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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-29 · Heft 5 (29.1.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Kalamität, sondern als einen Keim des Segens und zukünftigen Glückes für das Gesammtjudenthum, da in freien Ländern, wo sie sich jetzt niederlassen, ihnen die Möglichkeit gegeben werden wird, die latent in ihnen schlummernden Kräfte zürn eignen Wohle und zürn Wohle der Menschheit zu entfalten. Rußland. * St. Petersburg, 22. Januar. Das Ministerium des Innern ist mit dem endgiltigen Entwurf für die Organisation eines Auswanderungs-Komitees der Juden aus Rußland beschäftigt. Gegenwärtig wird die Auswanderung jüdischer Militairdienstpflichtiger erörtert. Türkei. Corfu, 18. Januar. Vor den Assisen von Patras haben soeben zwei Prozesse gegen die Helden der corfiotischen Juden hetze stattgefunden, und zwar deshalb in Patras und nicht in Corfu, weil die Stimmung auf der letztgenannten Insel, wo die antisemitische Partei Triknpis dominirt, noch immer nicht völlig ruhig geworden ist. Der erste der beiden für die trikupistisch-antisemitische Partei geradezu vernichtenden Prozesse betraf die am 12. Mai erfolgte meuchlerische Ermordung zweier jüdischer Arbeiter. Als der Anstiftung zum Morde verdächtig hatte der Staatsanwalt die reichen Brüder Damiri, einflußreiche Oelhändler, verhaften lassen; die eigentlichen Mörder aber, darunter vor Allem der frühere Galeeren-Sträfling und spätere Antisemit Stini, waren, dank dem Geld und dem Einflüsse ihrer Auftraggeber, ins Ausland entwischt, und zwar soll ihre Flucht insbesondere von gewissen griechischen Finnen in Alexandria begünstigt worden sein, um zu verhindern, daß die Werkzeuge der Antisemitenpartei vor Gericht reden und vielleicht noch weit höher gestellte Leute als die Brüder Damiri kompromittiren könnten. Der als Belastungszeuge vernommene corfiotische Untersuchungsrichter Farsi brandmarkte denn auch mit höchster Entrüstung die Vorfälle von Corfu, die ihren Ursprung allein in politischen und kommerziellen Interessen gehabt hätten. Man habe nämlich durch Aufstachelung der niedrigen Volksleidenschaften die Juden zur Auswanderung zwingen wollen, um sich so um billiges Geld in den Besitz ihrer Habe zu setzen. Was den angeblichen Ritualmord betreffe, so handele es sich um eine infame Liige, denn es sei heute erwiesen, daß die ermordete Rubina Sarda ein Judenkind war! Der corfiotischen Polizei wies der Untersuchungsrichter nach, daß sie, statt den Brand zu dämpfen, absichtlich Oel ins Feuer gegossen, die Exzesse zu bestimmten egoistischen Zwecken ausgenutzt und die Justiz durch freche Lügen irre geführt hat, — eine Darlegung, die vom Staatsanwalt Apostolides mit den Worten bestätigt wurde: „Die corfiotische Polizei habe, wie es scheine, aus lauter Spitzbuben und Verräthern des Vaterlandes bestanden!" Auch der in der Folge vernommene Viee-Jnspektor der Polizei von Corfu, Maritza, erklärte auf das Bestimmteste, Rubina Sarda sei Jüdin und der Ritualmord eine einfältige Tendenzlüge gewesen; was iodessen die Polizei betreffe, so könne man ihn nicht für die Machinationen seiner Vorgesetzten verantwortlich machen. Ta sich die Zeugen vielfach in Widersprüche verwickelten und namentlich die Polizeiagenten offenbare Lügen vorbrachten, so wurde der Prozeß bis Mai vertagt. Im zweiten Prozeß, der dem ersten auf dem Fuße folgte, handelte es sich um den Mordversuch, den zwei griechische Fanatiker, Nieandro und Balambaeeo, mr der Jüdin Misan begangen hatten. Die Letztere war, als sie Hilfe suchend nach der Polizeiwache eilen wollte, unterwegs ohne jeden Grund von den beiden Antisemiten mehrmals angeschossen und schwer verwundet worden. Auch in diesem Prozesse verurtheilte der Staatsanwalt Apostolides das Treiben der Hetzer von Corfu und ihrer Hintermänner aufs Schärfste und verlangte für die beiden Angeklagten das höchste Strafmaß von 12 bezw. 10 Jahren Zuchthaus. Ein Antrag, dem das Gericht entsprach. Ter zwar etwas spät, aber doch nicht allzu spät gekommene Gerechtigkeitsakt gereicht den Geschworenen voll Patras, die nicht, wie die Corfioten, von engherzigen rmd egoistischen Absichten erfüllt sind, zur Ehre. Zu wünschen ist nur, daß auch die Regierung auf die Zuställde in Corfu ferner ein wachsames Auge haben möge; denn die Insel ist, was man auch sagen möge, noch keineswegs vollständig paeifizirt. So konnten sich beispielsweise bei den letzten Gemeinderaths- und Bürgermeister-Wahlen die durchweg zur Partei Telvannis gehörigen Juden noch iimner nicht aus dem Ghetto hervor und zur Wahlurne wagen, weil sie in diesem Fall sicherlich das Opfer treuer Pöbelexceffe geworden wären, eilt Zustand, der den trikupistischeu Kandidatelr natürlich 51t Statten kam und ihren Sieg in der Stadtver waltllng bestimmte. Voll einer definitiven Wiederherstellung der Ordmrng auf Corfu sprechen zu wollen wäre darum Optimismus. Von Mall und Fern. Herrn Sanitätsrath Dr. Blumenthal ist vom Präsidenten der französischen Republick das Kreuz der Ehrenlegion verliehen worden. — In Altona hielt am vorigen Sabbath Herr Rabbiner Dr. Stiebe! aus Straßburg in Westpr. eine Probepredigt. — Das Versammlungs verbot für die Antisemiten in Harnburg soll, nach der Mittheilung der antisemitischen „N. Deutsch. Ztg." aufgehoben sein. — In Altona ist am 26. d. M. der Rabbiner Dr. Löb nach langer Krankheit gestorben. Derselbe gehörte der orthodoxen Richtung an. — Vor einiger Zeit fand in Bühl eine Landwirthschaftliche Gauausstellung und am 4. Januar d. I. die feierliche Eröffnung der Lokal-Bahn Bühl-Kehl statt. Bei beiden Anlässen wurde der Bez. Rabbiner Dr. Mayer vom Großh. Bezirksamt zrrnr Empfang des Großherzogs geladen und von Seiner Königl. Hoheit mit einer Ansprache beehrt. Auch wurde demselben von dem Festkomitee die Ehre einer Einladung zur Festfahrt auf der neuen Bahn zu Theil. — Anläßlich der letztgenannten Feier ist dem Herrn Blum-Au sch er, Präsident des israelitischen Konsistoriums und Straßburger Verwaltungsrathes, der sich um das Zustandekommen des Unternehmens genannter Straßenbahnlinie zahlreiche Verdienste erworben hat, von Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog von Baden der Orden vom Zähringer Löwen erster Klasse verliehen worden. — Der Vertreter der Wiener Kultus-Gemeinde, Herr Dr. Gustav Kohn, wurde als neilernannter k. u. k. Landesschulrath von Seiner Majestät in Audienz empfangen. — In Budweis starb im 85. Lebensjahre der prakt. Arzt, Ehrenbürger der Stadt Wällischbirken, Vorstand des israelitischen Wohlthütigkeitsvereins und Beerdigungsbruderschaft rc., Herr Markus Fantl. Der Tod dieses wackeren Mannes erweckte in allen Kreisen der Bevölkerung aufrichtige und herzliche Theilnahme.— Zum Rabbiner in Boswitz ist Herr Dr. Hirsch, einSohn des Hamburger Oberrabiners, gewählt worden.—Bon derMoral der Antisemiten liegen heute die folgenden neuen Proben vor: 1. Direktoren der Baseler „AllgemeinenKreditbank" „Wüst und Kling" sind wegen böser Finauzunternehmuugen durch gebrannt. Sie dienten der alckisemitischen Sache mit Freude und Geschick und sind mm in Ostende verhaftet worden. 2. Einer der hervorragendsten Pariser Antisemiten, de Chirac, ist wegen schweren Vergehens gegen die öffentliche Sittlichkeit zu fünfzehn Monaten Gefängniß verurtheilt worden. — Zu Rittern der Ehrenlegion wurden die Herren Henri Charles Arons, Bürgermeistereigehilfe, und Arthur Benda, Spiegelglasfabrikant in Paris ernannt. — Der Tod des englischen Kardinals Manniug hat in weiten jüdischen Kreisen Theilnahme erweckt. Der Name des Verstorbenen ist auch unseren Leseren durch seine oft bewährte Humanität, namentlich durch sein mannhaftes Eintreten für die verfolgten russischen Juden ehrenvoll bekannt. — Aus Rußland wird gemeldet: Das neue Gesetz über die Städteordnung sowie die Einführung der Landschaftsinstitutionen irr den baltischen Provinzen, ingleichen die Berathungen über ein neues Judengesetz sind verschoben, da man sich jetzt ausschließlich den Maßregeln zur Bekämpfung des Nothstandes widmet. — Herr Nissim Behar erhielt von den Herren von Rothschild in Paris 3000 Frank zur Vertheilung an die Armen der Stadt Jerusalem, ohne Unterschied der Konfession. — Der Kongreß der Vereinigten Staaten hat über einen Vorschlag, der von der Hungersnoth heimgesuchten Bevölkerung in Rußland ein Schiff mit einer Ladung Korn zu senden, berathschlagt. Der Senat nahm den Beschluß an. Das Repräsentanten-Haus behandelte die Frage zwei Tage lang, und die Debatte gab Zeugniß von den feindlichen Gefühlen der Berathenden gegenüber dem Zar wegen dessen grausamer Behandlung der Juden. Das Unterhalts schob die weitere Berathung für unbestimmte Zeit hinaus, was wohl dasselbe bedeutet, wie sie ganz beiseite legen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe m Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Ma? Bauchwitz in Berlin.

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