Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Im Laufe des Gespräches soll oer Kirchensürst in ganz unzweideutiger Weise seinen Widerwillen gegen den Antisemitismus zu erkennen gegeben und dabei geäußert haben, daß es stets sein Bestreben sein würde, den Frieden zwischen den Bewohnern zu erhalten, „die ja alle Kinder eines Landes wären". Ferner bemerkte er, daß der Rabbiner allezeit auf ihn zählen könne und forderte ihn mit den Worten „Wir arbeiten ja Beide an derselben Aufgabe" auf, sich immer vertrauensvoll an ihn zu wenden. Er rühmte hierbei lerner ganz besonders „den Wohlthätigkeitssinn der Juden" und erwähnte auch, daß er in seinem Leben viele edle Judett kennen gelernt hätte. — Als der Rabbiner davon sprach, daß in den schweren Zeiten des Mittelalters, wo die Juden arge Verfolgungen und Bedrückungen erlitten, sie immer nur gebetet hätten: „mögen die Christen die Vorschriften ihrer Religion beobachten, dann wird es uns gut gehen", stimmte der Herr Erzbischof dem Ergebniß dieser Reminiszenz für die Gegenwart voll und ganz zu. — Beim Abschiede drückte der Kirchenfürst noch einmal feinen Dank für den Besuch aus. tz Kattowitz, 13. Januar. Am 5. Januar a. c. fand hierorts die Jnstallirung der Vereinigung B'nai B'rith jun. statt. Es sei gestattet, dem Bericht über diese Feier Folgendes vorauszuschicken. Auf Anregung des Herrn S. Freuthal vereinigten sich im Monat Juli vorigen Jahres eine Anzahl jüdischer junger Leute, um einen gesellschaftlichen Sammelpunkt, eine Stätte für geistige Erholung in der Auffassung des idealen Judenthums zu gründen. Da nun in jüngster Zeit die Konvention oes Ordens B'nai B'rith den Beschluß gefaßt halt?, auch junge Leute an den Orden heranzuziehen, beschloß Herr Freulhal, die neugebildete Bereinigung im Sinne des Ordens zu organisircn. Nachdem Herr F. den jungen Leuten die erhabenen Tendenzen unb Prinzipien der neu zu schaffenden Vereinigung erläutert hatte, wuchs immer mehr die Zahl derer, die sich der Sache anschtossen. Nunmehr wurden alle nöthigen Schritte gethan; die Ordensbehörde gab ihre Einwilligung zur Gründung der Junior-Loge, und so konnte am 5, Januar der eigentliche Grundstein gelegt werden, d. h. die Vereinigung wurde im Sinne des Ordens eiugeweiht und demselben einverleibt. Die Jnstallirungsfeier fand in den Räumen der Eoncordia-Loge statt. 'An diese ernste Feier schloß sich ein Festessen, welches im W'.ener'schen Saale abgehalten wurde und an welchem auch einige Mitglieder der Eoucordia-Loge theilnahmen. Hier kam die Fidelitas in schönster Weise zur Geltung. Eine Reihe von Toasten würzte das Mahl. Der Präsident der Junior-Loge, Br. Julius Wittner, brachte den Kaisertoast aus, Br. Freuthal toastete auf die Männer, die sich um den Orden B'nai B'rith verdient gemacht: einige Br. Br. der Eoncordia-Loge toasteten auf das Gedeihen der jungen Vereinigung. Ein schwungvolles Tafellied, verfaßt von Br. Selinger, allerlei ernste und heitere deklamatorische Gesangsvorträge hielten alle Theilnehmer bis tief in die Nacht zusammen. 52 Jnowrazlaw, 27. Januar. Am 25. d. M. starb Hierselbst der Rentier Jtzig Fabufch, welcher dem l)ieftgen 11etli-lumii<irasrtL ein Legat von 45,000 Mark unter der Bedingung vermachte, daß von den Zinsen ein zweiter Klausner angestellt resp. honorirt werde. Die Gemeinde Juowrazlaw wird nunmehr neben Herrn Rabbiner Dr. Kohu und Rabbinats-Assessor Dr. Tietz noch einen dritten Rabbinats-Beamten haben, und glaubt man, daß jetzt der Plan, ein Pädagogium zu gründen, zur Reife kommen kann. Detmold, 28. Januar. Herr Dr. Danneil, der bekannte antisemitische „Weinreisende", hielt am 28. v. M. seinen üblichen Vortrag in imserer Stadt, und da Gegner nicht anwesend waren, so konnte er ungestört seine hinlänglich bekannten Phrasen Vorbringen und zur Gründung eines „deutsch-sozialen Reformvereins" schreiten, dem auch von den Zuhörern eine Anzahl beitrat. Bereits macht sich jedoch eine Gegenströmung geltend, nachdem heute Herr Prediger Plaut, der Lehrer unserer Kultusgemeinde, in einem geharnischten 'Artikel die Danneil'schen Lügen öffetttlich widerlegt hat. QD Aachen, 2. Februar. Am 28. v. Alts, starb hier der Rabbiner Dr. D. Rothschild, vordem in Alzen, der sich durch verschiedene theologische Werke einen klangvollen Namen in der jüdischen Gelehrtenwelt erworben hat. Friede seiner Asche! * Niederolm, 28. Januar. In Händen hiesiger Schulkinder wurde ein gedrucktes „Gebet" gefunden, in welchem Gott angefleht wird, alle Juden im „rothen Meere" zu ertränken, wie s. Z. die Aegypter. Dieses Pamphlet und andere Schund- und Schundstücke gleicher 'Art wurden bei den letzten ^(ntisemiteu-Versammlungen hier und. an anderen Orten, welchen viele Kinder als Zuhörer beiwohnten, vertheilt! Ob dies kein „grober Unfug" tft? * Hannover, 29. Januar. In der Kiagesache des Oberrab b iners Dr. Igel in Ezernowitz g.gen den Redakteur Leu ft wurde Letzterer wegen Verbreitung nicht erweislich wahrer Thatsachen, welche den Kläger, Oberrabbiner Dr. Igel, in Ezernowitz herabzusetzen geeignet sind, der öffentlichen Beleidigung, begangen durch Verbreitung von Schriften, als schuldig, vom Schöffengericht zu 500 S)M. Geldstrafe event. 100 Tage Gefängnis; verurtheilt. Deut Kläger wird die Befugnis; erlheilt, das Urtheil zu veröffentlichen. Der Thatbestand ist folgender: In Nr. Older antisemitischen „Hannoverschen Post" <vom l5. Februar 1891» erschien unter M „JudenHerrschaft in der Bukowina" ein Artikel, worin mit Hinweis auf das verderbliche Treibe;; der Juden in der Bukowina zunächst bemerkt wird, daß Letztere die volle Herrschaft über die Bevölkerung und die Regierungsbeamten erlangt hätten. Weiter wird dann berichtet, daß der Oberrabbiuer in Ezernowitz, gegen den das Verfahren wegen Fälschung eingeleitet gewesen sei, sich mit anderen Juden au der Bestechung der Richter, die dem Gelde zugänglich waren, betheiligt, und das; er, trotzdem er schuldig war, vor dem Bezirksrichter seine Unschuld mit einem heiligen Eide betheuert habe Das Endresultat des Prozesses sei danach für den Rabbiner ein günstiges und glückliches gewesen. Der Angeklagte will nicht die 'Absicht zu beleidigen gehabt haben, von der Wahrheit des Inhalts des ihm eingesaudten Artikels überzeugt, habe er denselben ausgenommen; da es sich aber um einen Jrrthum gehandelt und später die Unschuld des Oberrabbiners sich herausgestetlt habe, so sei die nöthige Berichtigung erschienen. Uebrigens fei die Klage nicht vor Dr. Igel ausgegangeu, sondern von Vertretern der jüdischen Gemeinde in Ezernowitz. Dagegen geht das Gericht von der Ansicht aus, daß der Kläger durch den fraglichen Artikel sich sehr beleidigt fühlen mußte, weil die demselben gemachte Beschuldigung eine sehr schwerwiegende war. Der ''Angabe des Angeklagten, das; er wider besseres Wissen gehandelt habe, und daß er von der Richtigkeit der Berichte des Einsenders des Artikels überzeugt gewesen sei, könne keine Folge gegeben werden. Von einer Gefängnißstrase ist Abstand genommen, weil es sich um eine Persönlichkeit handelt, welche außerhalb unseres Staates stehend, nur zufällig von dem Artikel Kenntnis; bekomuleu hat. Eanstatt, 1. Februar. Wie schon öfters gab der hiesige Spnagogeu-Ehorverein am 10. v. M. im Kursaal hier wieder eine größere Ausführung, wobei die Betheiligung des Publikums von hier und Stuttgart, namentlich aber auch von Christen und hervorragenden Musikern eine sehr starke war. Wie schon der Name des Vereins besagt, dient solcher in erster Linie der Aufführung der synagogalen Gesäuge, widmet sich aber auch in hervorragender Weise dem Studium andere Werke, umseinen Mitgliedern umfassende musikalische Belehrung, und mit dieser verbunden auch nicht selten ein gesellschaftliches Vergnügen zu bieten. Daher kommt es auch, das; in unserem Spnagogenchor alle musikbegabten Gemeindemitglieder betheitigt sind und hierbei durchaus kein Standesunterschied zu bemerken ist. Am Freitag Abend ist mit dem öffentlichen Gottesdienst der sogen. Jugendgottesdienst verbunden, unb glaubt Schreiber dieses, gerade den Freitagabendgottesdieust in mehrfacher Beziehung dem Samstagnachmittagsgottesdieust für genannten Zweck vorziehen zu dürfen, lieber das obengenannte Konzert äußerten sich alle in Stuttgart und hier erscheinenden Blätter in sehr lobender Weise. Oesterreich-Ungarn. 1< Budapest, 29. Januar. Oiestern fanden in den mctfteu Städten und Ko mitaten des Landes die Reichs tag wählen statt. Dieselben iuteressiren uns au dieser Stelle nur insofern, als das Ergebniß für uns einsehr erfreuliches war: fast alle früheren Mitglieder jüdischen Bekenntnisses wurden wiedergewühlt. Moritz Wahrmann wurde in seinem früheren hauptstädtischen Bezirk, Dr. Franz Chorin in Szatm.'.r