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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-01 · Heft 14 (1.4.1892) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 14 (1.4.1892)
Date
1892-04-01
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
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167 „Mich Hut keiner omiefevnt," crwiederte Fintel, „ich red' ans mir selber heraus imb red', wie ich's mein', lind ich wein', sic passen aicht zusammen!" Während hier das Mädchen den Bruder gegen die ihm aufv,ezwungene Partie in Schutz nahm und den Eltern ihre Meinung van der Sache klar und bündig auseinandersctzte, wauderte Josses mit traurigen Gedanken im Gemiithe den Feldweg ans ein benachbartes Darf hinaus, einen Weg, den er aft»gegaugen allein und mit dem Pater, in lustiger und auch in trüber Stimmung, aber niemals mit solcher Banguis; im Herzen, wie diesmal, lind was beschwerte ihm venn das Herz so sehr? (Fortsebung folgt.) ♦ Moderne iuihbinermahlen. Lieber Neffe! In Deinem letzten Schreiben sprichst Tu die Absicht aus, Dich beit theologischen Studien widmen zu wollen. Tu schreibst mir wie Dich die Liebe zu diesem Berufe so ganz erfüllt, welch tiefes Interesse Du ihm entgegenbringst, das; Du Dich zur Vorbereitung zu üesem Lieblingsstudinm schon längere Zeit mit rabbinischen Wissensgegenstünden beschäftigt hast, und fragst mich an, was ich zu diesern deinem Entschluß sage. Du berufst Dich darauf, das; ich seit Jahren .Nitglied des hiesigen Gemeindevorstandes bin. Nun lieber Jrrnge, nichts für ungut! Schlag Dir diese Marotte gänzlich aus dem Sinn! Die Zeit, die Mode, liebes fiitib, ist anders geworden. Du eignest Dich trotz Deiner vorzüglichen Kerlntnisse und ausgezeichneten Zeugnisse durchaus nicht für diesen Beruf, und dann bist Du auch noch •U jung, um einen derartigen schwerwiegenden Entschluß fassen zu 'onnen, fassen zu dürfen. Ja, Du eignest Dich nicht zu diesem Beruf. Du bist zwar grad imb hübsch gewachsen, hast ein freundliches Genetzt mit eineln Paar Hellen verständigen Arrgen, aber — Deilre Lange, Deine Lange! Du bist mindestes drei Centimeter zu kurz, ja, Dir 'ehlen drei Centimeterzum Rabbiner. Und dann bist Tn zu jung, trotz Deiner achtzehn Jahre, um Dich schon jetzt für den Beruf eines Rabbiners entscheiden zu können. Es ist ja berechtigte Gefahr vorhanden, naß Du, wie mein lieber Bruder, Dein Vater, einen Henri quatre- Dart bekonunst, und ein moderner Rabbiner mit einem Henri quatre, -rein Kind, das ist unmöglich! Also warte mit Deinem Entschlüsse noch einige wenige Jahre, und wenn Du bis dahin die fehlenden Zentimeter nachgewachsen und einen modernen Bart hast, dann ist -och immer Zeit zur Wahl dieses Berufes. Du wirst erstaunt sein, daß ich Dir so alle Deine schönen Zukunftsbilder grausam zerstöre, Dir all Deine lang gehegten Hoffnungen ui rauben wage. Aber, lieber Junge, Du bist einmal auf eine Lebensstellung angewiesen, und darum halte ich's für meine Pflicht, Dir noch zur rechten Zeit abzurathen. Woher ich weiß, daß ein Rabbiner mindestens 160 Centimeter lang '-.in muß, daß er einen Bart Nouveaute de Paris 1802 a la Roi N' Perse tragen muß, ja, muß? Nun, aus unserer letzten Gemeindevorstandssitzung. in der wir, wie Du weißt, über die Wahl eines Nabbiners schlüssig geworden sind. Was derselbe ist, ob ein guter Redner, ob ein guter Talmudist, wie es mit seiner sonstigen Bildung 'leht, das weiß ich nicht — seine Zeugnisse sind jedenfalls nur recht mittelmäßig und stammen von mir wenigstens unbekannten Autori- '.aten des Ostens. Und doch kenne ich ihn ganz genau; er hat ein echt nettes Gesicht, trägt einen Anzug von durchaus modernen; Schnitt, ist elegant frisirt, nur sein Kragen ist nicht ganz Raute Nouveaute. Aber das wird sich ändern lassen. Wir können also mit unserer Wahl recht zufrieden sein. Wir haben uns aber auch redliche Mühe gegeben, den richtigen Mann für den Posten zu finden. Wir haben in einer geheimen Sitzung beschlossen, eine Annonce in die jüdischen Zeitungen einzurücken mit der ausdrücklichen Bemerkung: Gesuche mit Zeugnissen unter Beischluß der Photographie und des Nationale sind zu richten w. Störend für mich war es. daß das unserer Annonce folgende Inserat das zu unliebsamen Vergleicl,ungen heransforderte, in der B. T.-Ztg. lautete: „Ein 50jähriger Mann in gesicherter Lebensstellung sucht eine Wirthschafterin in gleichen Verhältnissen per 1. April. Heirath eventuell nicht ausgeschlossen. Nur Gesuche unter Beischluß der Photographie werden berücksichtigt." Es waren ganz gegen unser Erwarten nur recht wenige und meist recht östliche Offerten eingegangen. Dennoch war die Mühe der Wahl keine geringe. Wir hatten der Form wegen einen benachbarten Rabbiner zur Probepredigt eiugeladen. Der Mann sprach recht gut, hatte aber leider eine nicht zurechnungsfähige Gestalt. Tann kam die Wahl. Da die Mitglieder des Vorstandes sämmtlich mehr oder minder des Hebräischen unkundig sind, wurden die hebräischen Zeugnisse nicht verlesen. Tie deutschen enthielten eigentlich nicht viel Interessantes: Geburtsscheine, die aber auch bei Manchen fehlten, ein Zeugniß über einen dreimonatlichen Aufenthalt in einem jüdischen Krankenhause, über regelmäßigen Besuch der Volksschule, über Unbestraftheit, Ermatrikeln, außerdem von vier Bewerbern Doktordiptome, von denen zwei englisch (Philadelphia) und zwei französisch (Genf) waren u. s. w. Hierauf ging man zur Prüfung der Photographien und der Nationale über, welche unsere Forderung in der Annonce nur zu sehr rechtfertigte. Du hättest Dich gewundert, lieber Junge, was die Leute dem Vorstande einer Gemeinde, wie sie die unsrige ist. zumuthen. Bon zwei eingesandten Photographien „Münchner Damenschönheiten" abgesehen, beinahe ein Dutzend der abgeschmacktesten Gesichter in den ungeschicktesten Toiletten! Solche Leute sollen Rabbiner sein! Zuletzt wurden die Nationale geprüft, vor Allem die Längenangaben in diesen, welche zwischen 149 und 181 Centimeter schwankten. Hier trat die erste wirkliche Meinungsverschiedenheit im Vorstande zu Tage. Das Resultat der äußerst heftigen Debatte war, daß ein Rabbiner nicht ktirzer als 160 und nicht länger als 170 Centimeter sein dürfe. Jetzt schritt man zur Wahl, für welche allerdings eigentlich nur der von uns Gewähltein Betracht kam. Mit alleiniger Ausnahme unseres Dr. A., der ja immer etwas zu nörgeln hat, und der schon früher bei der Annonce geltend machte, daß es erniedrigend und empörend sei, bei der Bewerbung um ein geistliches Amt von einem gebildeten Bewerber Photographie und Nationale zu verlangen, daß es der Gemeinde nicht würdig sei, von den alten Wahlmodus abzugehen, den zu wählen, der sich durch seine Zeugnisse und seine Probepredigt als der Würdigste und Wüchtigste erwiesen, — ja, daß ein derartiges Verlangen ein Armuthszeugniß für die Gemeinde sei, und daß sich ein anständiger Mensch auf ein solches Anerbieten gar nicht melden könne, - mit Ausnahme dieses Tr. A. wurde unser junger Freund einstimmig gewählt. Anfang nächster Woche trifft er hier ein. Hoffentlich ist seine Photographie nicht zu sehr geschmeichelt und das Nationale nicht gefärbt, was wohl Vorkommen soll. Jetzt bin ich sehr stark mit Vorbereitungen für die Empfangsfeierlichkeiten beschäftigt. Du mußt mir daher entschuldigen, daß ich an mein heutiges, ohnehin schon etwas lang gerathenes Schreiben nur noch herzliche Grüße an Dich und Deine lieben Eltern hinzufüge. Dein treuer Onkel P. K. O

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