Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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56. Jahrgang. Mr. 9. ficrlhi, 26. Februar 1892. Der Gemeindebote. Weikcrge zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. DcntschlnuL. * Berlin, 22. Februar. Zu unserem Berichte über die Kommissionsverhandlungen bezüglich des Bolksschulgesetz-Entwnrfes haben wir zunächst nachzutragen, daß der Abgeordnete Rickert für die zweite Lesung einen 'Antrag angekündigt hat, welcher dahin geht, daß die Bestimmung, welche Religionsgesettschaften zu den „anerkannten" zu rechnen seien, in den Text des Gesetzes ausgenommen werde. Aus den ferneren Verhandlungen ist Folgendes hervorzuheben: £ 15 lautet: „Wo die Zahl der Schulkinder einer vom Staate anerkannten Religionsgesellschaft in einer Schule anderer .Konfession über dreißig steigt, kann vorbehaltlich der Bestimmung des £ 11 (wonach beim Bestehen drei- und mehrklassiger Schulen Binder ohne den Willen der Eltern einer einklassigen Schule nicht zugewiesen werden dürfend der Regierungspräsident bei Zustimmung der Gemeinde «Gutsbezirks, Schulverbands) die Errichtung einer besonderen Volksschule für dieselben anordnen. Die gleiche Anordnung hat zu erfolgen, wenn die Zahl über sechzig steigt. Die versagte Zustinnnuug kann bei ländlichen Schulbezirken burd) den Kreis - ansschuß, bei städtischen Schulbezirken durch den Bezirksausschuß ergänzt werden. Die Konservativen beantragen, in Absatz 1 anstatt Schule zu setzen „Schulbezirk" (Schulverband), den Absatz 2 zu streichen und folgenden neuen Absatz 5 einzufügen: „Der Zustimmung der Gemeinde bedarf es nicht, wenn in einem Schulbezirk (Schulverband) die Zahl solcher Kinder über sechzig steigt." Hierzu liegen von fast allen Parteien Anträge vor. Abgeordneter Birchow tfrs.) beantragt, dem Absatz 1 folgenden Schlnßpassus anznfügen: „wenn seitens der zuständigen Organe der betreffenden Religionsgesellschaften ein bezüglicher Antrag gestellt wird." 'AbgeordneterR inteten (Eentr.>: DasEentrumwolle auch bei einer Simultanschule die 'Abgrenzung der Konfession bewirken, wenn die Schülerzahl von 50 bezw. <>() erreicht ist. 'Alsdann soll die einschränkende Bestimmung des Absatzes 5 «Zustimmung der Gemeinde siir den Fall, daß sechzig Kinder einer Konfession vorhanden sind), fortfallen und der Regierungspräsident ohne Weiteres gehalten sein, die Errichtung einer besonderen Schule für diese Kinder anzuordnen. Kultusminister Gras Zedlitz: Er habe den Eindruck, als wenn die Bedeutung voll $ 15 überschätzt werde. Scholl jetzt erfolgen ähllliche Anordnmlgen. Man wollte durch feste Normen die Sache regeln. Gerade die evangelische Diaspora verlange darnach dringend. Nur für die Regiminalinstanz werde ein Zwang konstruirt, nicht für die Errichtung der Schute, wobei die Gemeindeverwaltung nothwendig. Die Streichung des £ 15 werde eine für die Gemeinden gefährliche Lücke schassen. Die Zahl sei keine Kardinalfrage, eine Beschränkung derselben werde gerade in evangelischen Kreisen sehr verstilnlnen. Der 'Alltrag Birchow sei ihlll gailz angenehiu, neben £ 11 aber unnöthig. Abg. Birchow (freis.): Er sei mit dieser Aufsassullg eillverstandell, er habe wesentlich die j ii d i schen G eln e ind en schützen wollen, die vielfach gar nicht alls einer mehrklassigen Schule in eine konfessionelle gedrängt werden wollten. Nach langer, durch zwei Sitzungen ausgedehnter Debatte wurden heute die Anträge der Konservativen, sowie der Antrag des Abgeordneten Birchow angenolnmen. jk. B erl i rt, 25. Febr. Der Deuts ch - I s r a e l i t i s ch e G e nl e i n d e - bund versendet die Einladungen zum sechsten Gemeindetag, der, wie schon gemeldet, am Sonntag den 27. März 1852, Vormittags lo1Uhr in Berlin, Eassels Hotel, Burgstr. Uh statlsindet. Am Abend vorher findet eine Vorversammlung in demselben Lokal statt. Die Tagesordnung wird später versandt werden. Anträge, welche alls dieselbe gesetzt werderl sollen, müssen bis spätestens am 15. März im Bureau, Berlin W. Si gismundslr. 5, schriftlich eingereicht sein. Berlin, 25. Februar. Der erste Prozeß gegen den Rektor Ahlwardt hat mit einer B.rurtheilung des jüngsten Antisemiteuführers zu vier Astonaten Gefänglliß geendet. Ter Staatsallwall, welcher ein Aahr beantragt hatte, nahm in feinem Plaidoper wiederholt (Gelegenheit, i das niedrige sittliche Niveau, alls ivelchem der Allgeklagte steht, gebüh l rend zu beleuchten. Was besonders bei denl Ausgang dieses Prozesses hervorgehoben sein rnag, ist der Ulnstalld, daß trotzdelll 'Ahlwards Angrisse sowie seine Bertheidigullgsversuche auf t>en einen Pllllkt hillziektell, die Schädlichkeit jüdischen Einflusses sowie das unmoralische Gebühren jüdischer Personell darzllthun, beunod) gerade die in dm Prozeß hineinzogenen Juden durch die Zeugenallssagell als Männer voll fleckenlosem Lebenswandel erkallut worden ftnb. Die voll delll 'Alltiseliliteilhäilptliilg mit Applomb augekündlgten „Enthüllungen" haben sich also als eitel Flunkerei erwiesen, wie curch sein soll big es 'Auftreteil vor (Bericht gewiß j dazu beigetragen hat, uielen Leuten die Augen über die Windmacherei! der Juden Hetzer zu öffnen. * Berlin, 25. Februar. Politische Blätter uteliX'u: Das preußische Justizministerilllll ist entschlossen, gegen die dauerllde Herabsetzung der preußischell Rechtspflege in dell verschämten — wie minderi verschämten an! ifemütf d)en Blätterll kräftig Vorzüge hell. Bei der 'Dritten Lesung des Staatshaushalts - Etats ist eine erneute scharfe Erklärung seitens der Regierullg gegen das in der Thal unerhörte Gebühren der j antisemitischen Presse zu erwarten.! * Berlin, 21. Febrllar. Jll der H e i m st ä 11 en g e s e tz - K o m nt issi o it | des )steichstages haben Graf Dönhofs-Friedrichstein lind Genossen einen I netten Gesetzentwurf ein ge bracht, der im Wesentlichen ans den (S>vnnD lagen des früheren Entwurfes aufgebaut ist. Die Koinmissioll be-! schäftigte sich gesterrl mit diesem neuen Elltwurfe. Der in die Kommission neu eillgetretene wildliberale 'Abgeordnete Wisser küildigte für die zweite : Lesung des Gesetzes eine )steihe voll 'Abänderullgsailträgell all. 'Abgeordneter Menzer (kons.) führt alls, daß gerade die gegenwärtige! jüdische Gesetzgebung das Volk degenerire, wie die 'Ausbeutung! ganzer Dörfer durch die Juden beweise. 'Abgeordneter Wisser: Wellll Kollege Menzer hier die Judensrage anschneide, so habe er keine Ver! antassung, demselben auf dies Gebiet zu folgen. Bemerken wolle er > aber, daß der böse Jude oder Ehrist in dem Sinne des Heren Menzer! nilr da Raum finde für seine Operationen, wo die Ballern dilrch eine! erbärmliche Staatswirthschaft bereits bis auf die Knochen ausgesogell! seien < Zischen rechts.) 1 Berlin, 22. Februar. Die erste Generalversammlung des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratllr" fand am 15. d. M. | im Saale des „Vereins jlUlger Kauflellte" statt. Nach einem einleitenben | Vortrage des Herrn Tr. G. Karpeles über „das jüdische Schriftthnm in der! Weltlitteratur" fand eine lebhafte Debatte über die Errichtllng eines j hebräischen Lehrkursus siir Erwachsene statt, an lvelcher sich die Herren j Prof. Lazarus, Landgerichtsrath Astarms, Syndikus Tr. Astinden, Lehrer! Levv, Dr. jur. Biberfeld, Herzog, Stein, Dr. Siantinta u. 'A bet heiligten. 1 Sodann wurde die Wahl des Vorstandes für das laufende Vereinsjahr vorgenoinmell, der lluumehr aus folgende Herren besteht: Dr. G. Kar- - peles, Landgerichtsrath Tr. jlir. Marcus, Rabbiner Tr. A. Rosenzweig, Dr. M. Levill, Julius Jsaac, Dr. H. Hildesheilner, Tr.! Heinrich Me per Eohn, W. Bambus, A. Katz. Schon in nächster i Woche findet ein Diskussionsabend statt, zu dem besolidere Einladullgeil! ergehen werden. Wir richten an alle Freunde der jüdischen Litteratur! ill unserer Genieillde die driilgellde Bitte, jetzt eine eifrige Propaganda für l diesen Verein zu entfalten und demselben so viele Mitglieder als lmr irgend j möglich zuzuführen. Jeder Eillzekne kann in feinem Kreise hier gedeih-! lich für das Ganze wirken. Beitrittserklärullgen niinult jedes der oben- | genannten Vorstandsmitglieder entgegen. Der Jahresbeitrag ist auf <» Ast', j sestgeseyt, die in vierteljährlichen Raten erhoben werden. Möge dieser! Appell überall wo noch Interesse für ttnfev geistiges Leben herrscht, werk-! thätige Theilnahme finden.! " Berlin, 25. Februar. Der Kreisphnsikus Dr. Astoritz 'Alti mann ist am 15. d. Ast. hier gestorben. Derselbe ist im Jahre 1848 während des Hungertyphus in Oberschlesien durch seine eifrige ärztliche Thätigkeit in weiteren Kreisen bekannt geworden. Es geschieht seiner ' auch in der häufig erwähnten Schrift Virchoivs über den oberschlesischen