Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 vollen Presse selbst verurtheilte Pointe hat. Das 'Alienat des Artikels 09 des in Rede stehenden Gesetzentwurfes lautet in seiner bündigen Schärfe folgendermaßen: Nur Rumänen oder Naturalisirte finden 'Aufnahme in den profcff ionalenStaa 1 sschulen. Hr. Petre Carp, der neue Domänenminister und bekannte Phitosemit, wird wahrscheinlich das Alienat dahin modinziren, daß der in ihm, wie wir sehen iverden, enthaltene Widerspruch schwinde und einer allgemeinen Zufriedenheit Raum gebe. Daß natürlich die judenfeindlichen Organe der Demeter Sturdza und Konsorten die Nothwendigkeit dieses Alieuats zu beweisen suchen, ist natürlich. Doch finden sich, wie wir hervvrheben, auch viele unparteiische Blätter, die sich gegen das schreiende, der jüdischen Bevölkerung durch das (besetz zngefügte Unrecht mit aller Entschiedenheit erheben. Bor allen nennen wir den: „Constitutionalul" und den „Timpul". — ] Ter „Eonftitutioualul" sagt unter Anderem sehr treffend: „In Bezug! auf die durch die Geselzesartitet <r9 und 372 die Ausnahme in den Pro-! fessionalschnleu bestimmenden Bedingungen, lenken wir die Ltnfrnerksamteit der kompetenten Herren auf den ungerechten 'Ausschluß der im Lande geborenen und erzogenen Fremden, welche nach den Humanitären und politischen Gesetzen berechtigtet! Anspruch auf eine Nationalknltur int Interesse ihrer 'Assimilation mit den Rmnänen selbst und den Einklang erbeben können, der ans der ökonomischen Fühlung ulit den Landestßndern hervorgehen müsse. Ter 'Ausschluß der Erst er en ist um so ungerechter, als im letzten Alienat des'Artikels <;;» die Aufnahme der in anderen Ländern geborenen Fremden ausdrücklich gestaltet." Liegt in diesem Widerspruche die Bosheit des Verfassers nicht klar und deutlich vor den Augen? Dasselbe Gesetz, das dem im fremden Lande geborenen Freniden den Besuch der Professionalschulen gestaltet, verbietet ihn den in Rumänien geborenen Fremden? Das ist zu deutlich, um niißverstanden zu werden. Hier ist der Fremde der Jude und — der Jude wird, trotzdem er allen staatlichen und Bürgerpflichten geniigt, ausgeschlossen. Doch hören wir, was der „Timpul", das Organ der Juniminister Earp — Maiorescu, dazu sagt. „Kraft dieser Verfügung kann kein in Rumänien geborener Fremder, welcher'Nation und welchem Ritus er auch angehören möge, in unsere Professionalschule hineinkonnnen, was nach uns eine empörende 'Absurdität ist. Leben wir in einem barbarischen Staate, oder in einem civilisirten, ja die Eivilisation nur anstrebenden Staate? In der ersten 'Annahme mag jenes Alienat gelten, in den beiden letzteren kann es nur die Frucht eines rücksichtslosen Egoismus sein, der uni so unbegreiflicher ist, als wir am Abschluß eines Jahrhunderts leben, in dem die Völker als edelste Errungenschaft die Kunst und das Wissen nennen." Gern möchten wir den Artikel des „Timpul" in allen seinen Theilen und Streitpunkten wiederbringen, wenn es der Raum zuließe. 'Aber wir müssen uns auf den Theil beschränken, der uns vom jüdischen Standpunkt aus interessirt. „Ter der Gesellschaft schädlichste Mensch ist der unwissende. 'Verschafft ihm Licht und Wissen,; und er wird sich sowohl seinem Nächsten als der großen Gesellschaft nützlich! zeigen. Unsere Handelsschulen, die unsere Jugend für die kommerzielle Laufbahn vorbereiten, sind überhaupt die unserem ökonomischen Leben am nothwendigsten und nützlichsten Institutionen. Glauben nun die .Herrett, die den Entwurf ausgearbeitet haben, daß, wenn man die Fremden und vorzugsweise die Iuden aus den Kommerz- und Gewerbeschulen entfernt, deui Staate ein Vortheil oder 'stutzen gebracht wird, oder gar, daß wir keine jüdischenKailfleute, Industrielle und Gewerbetreibende haben werden? Wir können sie vom Gegeutheil überzeugen mit dem Zusatze, daß diese „Eliminirten" dadurch, daß sie der Unwissenheit preisgegeben tverden, zum Nachtheile des Landes auch unmoralischer als je handeln tverdeu, ohne daß wir sie für ihre Handlungsweise verantwortlich machen können." — Ter „Timpul" kommt sodann auf den flagranten Widerspruch im Elaborat zu sprechen, daß den „eingewanderten" Fremden! 'Aufnahine gewährt, die es dem „eingeborenen Nichtrmnänen" verbietet,! und schließt mit den Worten: „Tie von uns bis nun erörterten Verfügungen sind sowohl vom civilisatorischen als ökonomischen Standpunkleans ein Unglück für das Land. Sie müssen gänzlich schwinden, sollen sie nicht ein einiger Schandfleck unserer Institutionen werden. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die erörterten Dispositionen des Artikels oo verworfen und j liberaleren Dispositionen weichen werden, die mehr mit unseren sozialen Bestrebungen übereinstimmen." — Wir können uns dieser Hoffnung mit den: Wunsche anschließen, daß der neue Domänerlininister Petre Carp die Modifikation des Projektes dahin ändere, daß einem großen Theile der rnmäuischen Bevölkerung, der allen Pflichten genügenden Judenheit Gerechtigkeit widerfahre. Ich darf diese Zeilen nicht schließen, ohne üba das Ergebniß der Neuwahlen in Rmnänien einige Worte zu sagen. Iiu Ganzen ist der Sieg der Gouvernementalen, der mit den Jnuimisten fusiv nirten Konservativen, erfreulich für die rumänischen Juden. Ter Umstand, daß der berüchtigte Eeaur Oslan in Jassy gewählt wurde, i>; wenig maßgebend, bedenkt man, daß seinen Erpektoratiouen ein Carp mir Paun gegenüberstehen. 0. X. Von Nah und Fern. Herrn Dr. Theodor Landau in Berlin hat die königlick Akademie der Medizin und Naturwissenschaften zu Brüssel einstimmi einen Preis von 5000 Franks zuerkannt, und zwar für die Behandlmi einer von der Akademie gestellten 'Aufgabe. — Nach dem Bericht de Reichskommissars für das A us wa nd ern n g sw e se n sind im Jahre 1 so; über deutsche Häfen 28i>,225 Personen ansgewandert gegen 243,201 ii.- Jahre 1800; darunter befanden sich 03,145 Deutsche und 100,0s*' Angehörige anderer Staaten. Zu der Zunahme gegen das Vorjahr ho vor Allem die Auswanderung der ans Rußland aus ge wiese neu Israeliten beigetragen. Es stannnten ans Rußland 100,515, aus Oesterreich-Ungarn 55,100 'Auswanderer. -- Jener ehemalige preußische dann österreichische Lieutenant Ferdinand v. Levetzow, welcher tun geraumer Zeit durch seine antisemitische Schmähschrift gegen die öfter reichisch-ungarische Armee peinliches 'Aufsehen machte, wurde kürzlich in Berlin wegen 13 kleinerer Betrugssälle und wegen Körper verte iz n n g zu 270 Mark G e l d stra fe v erur t h e i lt. — Her; Kommerzienrat h At ori tz Ntilch in Posen ist zum Handelsrichter ernannt worden. — Ten Charakter als Amtsgerichts rath habeerhalten die 'Amtsrichter Mugdan in Berlin, Tr. Philipp! ir Landsberg a. W., Hamburger in Kattowitz, Leyser in Hörde un> Salomon in Elbing. — Am 17. Februar hielt der 'Antisemitenfuhre: Tr. Paul Förster seinen üblichen Vortrag im „Patriotischen Verein' zu Cottbus. — Der Israelitische Unterstützungsverein u W iesbad en veröffentlicht seinen LI. Jahresbericht. Derselbe weist au Einnahmen im Vorjahre 3888 Mk., an Unterstütznngsansgaben 3404 Nb au Vermögensbestand 18,078 Mk. auf Tie Zahl der Mitglieder beträgt 150. — Einer der bedeutendsten Großindustriellen des sächsischer Erzgebirges, Mo ritz Hirschberg in Eibenstock, ist in voriger Woche in 'Alter von oo Jahren gestorben. — Tie groben Unwahrheiten, du das Stöckersche „Volk" über die städtische Schnldeputation in Berlin berichtet, machen jetzt die Runde durch die sächsischen Amtsblätter Tie dreiste Erfindung, daß in der städtischen Schuldeputation unter L! Mitgliedern nur 11 Christen sitzen, findet sich sogar in der amtlicher Zeitung des sächsischen Ministeriums, der „Leipz. Ztg.". Bekanntlic! sind unter den 30 Mitgliedern der Schnldeputation nicht 11, sonderi 27 Christen. Ir: den sächsischen Blättern wird auch, um die Sache zrn Judenhetze brauchbar zu rnachen, Tr. Otto Hermes als Israeli bezeichnet. — In Feuerbach <Oberhessen> fand am 11. v. Mts. ein. öffentliche Versammlung zum Zwecke der Bekäulpfuug des Antisemitismus statt, in welcher Herr Kunze aus Gotha mit vielen: Erfolge sprach — In Wien wurde am 19. v. Mts. der Freiherr Stefan Scher von Koromln zur letzten Ruhe bestattet. Derselbe starb, erst 44 Jahrc alt, in Arco, wo er von einem längeren Leiden Heilung suchte. — De: mit sv vielem Pomp für ein Gastspiel auf dem deutschen Handwerkertag., angekündigte Stempelfälscher Herr Ernst Schneider aus Wien hat es vorgezogen, htibsch zu Hause zu bleiben. Vermuthlich kommt er sic! gegen .Herrn Ahlwardt zu stümperhaft vor. — Zu Budapest wurden iu der festlich erleuchteten Synagoge der Landes-Rabb in er sch ule am. 10. v. Mts. die absolvirten Hörer dieser 'Anstalt, Tr. I. Spiro Dr. S. Ungar, Tr. L. Venesianer und Dr. I. Weißburg zu Rabbiner, feierlich promovirt. — Das in holländischer Sprache geschriebene, ir Belgien gedruckte antisemitische Wochenblatt „De Talmndjood" bring Artikel über den .^'antener Fall in deutscher Sprache. Ter Ursprung derselben ist nicht schwer zu erratheu. — Zu den: Empfange des neue', ägyptischen Bizekönigs Abbas Pascha waren auch Herr Ober rabbiner Hassan und die Borsteher der jüdischen Gemeinde offigiel; eingeladen. Druck und Verlag von Rudolf Moiie m Berlnu Verantwortlich für die Redaktion - Mar Baucbwitz in Berlin