ueber den neuesten „Ritualmord" in Port Said, den die „Kreuz-Zeitung" sich flott für ihre Zwecke auszubenlen beeilt hat, schreibt man dem B. T.: „Am 15. 0. M., Nachmittags 1.22 Uhr, spielten in Port Said Kinder in herkömmlicher Weise mil einander, wie sie schon öfter vorher gethan, und zwar waren es diesmal ein Griechen- und ein Judenkind. In der Achtlosigkeit des Vergnügtseins waren sie in ein nach der Straße gelegenes Gelaß eines Hauses gedrungen.