Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Begründet von Nabbrner 13*- Ludwig Phillppson-Äonn. Verlags-Crpe-ition: Lerlm, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Indenthnme", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4K/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Jltfyfllt* Leitartikel: Eine Gefahr. — Aus dem Abgeordneteubause. -Oswald Boxer. Von Dr. med. W. Havelbnrg. — Ter Entwurf des Bolks- 'chulaesetzes. Bon B R. — Aieuiüetonr Die jüdische Frau im Roman und auf dem Tbeater. Bon M. Block. — Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Tieffenback. (Forts.) — An einen Prediger. Bon Ludwig August Frankl. - Lliterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Breslau. Kolberg. Grätz. Bremen. Göppingen. Aachen-Burtscheid. Elberfeld, Alsbeim. Prag, London. Rloskau. — von Rot» nnd Z^ern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. Eine Gefahr. Berlin, 9, Februar. Einer der schwersten von den Schäden, die die antisemitische Bewegung dem Judcnthnm zngcfügt hat, ist der, daß durch dieselbe sic innere Entwicklung, das Werk der Reform gehemmt und auf zahre hinaus unterbrochen wurde. Seit der Augsburger Synode ist nach dieser Richtung hin so gut wie nichts geschehen. So hat es den Anschein, als sei die Reform des Judenthums eine abgeschlossene Periode. In gewissen Kreisen ist es sogar Mode geworden, don einem Fiasko der Reform zu reden. Und doch ist nichts natürlicher, als daß die Vertreter der Reformideen in der trüben Zeit, die wir erlebt, theils um den Frieden m Innern zu sichern, theils um de» äußern Feind wirksam zu bekämpfen, geschwiegen und ihre Arbeit einstweilen anfgegcbeii haben Was uns damals und was auch heute noch vor Altem Roth thut, das ist Friede in Israel. Nur geeint, nur in geschlossener Aufstellung können wir dem Gegner erfolgreich gegenübertreten. Jede Lpaltung im Innern, jede Befehdung der Parteien würde diesem Gegner nur einen neuen und sehr willkommenen Angriffspunkt bieten. Bon dieser richtigen Erkcnntniß ausgehend, hat man die Arbeit der Reform ruhen lassen, in der Ueberzenguug, daß man sie wieder in besseren Tagen um so anssichtsvoller werde auf- »ehnien können. Es kam dazu, daß im letzten Jahrzehnt ein konservativer Hauch durch Europa ging, der auch durch das jüdische Lager wehte. Ja, das Wort „Reformjudeiithum" galt als gleichbedeutend mit Atheismus, Freimaurerei, Sozialdemokratie und allen andern bösen Dingen. Und endlich trat noch ein äußerer Umstand hinzu, der nämlich, das; von den älteren und gesinnungstüchtigen Vertretern der Reform in diesem Jahrzehnt einer nach dem andern aus dem Leben schied und ein jüngeres Geschlecht an deren Stelle trat, das in einer neuen Zeit und unter anderen Verhältnissen ausgewachsen, den Ideen der Reform naturgemäß nur ein geringes Interesse cntgegenbrachte. So konnte cs wohl kommen, daß im modernen Judcnthnm sich neue Strömungen i inzwischen die Bahn ebneten, hauptsächlich aber eine Orthodoxie, die mit dem strenggläubigen Judcnthnm an sich so gut wie nichts gemein hat, die im Leben sich von allen religiösen Geboten fast völlig emanzipirt hat, in Synagoge und Schule aber das Alte streng aufrecht erhalten wissen will, und die in den Gemeinden heute gar oft das große Wort führt. Darum ist es durchaus nicht überflüssig, gelegentlich einmal wieder daran zu erinnern, daß die Idee der Reform durchaus nicht tobt, durchaus nicht ans der Welt geschafft, durchaus nicht anfgcgcbcn ist. Es ist vielleicht inoppvrtnm, in dieser Zeit daran zu erinnern, aber es ist doch nothwendig, daß cs geschehe. Die Reform im Judenthnm ist eine geschichtliche Bewegung von großer Bedeutung, deren Tragweite erst ein künftiger objektiver Historiker wird abmessen können. Aus ihr ist die Wissenschaft des Judenthums, ans ihr ist die Erkenntnis; und Anerkennung seines ethischen Ideengehalts hervorgegangen. Sie hat Tausende vor dem Abfalle gerettet, sie hat Tausenden das Judcnthnm in neuem Lichte gezeigt, sie hat endlich die Versöhnung desselben mit den großen Ideen der Wissenschaft angebahnt. Das sind große, unvergängliche Verdienste, die nicht in Abrede gestellt, die nicht verkleinert noch unterschätzt werden dürfen. Aber damit ist ihr Ziel noch lange nicht erreicht. Die Reform hat noch eine große und schwere Mission innerhalb des Jndenthnms zu erfüllen. Nur der kleinere Theil ihrer Arbeit ist gethan, der größere rmd weitaus schwierigere ist ihr aber noch Vorbehalten. Die Gefahr aber, von welcher wir heute sprechen wollten, liegt darin, daß die Idee der Reform in dieser langen Zeit des Kampfes gegen den Feind, der rnis von außen her bedroht, nicht versumpfe und nicht untergche. Noch ist dieser Kampf nicht beendet, denn immer neue Truppen rücken gegen unsere Positionen an. Die heutige Verhandlung im Abgcordnetenhanse hat von Neuem den Beweis erbracht, was wir von den Antisemiten z» erwarten haben. Sie wollen die „Judenfrage" eben nicht zur Ruhe kommen lasse». Da» ist ihr geheimer Plan. Da wäre es verderblich und gefährlich, im Innern religiöse Kümpfe hcrvorzurnfen; da heißt es, wie gesagt, vor Allein einig zu bleiben, um stark zu sein. Tie Idee der Reform aber darf darum doch nicht nntergehen. Wir müssen ihr treu bleiben auch in trüber Zeit, wir wüsscn sic hegen und pflegen, wir müssen sie vor dem Untergang bewahren, damit sie, wenn wieder Ruhe und Frieden cingekehrt sein werden, wenn der große Sturm vorüber, mit ncnverjüngter Kraft die Geister beschwinge und die Herzen erfülle. j