Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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131 3tll|nlt. Leitartikel: ^ciitai bfv Seit. LSiffenschaft und Litteratur: Tas Kaddisch-Gebet. Hl. Von Tr. I. Kvhu. — Äutvbiographiscbe Blätter vvn Leopold Tukes. Bon Prof. Tr. David Kaufmann. (Fons.) — Feuilleton: Heinrich Heine in Frankfurt a. M. I. Bon Gustav Karpeles. — Mendel Tanstaer. Bon Maria Konopnicka. (Forts.) — (Nu rührender Zna ehelicher Liebe. Bon Julius Laudsberaer. — Sprechsaal. — Miscetten. — Briefkasten der Redaktion. - Geschäftliche Notizen. Der Gemeindebote. Korresponvenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau. Hirschbera. Eamter. Ronaseu. Wrefchen. Wvlfenbnttel. Hombnra v. d. H.. Frankfurt a. Bi., Cannstatt a. Tarustladt, München,?lus Elsast-Lothrinaen. Praa. Sofia. — Bon Nah und Fern. Zeichen der Zeit. Berlin, 15. März. Wer einen Nachbar hat, dessen Gehöft nahezu an alle» Seiten a» das eigene angrenzt, wird wohl daran thun, sich von Zeit zu Zeit darum zu kümmern, wie es bei dem Herrn Nachbar aussieht, während er es andererseits sorgfältig vermeiden wird, sich in die Berhältuisse des angrenzenden Gehöftes zu mischen und auf das, was dort borgeht, einen ungehörigen Einfluß auszuiiben. Derartige Beziehungen hat das Iudenthum zum Christenthum. Bei der religiösen Nervosität, die allenthalben sich äußert, wäre es ebenso bedenklich als unziemlich, wollte ei» Jude seine Weisheit z» Markte tragen, »in int Streite der kirchlichen Meinungen sür den Einen oder den Andern Partei zu ergreifen. Und doch können uns die Erscheinungen im Lager der Christenheit nicht glcichgiltig bleiben, denn was dort die Gemüthcr bewegt, hat seine Nachwirkungen auch auf unser religiöses Leben. Ist es Zufall, daß zu einer Zeit, als liberalere Anschauungen in der deutschen Christenheit noch Macht und Geltung hatten, auch bei uns die freisinnigen Theologen fast allein das Wort geführt haben, und daß alsdann in der zweiten Hülste dieses Jahrhunderts die Strengkirchlichcn triumphirten, auch bei uns die Orthodoxie wieder das Haupt erhobt Wir glaube» kaum, daß Jemand die kühne Hoffnung hegt, daß, wenn etwa einmal das Christenthum zusammeustürzen sollte, dann das Iudenthum, die alte Mutter, das Erbe autreten würde. Tic Kirchen zeigen nur geringe Spuren des Berfalls, aller Orten gelten sie als die mächtigste» und bestimmenden Faktoren im Leben der Staate», und es ist heute das schwierigste Problem der Politik, sich mit ihnen zu vertragen; die Formel „die freie Kirche im freien Saale" wird abgelehnt, weil die Furcht besteht, cs könne die freie Kirche den Staat unterjoche»; das ist doch kein Zeichen des Berfalls, der nahen Auflösung. Tie falschen Propheten, die dergleichen behaupten, verwechseln meist ihre persönliche Ansicht mit dem allgemeinen Urthcil, weil in ihrem Gemüth die Kirche keine Wurzeln mehr habe, deshalb, so glauben sie, müsse der Znsammenstnrz nahe sein; ein solches Folgern ist natürlich stets verkehrt und kurzsichtig. Aber selbst wenn einmal diese große Krise einlrüte, so wäre damit eine so ungehenere Erschütterung verbunden, daß das Jndenthuiu in die größte Mitleidenschaft hiueingezogeu würde. Was dann ans diesen Kämpfe» und Stürmen Neues entstehen würde, davon sich ein Bild zu machen, liegt mehr im Gebiet gläubiger Hoffnung als wissenschaftlicher Erwägung. Nicht Alles nun, was von Christen über ihre Kirche geschrieben wird, kan» sogleich als Zeugniß einer kirchlichen Bewegung betrachtet werden. Es giebt Männer, die de» Boden der Religion völlig verlassen haben oder die ans dem Kreise der positiven Religion herausgetreteu sind. Deren Gedanken gehören der allgemeinen geistigen Bewegung unserer Zeit an. Es giebt eben Inden und Christen, d'e nur durch ihre Geburt diesem Bekeimtniß angehören die aber ihre Belehrung über alle höheren Fragen ans den Naturwissenschaften haben; deren Stimmen sind keine christlichen mehr. Auch Hr. v. Egidh, so sehr er als Erneuerer der K irche anftritt, ist doch nur ein Laie; er betont dies oft genug und es wird ihm von seinen Gegnern oft genug vorgehalten. Ganz anders liegt die Sache bei dem Pastor Schwalb. Herr Tr. Schwalb ist noch gegenwärtig bestallter Pastor in Bremen, er gehört sonach so gut zur Kirche wie irgend ein anderer evangelischer oder reformirtcr Geistlicher; er steht mitten im kirchlichen Leben; das ist kein Laie, auch kein von seiner religiösen Gemeinschaft verleugnetcr oder ausgestoßener Geistlicher, sondern ein wirklicher Pastor und Tr. theol.; dadurch sind seine Worte mit einer besonderen Antoritül bekleidet und verdienen, daß auch der Jude sie als ein hvchbedcutsames Zeichen der Zeit kennen lerne. Es ist erfreulich, ans den Kanzelvorträgen, welche Dr. Schwalb von Zeit zu Zeit veröffentlicht, zu ersehen, daß die protestantische Predigt in Deutschland durch dogmatische Schranken nicht beengt ist; ivir wissen, daß es nicht an Alifrciznngen gefehlt hat, den kühnen Prediger von der Kanzel ansznschließen, diese Versuche sind nicht gelungen; wir Inden ihnen uns viel darauf zu Gute, daß bei uns die Predigt frei ist, daß Niemand, der seiner Ueberzengniig auf einer jüdischen Kanzel Ausdruck giebt, von einer Aufsichtsbehörde dafür verantwortlich gemacht werden kan», daß jeder Rabbiner nur sei» Gewissen und sein Taktgefühl zu Rathe zieht für das, was er int Gotteshanse redet. Der Vorgang Schwalbs zeigt, daß auch in christlichen Kreisen die geistige Freiheit respektirt wird. Schwalb hat in der preußisch-protestantischen Kirche Berührnngspnnktc mit Ziegler, dessen Bortrag freilich nicht so klar und deutlich ist, vielleicht weil Ziegler in sich selbst nicht die Klarheit und Deutlichkeit besitzt. Er hat jüngst sechzehn Kanzelreden veröffentlicht über „Unsere Moral und die Moral Jesu" und hofft, daß auch diese Sammlung beitragen kann „zum Einfluß des schon seit Jahrtausenden ersehnten Gotteshauses, daß alle Gottesverehrer um sich sammeln soll und wird, in welchem der Vater allein angebetct und sein Gesetz allein, wie er es in der Vernunft und im Gewissen der Menschen mit wachsender Klarheit offenbart, verkündigt werden wird". Das konnte ganz gut auch ein Rabbiner geschrieben haben, denn im Wesentliche» ist dies das Ideal von Israels Propheten und eine Ablehnung aller der Lehren, welche den Hauptinhalt der christlichen Dogmatik bilden. Schwalb spricht davon, daß das Gesetz Gottes in unserer Vernunft mit „wachsender Klarheit" offenbart werde; obgleich damit eine gewisse Wandelbarkeit der Gesetze angenommen wird, so kann doch ein religiöser Jude diesen Staudpnnkt theilen; die Sklaverei z. B. ist in der Thora noch erlaubt; wir würden heule diese Einrichtung, dem Geiste der Thora folgend, der mit „wachsender Klarheit" uns offenbar geworden ist, als nnjüdisch bezeichnen, den» das Prinzip der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott wird durch die Sklaverei verletzt; große sittliche Grundsätze lagen gleichsam latent in dieser Lehre, die dann ans Tageslicht kamen. Die Lehre von dem einen Gotte, dem die ganze Welt eignet, von dem einen Menschenpaar, von dem alle Menschen abstammen, vertrug sich unmöglich mit der Sklaverei; Maleachi hält nun den verschiedenen Klassen seines Volkes den Satz entgegen: „Haben wir nicht Alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen". Aber das jüdische Bewußtsein hat richtig herausgefunden, daß dieser Satz über seine» ursprünglichen Sinn heraus zur Parole werden kann für das Verhältniß des Menschen zum Menschen. Wer nun am Buchstabe» haftet, der tvird sagen: Das Iudenthum giebt der Sklaverei Raum, Wer dem Geiste gehorcht, wird zugeben, daß die leitenden Gedanke» des Judeuthums zur Aufhebung der Sklaberei führen mußten. Das ist es nun, was uns zuweilen an Schwalbs Deduktionen nicht gefällt; er, der Mann des freien Geistes, drückt manchmal gar zu