Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Z. Jahrgang. Ar. I. DkV ferim, 1. Samt« 1895. Weikage zur „Akkgemeinen Zeitung öes Juöentbums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 28. Dezember. Das alte Jahr hat noch kurz vor seinem Scheiden eine Reihe trefflicher Männer aus unserer Mitte gerissen. In Breslau ist der rühmlichst bekannte Dozent am jüdisch-theologischen Seminar, Hr. Dr. B. Zucker mann, nach kurzer Krankheit an der Influenza gestorben. 87 Jahre lang hat er an dem Seminar gewirkt und hat als Gelehrter, wie auch durch seine Persönlichkeit sich Anerkennung und Freundschaft erworben. Ueber seine wissenschaftliche Thätigkeit wird geschrieben: „Sein Hauptfach am Seminar war der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht an der Gymnasialabtheilung und die wissenschaftliche Behandlung des jüdischen Kalenderwesens in der oberen Abtheilung. Mit besonderer Vorliebe verwaltete er die Seminar- Bibliothek, für welche er auch einen sehr werthvollen Katalog anfertigte, der gedruckt erschienen ist. Von seiner umfassenden Gelehrsamkeit zeugen die wissenschaftlichen Abhandlungen, welche in verschiedenen Zeitschriften! und in den Jahresberichten des Seminars erschienen sind, und die Haupt-; sächlich die Geschichte und die wissenschaftlichen Grundlagen der jüdischen Chronologie behandeln; er schrieb über „Mathematisches im Talmud", iiber „die wissenschaftlichen Grundlagen der jüdischen Kalenderkunde",; über „die Münzen, Maße und Gewichte im Talmud" u. a. nt. Viele; seiner Arbeiten sind in fremde Sprachen übersetzt worden. Umfangreiche | werthvolle Abhandlungen finden sich noch in seinem litterarischen Nach- ' lasse." — Hier in Berlin starb plötzlich an den Folgen einer scheinbar j unbedeutenden Operation der Privatdozent Dr. Samuel Löwenfeld! im blühenden Alter von 87 Jahren. Seine Arbeiten auf dem Gebiete j der Geschichtsforschung erfreuten sich der Anerkennung aller Fachmänner. Von der Leitung der Monumenta geemaviao zur Mitarbeiterschaft herangezogen, wählte er als seine Hauptarbeit die Papstgeschichte. Die wesentlichste Aufgabe, die er sich hier stellte, war die Sammlung ron archivalischen Materialien. Vornehmlich bereifte er zu diesen: Zwecke Italien ::nd Frarckreich. Mehrfach hatte er das Glück, in Archiven wichtige Funde zu machen. Einer derselben, den er Wilhelm Scherer überließ, ist u. A. der deutschen Literaturgeschichte zu Gute gekommen. Im Mittelpunkte der wissenschaftlichen Thätigkeit von Löwenfeld steht die Neubearbeitung des Papst-Regestenwerkes von Philipp Jaffe, der, ein Landsmann und Glaubensgenosse Löwenfelds, gleichfalls durch einen zu frühen Tod von der Ausführung seines Werkes abberufen wurde. Auch in den j Dienst des Judenthums hat Löwenfeld seine Feder zur Zeit des Kampfes > gestellt; seine Brochüre: „die Wahrheit über der Juden Antheil am Verbrechen" ist von ganz besonderer Bedeutung gewesen. Die Beerdigung des Heimgegangenen fand am Sonntag den 27. Dezember unter zahlreicher Betheiligung von Freunden statt. Rabbiner Dr. Rosenzweig widmete dem Entschlafenen ergreifende Worte der Trauer. — Auch von außerhalb der Grenzen des deutschen Reiches kommen uns Trauerbotschaften. So wird aus Paris der Tod Albert Wolffs gemeldet. Ueber den Charakter dieses Mannes mag die folgende Anekdote Auf-! schluß geben: Als der „Figaro", dessen Miteigenthümer Wolff war, im i vorigen Jahre eine Reihe antisemitischer Artikel brachte, ging man zu | W. und bat ihn, er möchte Wandel schaffen. Darauf etrtgegnete er:! „Das kann ich nicht." — „Warum?" — „Weil die Artikel nicht gegen j die Juden, sondern gegen mich gerichtet sind." — Wir können nicht : umhin, an dieser Stelle auch eines anderen Todter: Erwähnung zu thun,! der, wenn auch nicht zu uns gehörig, vielmehr oft in der Schaar u::serer Gegner genantrt, dennoch als tüchtiger Forscher auf den: Gebiete der Wissenschaft des Judenthms den Anspruch auf Anerkerumng hat. Es ist der Göttinger Professor Paul de Lagarde, der am 22. Dezember das Zeitliche gesegnet hat. Seines Antisemitismus, rmd speziell seiner unschönen Angriffe aus den seligen Zunz soll heut nicht gedacht werden; wir wollen den Kampf nicht über das Grab hinaus fortsetzen. Doch seine gelehrten Leistungen als Bibelforscher und Uebersetzer, sowie als Herausgeber von Texten in verschiedensten orientalischen Sprachen, besonders seine Ausgabe der Makamen des Jehuda Eharisi, seien erwähnt. z. Berlin, 29. Dezember. Wie alljährlich, veranstaltete der „Verein Esra, Verband Berlin" auch in diesen: Jahre eine Ehannkahfeier, die am 27. d. M. in den Festsälen des Architekten Hauses stattfand und einen glänzenden Verlauf nahm. Schon lange vor Beginn der Feier füllte sich der große Saal , mit Gästen, die den verschiedensten Kreise:: der Berliner jüdischen Gesellschaft angehörten. Nach einen: von Herrn Schriftsteller I. N. Anders gedichteten und von Herrn Schildberger vorgetragenen Prolog hielt Herr Dr. Gustav Karpeles die Festrede. Der Vortragende wies auf den noch lange nicht ausgefochtenen Kampf des Judenthums mit dem Hellenismus hin, schilderte die unter den Juden herrschenden Zustände und rieth den „verdorrten Gebeinen", sich endlich zu neuem Leben aufzuraffen, um den von der Geschichte in der Reihe der Völker ihnen angewiesenen Platz in Ehren zu behaupten. Die Zuhörerschaft stimmte dann mit wahrer Begeisterung das schöne Chanukahlied an. Von den darauf folgenden deklamatorischen und Gesangsvorträgen erwähnen wir ganz besonders die zwei Contiffchen Lieder, „Dort wo die Ceder blüht" und „Du Juda darfst nicht Sklave sein", die von Herrn Kantor Drujau in meisterhafter Weise vorgetragen wurden. Während der Kaffeepause dankte Herr Ai Dorn in: Natnen des Vorstandes des Vereins den Gästen und Mitgliedern für ihr zahlreiches Erscheinen und brachte auf sie ein Hoch aus. Herr Schriftsteller Albert Katz toastete auf die geistigen Nachkounnen der Makkabäer, auf die Wiedergeburt der jüdischen Litteratur. Herr Motzkin, Vorstandsmitglied des jüdisch-russischen Studenten-Vereins, feierte mit beredten Worten die Idee der Kolonisation Palästinas und forderte die Gäste auf, mir ihn: in ein Hoch auf das Wohl der jüdischen Ackerbauer in Palästina einzustimmen. Hierauf trat die Jugend in ihr Recht und tanzte flott bis gegen 4 Uhr Morgens. Wie wir hören, hat das Fest dem Verein einen ansehnlichen Ueberschuß gebracht, und wollen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, Herrn W. Bambus, der sich sowohl um das Zustandekonnnen des Festes, als auch un: das Herbeischaffen verschiedener Erzeugnisse aus den: heiligen Lande, wie z. B. Orangen, Wein, Schnitzereien u. s. w., was allgemeines Interesse erweckte und zur Verschönerung des Festes beigetragen, bemüht hatte, unseren innigsten Tank auszusprechen. * Berlin, 29. Dezember. Wir haben von der Erklärung der Geistlichen in Eisleben gegen den Geschäftsantisemitismus Notiz genommen. Nunmehr schreibt die Eisl. Ztg.: Heute fand eine polizeiliche Haussuchung nach den: in unserer Buehdruckerei hergestellte::, von dem (antisemitischem „Deutschen Reform - Verein zu Eisleben" herausgegebenen „Geschäfts-Anzeiger" in unseren Geschäftsräumen auf Anordnung der kgl. Staatsanwaltschaft zu Halle statt. 4 In gleicher Angelegenheit sollen bei den Vorstandsmitgliedern des „Deutschen Reform- Vereins" Haussuchungen stattgehabt haben. * Berlin, 26. Dezember. Eine frohe Nachricht kommt ans Mustapha Pascha bei Adrianopel, wo ein unter eigenthümlichen Umstünden verübter Mord „den Juden" in die Schuhe geschoben wurde. Man telegraphirt nun: Die in Mustapha bei Adrianopel unter den: Verdachte, einen christlichen Metzger ernwrdet zu haben, angektagteu 11 Juden wurden vom Kriminalhofe in Adrianopel frei gesprochen. * Berlin, 20. Dezember. Eine Antwort auf die Frage, in welchen Gesellschaftsschichten Berlins der Antisemitismus besonders Boden gefunden hat, giebt die Abstinunung bei der Stadtverordneten-Stichwahl im 8. Berliner Konnnunalbezirk. Es standen sich dort der bisherige freisinnige Stadtverordnete Vortmann und der antisemitische Kandidat Dr. Inner gegeniiber. Jrmer erhielt 1193, Vortmann 1495 Stimmen. Es wählten in diesen: Bezirk 136 Polizeibeamte, darunter 135 antisemitisch, 158 Eisenbahnbeamte, darunter 133 antisemitisch, 165 Postbeamte, darunter 157 antisemitisch, 317 Ministerial-, Gerichts- und königliche Beainte, darunter 295 antisemitisch, 48 pensionirte Offiziere, darunter 44 antisemitisch. Dagegen wählten unter 500 Hand-