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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-08 · Heft 15 (8.4.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 15 (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Verlags-Crpedition: Gerlm, Herufalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3 W halt. Leitartikel: Zur Berufsstatistik. — Peßack.gedanken. Von Bezirksrabbiner Dr. Maver. — Der jüdische RettgionsunterrtchL m Berlin. Von Iustizrath Siegmund Mever. — Böhmische Briefe I. — Du- Vlutbeschuldraung. Bon Dr. Joel Müller. — Oberrabbiner Abraham Bma und seme Schüler. Von Dr. M. Kayserling. — Feuilleton: Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke (Forts.). — Ein Rechenkunststück in der Peßach-Hagada. Von Dr. B. Kuttner. — Frühling 1892. Vott Rahel. - Miscetten. - Brrefkasten der Redaktion. ™ ™ r. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Magdeburg, Dresden, Leipzig. Hannover. Bonn. Düsseldorf, Straßburg l. E.. Wien. Ezernowitz. Athen, Kairo — Von Nah und Fern. Zur Berufsftatistik. Berlin, 5. April. Wir haben in der letzten Nummer einige statistische Daten über die Berufswahl preußischer Abiturienten nach der Aufstellung eines Fachniannes gegeben. Diese Daten sind für uns von besonderem Interesse. Wir entnehmen ans denselben zunächst, daß von 3619 Abiturienten 2(39 Juden waren, also eine erheblich höhere Anzahl, als nach dem Bevölkerungsdurchschnitt angenommen werden müßte. Von diesen haben sich 4 der Theologie, 120 der Medizin, 74 dein juridischen Studium, 7 dein Baufach, 4 der klassischen Philosophie, 9 dem Kanfmannsstand, 9 dem Jngeiiieur- und Technikerfach, 5 dem Bankfach, 2 dem Berg- und Hüttenwesen, 7 den Naturwissenschaften, 1 dein Maschinenbaufach, 3 der Cheinie, 3 der Geschichte, 5 der Elektrotechnik, 3 der Mathematik, 1 den neueren Sprachen, 1 der Germanistik und 3 der Nationalökonomie zugewendet. Diese Zahlen sind in vielfacher Beziehung charakteristisch und lehrreich. Es ist ja keine Frage, daß man sie von gegnerischer Seite zu unserm Ungunsten austbeuen wird, aber das darf eins in der nnbefangenen Beurtheiluiig der thatsächlichen Verhältnisse durchaus nicht behindern. Wir sehen in der eifrigen Betheiligung unserer Jugend am wissenschaftlichen Leben zunächst ein erfreuliches Symptom ihres Lerneifers und ihres Wissensdrangs. Nichts ist in dieser Beziehung charakteristischer als die Thatsache, daß von den 269 Studirenden nur 9 dem Kaufmannsstand und 5 dem Banlfach sich gewidmet haben. Daß unsere jüdischen Stndirenden hauptsächlich der Medizin und Jurisprudenz sich zuwenden, liegt in den Verhältnissen, die man wohl beklagen, aus denen man uns aber am allerwenigsten einen Vorwurf machen sollte. Man öffne den Inden alle wissenschaftlichen Fächer und man wird sehen, wie der Zudrang zum ärztlichen und juridischen Berufe bald aufhören wird. Es giebt ja in der That kein einziges von den ihnen zugänglichen Fächern, dem sie sich nicht zuwendeten. Daß ihnen Militär-, Post- Forst- und Steuerfach, sowie die Beamtenlanfbahn überhaupt noch verschlossen sind, ist doch wahrhaftig nicht ihre Schuld. Aber wer da weiß, welche Schwierigkeiten ein jüdischer Kandidat zu überwinden hat, ehe er eine Gymnasiallehrcrstelle oder eine Anstellung im Inge nieur-, Techniker. Berg- und Hiittenfach erlangen kann, der wird dem Muth der jungen Leute seine Bewunderung nicht versagen, die sich trotzdem diesen Studien znwenden. Nur zwei Fächer werden von unserer stndirenden Jugend in auffälliger Weise vernachlässigt. Zwei allerdings weit von einander abliegende Gebiete, die aber gerade für die Zukunft von hoher Bedeutung sind: die Theologie und die — Landwirthschafl. Unter den 269 preußischen Abiturienten finden wir nur vier Theologen und keinen, der sich der Landwirthschaft gewidmet hätte. Nun ist allerdings hier unter Landwirthschaft wahrscheinlich auch nur ein höheres Beamtenfach gemeint, da doch auch sonst ein praktischer Landwirth nicht gerade das Abitnrientenexamen zu machen pflegt; die landwirthschaftliche» Schulen werden auch von Inden besucht, und dieser Berns bietet bei den wenig jndenfrenndlichen Gesiniinngeii unserer Agrarier in der That die geringste Aussicht auf Erfolg, Gleichwohl möchten wir unsere einflußreichen Glaubensgenossen auch bei dieser Gelegenheit dringend ermahnen, darauf hinzuwirken, daß sich unsere Jugend inehr der Landwirthschaft zuwende. Es giebt ja eine Anzahl jüdischer und auch eine stattliche Anzahl oornrtheilsfreier nichtjüdischer Gutsbesitzer, die einen tüchtigen Landwirth nur nach seinen agronomischen Kenntnissen und nicht nach seinen religiösen Anschauungen benrtheilen. Außerdem werden die verschiedenen jüdischen Ilnterstütznngsvereine sicher gerade solchen jungen Leuten, die sich der Landwirthschaft widmen, ganz besonders ihre Hilfe zuwenden. Am auffallendsten ist die geringe Betheilignng der indischen Abiturienten an der Theologie. Wir kennen ja die Gründe; sie sind oft in diesem Blatte hervorgehoben, oft beklagt und oft widerlegt worden. Wie es scheint, bis jetzt vergeblich. Und doch hat sich auch dieses Berhältniß im letzten Jahrzehnt wesentlich gebessert. Während vor zehn Jahren die Majorität der Stndirenden an den drei jüdischen Hochschulen in Preußen Ausländer waren, besteht diese Majorität jetzt aus Deutschen. Das ist erfreulich. Nicht als ob wir die thörichte Scheidung von Deutschen lind Ausländern auch bei dieser Frage billigten oder gar theilten, aber wir begrüßen es als ein erfreuliches Zeichen der wachsenden Achtung und des zunehmenden Interesses am Rabbinerbernfe, daß sich demselben auch in Deutschland immer mehr junge Leute zuwenden. So könnten wir mit der Berufsstatistik der preußischen Abiturienten im Großen und Ganzen zufrieden sein. Möge sich unsere stndirende Jugend von den Schwierigkeiten, die sich ihr in den Weg stellen, nicht entmuthigen lassen, und an das schöne Wort Goethes denken: Diese Richtung ist gewiß — Immer schreite, schreite! — Finsterniß und Hiilderniß -- bleiben Dir bei Seite!

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