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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-11 · Heft 11 (11.3.1892) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131 v{ku-[)cit seines Geistes."") Auch Mendelssohn gewann sic sehr lieb und er tauschte seine innersten Gedanken tu Briefen an sie ans. Elise Reimarns war es auch, die ihn mit Friedrich Jacob! bekannt machte, und so wurde sie ohne ihren Willen die intellektuelle llrheberin des Mendelssohn - JacobistreiteS über den angeblichen TpinozismuS Lessings, der Mendelssohn so sehr aufregte und feinen uod beschleunigte. „Sehen Sie, thenerste Freundin," so schreibt er dir, „dahin haben Sie wich wider meinen Borsatz gebracht! Ich wollte ut langer Zeit wenig oder vielleicht gar nichts Metaphysisches schreiben, und Sie sind es, die ich altzuklagen habe, wenn ich jetzt bis über den Kopf hinweg in transcendentale Spitzfindigkeiten vers muten bin."') (Schluß folgt.)! * Indiskrete Briefe ans der Gemeinde Schermeifel. Von v. Kaßriel Peßachsohn. HI.! Mein guter Herr Doktor! Sie sollen es mir, offen gesagt, nicht übel nchnten, aber ich begreife Sie nicht, brst kündigen Sie mich sick und fett — luetitt man bei einem Kultusbeamten überhaupt von diesen Eigenschaften reden darf — auf dem grünen Umschläge als Ihren Mitarbeiter an, unb komme ich dann mit einigen kurzen Berichten (nttb ich schreibe ja nur ktirz), so entziehen Sie deren Kenntnis; dem deutschen Jndenthnin. Ich will mich ja nicht rühme»; ich behaupte keineswegs, ein jüdischer Börne oder Berthold Anerbach zu i iei», aber Ihre anderen Mitarbeiter, ohne ihnen nahe treten zu wollen s und attch keine Peßachsohne. Nun, ich weis; sehr gut, das; Sie an; meinem Stil nichts ansznsetzen haben, gar nichts; bleibt also nur! übrig, das; es die Stoffe sind, über die ich berichtet habe, und die! Ihnen, mag sein, nicht gefalle». Da sind Sie aber ganz ungerecht, benn „Badebriefe" haben Sie sogar selbst geschrieben, und Sie können nicht verlangen, daß ich die Konfessionalitat so weit treiben, in» Ihnen etwa „Mikwabriefe" zu schicken; und so viel Rücksicht kann ein Mitarbeiter wie ich Wohl verlangen, daß bei einem Konkurrenzfalle nicht die Artikel des ohnehin festangestellten Redakteurs denen eines armen Knltusbeamten vorgezogen werdet;. Schön, ich will Sie entschuldigen itnd annehmen, daß Sie zur Zeit, als Sie Ihre Badebriefe schrieben, nicht in Berlin waren, das; also HerrBanchtvitz den 1;mx pn^gemacht habe. \ Aber mein Channkabericht? Das herrliche Referat über ein eben so; herrliches Fest, wie solche selten itt Israel gefeiert werden! Wie ist es nur j »«gegangen, daß dieses Ihren Lesern vorenthaltcn blieb? Hatte ich doch! sogar gebeten, den Bericht „möglichst unverkürzt" zu bringen. Sic s glauben gar nicht, wie Sie sich durch solche Zurückweisung schaden,; Tie werden hier noch sümmtliche Abonnenten verlieren, weit» Sie s es so weiter treiben. Attch in anderer Beziehung ist man in den | maßgebenden Kreisen unserer Gemeinde über Ihr Blatt sehr vers stinnnt. Wir haben uns hier schon so viel darüber herum gestritten. i Können Sie mir nicht sagen — vielleicht im Briefkasten der Redaktion — ist Ihre Zeitung wirklich orthodox oder reformirt? Als Mit-! arbeiler muß ich es doch wissen, um meine Berichte darnach entrichten I i» können. Oder sollte es wahr sein, was nufer Rabbiner Schreier; nämlich behauptet, daß beides der Fall sei, und zwar die geraden R'nmmern orthodox und die uitgeradeit liberal? Attch über unsere Ttellung zu der neuen Bolksschulvorlage habe ich mir nach den bisherigen Leitartikeln noch keine eigene Ansicht bilden können. Bielleicht erklären Sie einmal offen: sollen wir dafür oder dagegen sein? ') Jacobis Werke B. IV, S. 36. -j Mendelss. ges. Schriften B. V, S. 721. Aber bald, denn unsere Gemeinde ist in hellem Aufruhr. Der Borstand will eine Petition an das Abgeordnetenhaus für konfessionelle Schtilen richten, die Repräsentanten eine an das Herrenhaus gegen solche Schule»; unser Rabbiner Dr. Schreier wiederntn hat sich an den Minister gelvandt und ihm in längerer Ausführung bewiesen, daß die Rabbiner allein das „zuständige Organ" der jüdischen Religionsgesellschaft sind, während der Synagogcndiener Dnlpcnhanpl ein geharnischtes Schreiben an den Abgeordneten Reichensperger losgelassen hat. Nächstens will noch der Lehrer Löwenfreund an eitlen nationalliberalen Abgeordneten (von einem Freisinnigen habeich ihn; abgerathen) schreiben, damit die Stellung der Lehrer den Borständen gegenüber eine bessere werde. Was soll ich nun petitioniren? Glauben Sie, daß es Zweck hat, tvenn ich mich direkt an den Ministerpräsidenten wende und ihn ersttche, seinen Einfluß aufzubieten, damit der Passus, der ja wohl in den Motiven steht, und der das Jttdenthuin als eine Religion anerkennt, in den Tert des Gesetzes anfgetiomtnen wird? Falls Sie meinen, will ich es thnn, und Sie werden über den Erfolg staunen. Wenn ich tunt seit meiner letzten Sendung eine so lange Pattse habe verfließen lassen, so liegt das nicht etwa daran, weil ich ärgerlich über Sie wäre, sondern einfach daran, das; ich mir den Kopf zerbrochen habe, lind warum, tverden Sie fragen, habe ich so lauge und so viel nachgcdacht? Nun, über die große Noth, die unser Jahrhundert seit mehr als acht Monaten aufregt, über die Frage der Rettung unserer russischen Glanbensbrüder. Endlich habe ich den Weg gefunden, und — wie cs immer in solchen Dingen geht — es stellt sich heraus, daß die Sache so einfach ist, wie nur etwas. Ihr Beitarbeiter Herr Isidor Singer, er soll es nicht übel nehmen, tnag ein ganz guter Schriftsteller sein, aber Rechitnngen anfstellen kann er nicht. Nicht einmal für die Zukunft mit seiner Encyclopädie, geschweige denn für die Gegenwart mit seiner Mitliardenanleihe. Die Rechnung liegt doch so ans der Hand. Bier Millionen russischer Juden sollen angesiedelt werden, sagen wir im Berlauf von zehn Jahren. Was wird so eine Person durchschnittlich kosten? Ich meine anzusicdclu. — Biellcicht l<>n Mk. (ich kenne die Preise nicht so genau.) DaS macht im Ganzen jährlich 40 Millionen. Nun wohnen bekanntlich auf der Erde 7 Millionen Inden, und wenn jeder von denen nur zwei Dhaler jährlich zahlt, so haben wir die Suinme zitsammen und sogar noch eilten hübschen Ueberschuß, der daun zum Ansbatt der hiesigen Synagoge, welcher dringend nöthig ist, verwandt tverden könnte. Wenn Sie diese Sache, natürlich unter Nennung meines Namens, veröffentlichen wollen, so wäre ich tiicht abgeneigt, t»ich an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Abottnenten aut hiesigen Platze zu gewinnen, ist mir leider noch immer nicht möglich gewesen. Die hiesige Judenschaft hat einen zu großen Mangel an Opserwilligkeit, und drei Mark quartaliter ist iinmer eine bedeutende Ausgabe. Kommt nicht bald einmal wieder eine Probettunnncr? Die Probenumtnern werden hier stets gern gelesen. Zum Schlüsse noch eine Bitte. Ich habe gehört, Herr Masse sei jetzt Mitglied der Repräsentanteuversaiinnlung. Da hat er doch wirklich großen Einfluß ans die Herren Borsteher itnd kann mir vielleicht eine Stelle als Schächter oder selbst nur als Synagogendiencr in Berlin verhelfen. Sic tvissen, ich bin streng rechts, und Herr Jnstizrath Meyer hat auf diese Weise gute Gelegenheit, durch meine Anstellung die Orthodoxie zu versöhnen. Oder soll ich mich nach Breslau bewerben? Ich schwanke nur noch, ob um Zuckermanns oder um Deutschs Posten. — Angebogen mein nenestcr, sehr iuteressaitter Bericht, an dem ich bitte, nichts zu streichen. Ihr David Kaßriel Peßachsohn.

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