Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1892)
- Date
- 1892-04-08
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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So wurde ihm die Feier gewisseriiiaßen aufgedrängt. — Die Gemeindebehörden pflegen von Jubiläen ilirer Beamten nur Notiz zu nehmen, wenn es sich um solche handelt, deren Wirksamkeit sich weit über den Kreis ihrer Pflichten erstreckt. » o konnten sie es sich auch nicht versagen, Herrn Dr. Kirschstein, ioelcher in den weitesten Kreisen das warme Interesse für das Judenlimm anzuregen sich bestrebt und die vorerwähnte Anstalt während eines Ricrteljahrhunderts musterhaft geleitet hat, ihre Anerkennung durch Ileberreichung einer kunstvoll ausgestatteten Adresse und Abordnung einer Deputation, bestehend aus Mitgliedern des Gemeinde-Vorstands, der Repräsentanten-Versamnilung und des Schulvorstands, Ausdruck \\\ geben. In der Erwiederung auf die an ihn gerichtete Ansprache sprach ui!) Herr Dr. Kirschstein gegen die große Zahl der in Berlin beuchenden sog. jüdischen Religionsschulen und gegen den jüdischen Wligionsunterricht an den öffentlichen Schulen aus. Er bezeichnete n in solcher Weise ertheilten Unterricht als „todtbringend" für die Religion. Diese Erwiederung stellte sich in direkten Gegensatz zu der von den Gemeindebehörden bisher geübten Praxis und zu der Resolution des Gemeindetags: „Ter Gemeindetag erklärt die Einfügung des jüdischen Religionsunterrichts in den Lehrplan der höheren Schulen uir eine unerläßliche Forderung." Die hiesige Gemeinde hat 2 Religionsschulen begründet, welche »ich lebhaften Zuspruchs und vollster Anerkennung erfreuen. Zweifellos genügen dieselben bei der großen Ausdehnung der Stadt nicht dem Vedürfniß, und wenn aus der eigensten Initiative der Gemeindeuiitglicdcr in den voiii Ccntrum entfernteren Stadtgegenden für den Religionsunterricht Sorge getragen wird, so können wir dies nur mit Freude begrüßen. Die Gemeindebehörden haben solchem Beginnen stetig Unterstützung angedeihen lassen, sie haben sich aber auch von der Befähigung der Unterrichtenden dadurch Ueberzeugung zu verschaffen gesucht, daß sie derartige, von ihnen subveiitionirte Privat- Religionsschulen von dem Rabbinat beaufsichtigen lassen. Selbstverständlich stehen diese Schulen nicht auf gleichem Niveau mit beit ins Kosten der Gemeinde unterhaltenen. Die Gemeinde würde die Kosten für Begründung noch mehrerer Religionsschulen nicht scheuen; allein nicht Sparsamkeitsrücksichten, sondern der Mangel an tüchtigen Lehrkräften zwingt die Gemeinde, nur sehr langsam mit derartigen Einrichtungen vorzugehen, und selbst die hervorragenden Dirigenten unsrer beiden Religionsschulen haben nicht selten gegen den Mangel an geeigneten Lehrern zu kämpfen. Wir sind unsrer städtischen Behörde zu aufrichtigem Danke ver- *1 Bei der hohen Bedeutung, welche diese Frage hat und angesichts der leidigen Polemik, welche sich iiber dieselbe sogar in politischen Taaesdlättern erhoben, dürften die obigen klaren und streng sachlichen Auseinandersetzungen des Vorsitzenden unserer Gemeindebehörden für alle Kreise von besonderem Interesse sein. Die Red. pflichtet, daß sie aus eigenem Antriebe den jüdischen Religionsunterricht fakultativ in allen Schulen cingeführt haben, wo sich ein Bedürfnis; hierfür herausgestellt hat. Werden nicht diejenigen Resultate erzielt, welche Herr Dr. Kirschstein mit vielen Andern für wünschenswerth erachtet, so liegt dies einerseits in der verhültnißmüßig kurzen Zeit, welche diesem Unterrichtszweige gewidmet werden kann, andrerseits darin, daß der Unterricht ein fakultativer ist, endlich wiederum in der Unkenntnis; und mangelndeu Uuterrichtsfähigkeit vieler Lehrer und Lehrerinnen. Zweifellos lockert die Willkür, an dem Religionsunterricht Theil zu nehmen oder nicht, die Disziplin und erschwert die Aufgabe des Lehrers; allein dieser Uebelstand ist leichter zl> ertragen als ein Gewissenszwang, eine jüdische Staatsreligion. Für die Anhänger der orthodoxen Richtung würde der zwangsweise llnterricht bei einem Prediger der Rcformgemeinde ein unberechtigter Zwang sein, und umgekehrt würden diejenige» Kinder, deren Eltern der freieren Richtung huldigen, den Zwiespalt zwischen der häuslichen Erziehung und der orthodoxen Lehre schwer empfinden, sich vielleicht gänzlich von der ererbten Religion lossagen. Der beim Gemeindetag von Herrn Rabbiner Dr. Rosenberg cingebrachte Antrag bezüglich des obligatorischen Religionsunterrichts tonnte unsers Dafürhaltens zu keiner ungeeigneteren Zeit gestellt werden. Im Augenblick, wo das viel angefeindete Schulgesetz zwangsweise Judenschuleu einführen wollte, wo zu befürchten stand, daß dieses Prinzip auch auf die höheren Schulen Amvendung finden sollte, beschäftigt man sich mit einem Anträge, der einen geeigneten Vorwand bietet, die Inden zu isolirc». Man bedenkt nicht, wie die Verwirklichung des für uns geltenden Grundsatzes, daß jeder Vater selbst für die religiöse Erziehung zu sorgen habe und daß es der Gemeinde obliege, Anstalten für den Religionsunterricht zu unterhalten, von viele» Andersgläubigen angestrebt ivird. Der gestellte Antrag entspricht keineswegs unseren Ansichten; er hat aber den Vorzug der Klarheit, tvährend die angenommene Resolution den Grundgedanken verwässert und sich nicht erkennen läßt, was „unter Einfügung in de» Lehrplan" verstanden ivird. Würde die Ansicht des Herrn Dr. Kirschstein dahin gehen, es sei wünschenswerth, daß alle jüdischen Kinder eine der Gemeinde- Religionsschulen besuchten, so können wir uns diesem Wunsche anschließen; allein dies ist unausführbar und eine große Anzahl derjenigen Kinder, welche den Religionsunterricht in Schulen oder Privatanstalten erhalten, würden — wie die Erfahrung lehrt — jeder religiösen Unterweisuiig entbehre». Vielleicht würde die Zahl der die Geineinde-Religionsschule besuchenden Kinder ohne die Möglichkeit eines anderen derartigen Unterrichts eine etwas größere sein; allein der Vortheil, ivelcher aus diesem Zuwachs entstehen könnte, würde in keinem Verhältnis; stehen zu dem Nachtheil, gar einen Religionsunterricht zu empfangen. Das wird Herr Dr. Kirschstein nicht behaupten wollen, daß in den Schulen und den Privatanstalten, namentlich in denen, ivclche von der Gemeinde snbventionirt und von dem Rabbinatc beaufsichtigt sind, Irrlehren verbreitet würden. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist auch in unsrer Gemeinde das Interesse für die Religion ein lebendiges. Hoffen wir, daß fortan alle Eltern die religiöse Erziehung ihrer Kinder als ihre unerläßliche Pflicht betrachten werden. Die Gemeinde wird nach Kräften solches Streben stets unterstützeu.