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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-18 · Heft 12 (18.3.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 12 (18.3.1892)
Date
1892-03-18
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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-HM 4 Oesterreich-Ungarn. j Prag, 14. März. Am 10. d. M. starb hier Herr Kvppelnrann Sieben, Aktuar der israelitischeu Beerdigungs-Brüderschaft. Koppelnlaun sieben, seit 1846 bei der Prager Kultnsgemeinde thätig, seit 1866 Matrikelführer und Aktuar, war einer der bestell 54enner der Altert b ü m er der P r a g er I u d e n g e m e i n d e, des anders des berühmten alten Prager Judenfriedhofes, dessen Kustos er gewesen und um dessen Erhaltung er sich große Verdienste erworben hat. Er gab mit S. Hockein Werl: „Grabstein-Inschriften des Prager israelitischen Friedhofes" heraus, außerdem mehrere kleinere Arbeiten, Mit ihln ist vielleicht der letzte Nenner der Genealogie der alten Prager israelitischen Familien gestorben, deren Stammbäume er in der letzten Zeit seines Lebens zu sammeln bemüht war. Er war sehr unterrichtet und beherrschte mehrere Sprachen. Änlgarirtt. Sofia, 8. März. In den Anschauungen der hiesigen Judenschaft vollzieht sich ein Umschwung in der'Art des Unterrichtes ihrer Kinder. Die Alliance Jsraeiite vertrat wohl bei ihrer Schulgründung im Oriente den Stalldpilnkt der Franzosen und ließ unbekümmert um Zeit und Ortsverhältnisse ihrem Unterricht den spezifisch französischen Charakter. Es mag fein, daß diese Art etwas für sich hatte, da die Kinder der Sephardim die französische Sprache, welche der spmlischen verwandt, leichter erlernen als jede beliebige andere. Nun aber zeigte der neue Lauf der Tinge, insbesondere die Ausschaltung Serbiens und Bulgariens aus dem türkischen Staatskörper und der Anschluß dieser Völker an die mitteleuropäische Kultur und Handelsbeziehungen, daß die deutsche Sprache ein umgänglich geistiges Verkehrsmittel zwischen Trans und Eisdanubien geworden und die französische Sprache hingegen im selben Maße an Wichtigkeit verloren hat. Diesem Gesichtspunkt, wie nicht minder auch dem deutschen Prinzen, welcher an der Spitze Bulgariens steht, haben wir es zu verdanken, daß die hiesige Gemeinde <sephardische) den Beschluß gefaßt, in ihren Schulen die deutsche Sprache intensiv pflegen zu lassen, die französische hingegen etwas zu rednziren. Ter Anfang ist bereits mit der 1. Klasse gemacht. Diese Selbstpropagation der deutschen Sprache erobert sich stets weitere Kreise, iitbeitt besser situirte Damen ttnb Kaufleute deutschen Unterricht nehmen. Bisher konnten die Allianceschulen, welche zumeist aus den Taschen der Aschkanasim unterhalten werden für unsere deutsch-jüdische Kinder keinen Nutzen bringen. Vielleicht kommt die Zeit, daß die Schulen auch für die im Steigen begriffenen Familien aus Oesterreich-Ungarn in Rumänien eine gedeihliche jüdische Erziehungsstätte werden. Wachsen ja unsere Kinder in Sofia so ganz ohne jüdischen Unterricht auf und müssen um gutes Geld die christlichen Missionsschulen aufsuchen. Ueber die nöthigen Reformen dieser spaguolischen Schulen ein anderes Mal. Von Mali und Fern. - Dem sechsten Gemeindetag des deutsch-israelischen Gemeindebundes wird, wie wir hören, am Abend des 26. März eine Delegirtenkonferenz vorausgehen. — Die „Gesellschaft der Freunde" begeht am 27. März ihr hundertjähriges Stiftungsfest. — 'Als neuester „verjudeter 'Antideutscher" wird von denl 'Antisemitenblatte „Das 20. Jahrhundert" Richard Wagner bekämpft. — Die „Gesellschaft für Juden - mission" hat seit Längerer Zeit in der Potsdamerstraße einen Saal gemiethet, in welchem „Gottesdienste für Israeliten und Christen" abgehatlen werden. — Verschiedentlich haben 'Antisemiten Reichsbanknoten durch judenhetzerifche Aufschriften verunziert. 'Auf eine Anfrage hat nun das Reichsbankpräsidinm den Bescheid ertheitt, daß Vermerke aller Art aus Banknoten unterbleiben müßten. Eine Reichsbank-Nebenstelle hat sich sogar schon geweigert, derartig gezeichnete Scheine anzunehmen. Es wäre zu wünschen, daß das Reichsbank-Präsidium ihre 'Anordnung mit Strenge zur Durchführung brächte, danlit diesen! Unfug ein Ende gemacht werde. — Wie in Berlin, so will die „Kreuzzeitung" auch in Danzig die Straßenunruhen auf jüdische 'Anstiftung znrüclfiihren. 'Als Beweis genügt dem Blaue der Umstand, daß sich unter oo verhafteten Arbeitsscheuen auch ein Jude befand. — In der Breslauer jüdischen Waisenanstalt sind nach dein eben erschienenen Rechenschaftsbericht in den letzten drei Jahren. je 2.0 Knaben und 60 Mädchen erzogen worden. — An! 7. März fand in Breslau die Gedächtnißfeier für den verstorbene-! Direktor des jüdisch.theologischen Seminars, Zacharias Frankel, stall. Die Gedenkrede hielt Herr Dr. Sandler — Der Lehrer Herr Baß in Neustadt O.-Schl. feiert am 1. April d. I. sein fünfundzwanzig jähriges Amtsjubiläum. — Ein „Deutsch-israelitischer Bildungs verein" ist in Leipzig ins Leben gerufen worden. — Herr Stöcke - hat am 7. Mürz im sächsischen Reichstagswahlkreise Auerbach-Kir cb berg für den antisemitischen.Kandidaten Dr. Förster gesprochen. — Aui 12. März wurde der sechste Bogen der Broschüre „Eaveat Populns von Erwin Bauer wegen Beleidigung des Justizministers von Schellinauf Antrag der Berliner Staatsanwaltschaft beim Verleger Reinholr Werther beschlagnahmt. — Im Logensaale zu Lübeck hielt Her- Rabbiner Dr. Stern aus Kiel einen interessanten Vortrag, welcher sio- „Bilder und Eindrücke aus Italien" betitelte. — In Hamburg wurden nach den soeben erschienenen kirchlich-statistischen Zusammenstellungen von Pastor G. Ritter daselbst in den 10 Jahren von 1881—1890 214 Juden in der lutherischen Landeskirche getauft. — Ans Paris berichtet man vom 15. d. M.: Heute Morgen fand ein Duell zwischen dem Anarchisten und Antisemiten Marquis Mores und dem früheren Unterpräfektevon Avesnes, Isaak, statt. Letzterer wurde leicht verwundet. Dies in das dritte Duell, welches Isaak innerhalb acht Tagen bestanden ha- Er hat vorher Drumond, den Verfasser des Buches „I/a Franc- .luive", und Dubois, den Redakteur des „Jntransigeant", verwundet. Herr Camilla Lyon in Paris ist zum Kabinetsdirektor des neuen Justiz- und .Kultusministers ernannt worden. — Eine Londoner chri sl liehe Dame ist jüngst von einem Besuche in Rußland zurückgekehrt, w sie Gelegenheit hatte, die von den Juden bewohnten Quartiere zn bc sichtigen. Sie war von den entsetzlichen Szenen,' die sich ihrem 'Aua darbvten, so ergriffen, daß sie den: Sekretär des Jlusso Jewisli (Ion rnitee“ sofort nach ihrer Rückkehr eine werthvolle Diamant-Broch überreichte, mit dein Ersuchen, sie zu verkaufen und den Erlös dem Fon für die armen russischen Juden zuzuweisen. — Die jüdisch-historische Gc sellschaft in Adrian opel Halden Ob.-Rabbiner Abraham Danou. den gelehrtesten Rabbiner der Türkei, zu ihren Präsidenten ernannt. — D' - Mentesch Bey ist zum Oberst und Major Moise Dalmedigo zum 0 berß lieutenant der kaiserlichen Marine befördert worden. — In New-Pen feuerte ein russischer Flüchtling, 'Narnens Messachti, welcher waln scheinlich am Irrsinn leidet, einen Revolverschuß auf den Rabbiner de Synagoge an der Ecke der 19. Straße und 5. Avenue, Henry Mcndea ab. Der Rabbiner kehrte von dem Gottesdienst heim und wollte gern - in sein Haus gehen, als Messachki auf ihn zutrat und mit Ungestüm 10O Dollar forderte. Der Rabbiner, welcher seinen russischen Glaubens! genossen schon des Oefteren unterstützt hatte, erklärte, daß er ihm die!' - Summe nicht geben Imme. Hierauf zog Messachki euren Revolver. Dc:! Geistliche wurde in der Magengegend verwundet, doch ist die Verletzmn j nicht lebensgefährlich. — Der Baron Hirsch-Fonds in Philadelphia! hat 66 russisch-jüdische Familien als Farmer an der Woodbine-Bahn b' Cap May angesiedelt auf einem 5000 Acres umfassenden 'Areal, urn i denen 800 bereits theilweise bepflanzt sind. — Bürger von Philade' phia haben für die russischen Flüchtlinge auf Anregung des amerits nischen Gesandten in St. Petersburg, Emory Smith, eines Philadc phia'er Zeitungs-Redakteurs, eine Sammlung von Lebensmitteln iv:! Werk gesetzt. Die International Navigation Co. hat dem Komitee, j welches die Sammlungen leitete, den Dampfer „Indiana" zunr Tran - i port der Liebesgaben nach dem russischen Ostseehafen Libau unentgelt!«!' zur Verfügung gestellt, und am 22. Febr., dem Geburtstag Washington \ ist der Dampfer, mit 29,000 Sückerr Mehl, mehreren tausend Säct u Hülsensrüä)ten und hunderten von Fässern Speck, Schmalz, Fleiß!'' Griitze u. s. w. beladen, welche die Philadelphia'er zusammengebralU haben, von dort nach Libau abgesegelt. Drei Mitglieder des dortig-" Sammelkoiiiitee's haben ebenfalls die Reise nach Rußland augetreten, n" die Vertheiluug der Liebesgaben an Ort und Stelle zu überwachen. Truck und Verlag von Rudolf MoRe in Berlin. VcrauNa.nl!ich für du Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.

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