Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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J 2 ging, der eilt prachtvoll verziertes, einer Bibel ähnliches Buch iu seinen Händen trug. Es war Salonion Schor. Tann folgte eine prachtvolle, von Pagen und Kämmerlingen geleitete Karosse, in welcher ein noch rüstiger Greis saß, in einen rothen Tatar gehüllt, das Haupt mit einem rothen Sammetküppchen bedeckt. Er breitete seine Hände zuin Segen aus und fuhr dahin, abwechselnd Gebete murmelnd, bald die Menge segnend. Das war der Polcnfürst, oder richtiger gesagt, Jakob Frank. In einem zweiten von Pferden mit rothen Schabracken gezogenen Wage», an dessen Seite Pagen und Kämmerlinge einherginge», fuhr die Prinzessin. Es war Eva von Frank. Sie war in ihren Formen voller und üppiger geworden. Ihre Züge, ehedem ein Spiegel wunderbarer seelischer Reinheit, hatten einen veränderten Ausdruck genommen, und dem Menschenkenner wären gewisse Spuren von Leidenschaften nicht entgangen, die in ihrem Gesicht schon etwas sichtbar waren. In den anderen Wagen fuhren Kammerfrauen, theils Frauen der Gläubigen. Ter größte Theil der Letzteren, das Gepäck bcgleitendging zu Fuß, Alle in die malerische, polnische Tracht gekleidet, die Männer mit Flinten, Pistolen und Säbeln bewaffnet. Als der Zug sich der Stadt näherte, schlugen die Tamboure einen Wirbel. Ein Mnsitkorps voran, zogen die Fremdlinge in die Stadt ein, und vor dem Schlosse angekommen, erfolgte dessen eereuwnielle llcbergabc an den Polenfürsten, Hurrahrufe und Rottenfeuer erschallten und weithin tönte der Lärm über die Mauern von Osfenbach hinaus. Die Fremdlinge hatten von dem Schlosse der chfenburger Besitz ergriffen. Die orientalisch jüdisch aussehende Gesellschaft kontrastirte sonderbar mit dem vornehmen Prunk der Renaissance, welchen das Gcbände allerwärts erkennen ließ. Tie wenigsten der Fremdlinge, deren Zahl sechshundert betrug, konnten im Schlosse »ntergebracht werden. Biele mietheten sich in Nachbarhäusern ein, und Cffcnbach sah mit einem Male seine Bevölkerung ansehnlich vermehrt. Der Polcnfürst zog sich sofort nach der Ankunft in die für ihn bestimmten Gemächer zurück. Die anderen, ihm zunächst Stehenden, welche im Schlosse Unterkunft gesunden hatten, waren damit beschäftigt, sich in der neuen Heimath cinzurichtc». Die Prinzessin machte mit der alten Kästellani», welche heute zum letzten Male ihren Dienst that, einen Gang durch die Räume des Schlosses, die sic zu besichtigen wünschte. „dich, gnädigste Prinzessin," sprach die Kastellanin, „ich scheide nicht gern aus diesem Schloß, wo ich von Kindesbeinen an gelebt habe." „Nennen Sie mich Baronin, liebe Frau," sprach Eva. „So will ich überhaupt in Dffenbach genannt sein. Wir leben hier inkognito, wie man sich ausdrückt." „Verzeihen Sic, Frau Baronin," antwortete die Alte, „mir war das unbekannt." „Ich nehme es Ihr auch nicht für übel, gute Frau," sprach Eva. ,,Jch bedauere.nur, daß wir die Ursache sein mußten, durch welche Ihr ans Eurem alten Heim vertrieben werdet." Eva trat mit der Alten in eine» große» Saal des oberen Geschosses ei». Ihr scharfes Auge bemerkte ein zwischen zwei Strebepfeilern der Wand angebrachtes kleines Gemälde in Medaiklenform. „Wer ist das?" fragte Eva. „Das ist eine Gräfin von Psenburg, die einen Grafen von Solms gehcirathet hat »ud sehr unglücklich war." „Wie so?" fragte Eva. „Sie liebte einen Grafen Andlau," erzählte die Kastellanin, „der sich in Frankfurt anfhielt. Sie durfte ihn aber nicht heirathen, weil er katholisch war. Temungeachtet verlobten sich aber die beiden jungen Leute heimlich, in der Hoffnung, es werde' sich schon ein Ausweg finden lassen, um über das Hinderniß hinwegzukounnen. Graf Andlau zog in den Krieg, und seine Braut schwur, ihm ewig treu zu sein. Biele Jahre hörte sie nichts von dem Grafen und sie glaubte, er sei todt. Da vermählte sie sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem Grafen Solms, einem Lutherischen. Ihr Vater, ein harter Kalvinist, verstieß sie. Bald darauf kam ihr früherer Bräutigam aus dem Kriege zurück und fluchte ihr, als er sie mit einem Andern sah. Sie gebar ein Knüblein, das war todt. Sie selbst starb im Wochenbett. Der Kummer hatte ihr das Herz gebrochen." Eva hörte ruhig zu. Eine Thrüne stahl sich durch die Wimpern. Die Erinnerung an Stanislaus tauchte wieder in ihr auf und erfüllte sie mit Wehmuth. In tiefes Sinnen versunken stand sie vor dem Bilde. „Ja, die Treue muß man halten," fuhr die Alte geschwätzig fort. „Ja, Frau," sagte Eva, „ich glaube, Sic hat Recht." Sic drückte der Frau ein Goldstück in die Hand und gab ihr ein Zeichen, sich zu entfernen. Als die Alte fort war, sank Eva auf einem Ruhebett zusammen und weinte heftig. Ihre reine jungfräuliche Vergangenheit stand vor ihr, und Arm in Arm sah sie sich wandeln mit ihrem Geliebten, lind wieder erschien ihr Stanislaus als Via»», sie wollte zu ihm hincileu und ihn uinariuen, aber er stieß sie entsetzt zurück. Sie empfand tiefe Rene, aber es war zu spät. d 8eti60L80 nissim! £Sj\er einst den Vätern Wohlgethan, Wird auch uns Spätern Hilfreich nah'n. Dies Weihefestlicht Kündet anfs Neu': „Der Herr verläßt nicht. Die ihn: getreu." Gleich ist dem Lichte, Das täglich sich mehrt, Unsre Geschichte Leidenverklärt. Im düsteren Nächten Erstrahlet das Licht — Man sucht' uns zu knechten. Erreicht hat man's nicht. In Fesseln, in Qualerl, Verfolgt und bedrückt — Doch haben die Strahlen Des Lichts uns beglückt. Des Lichts von dem Einen Gott, Helfer in Noth, Der nie läßt die Seinen, So oft sie bedroht. Des Lichts von dem Hoffeil Auf bessere Zeit, Die liegt vor uns offen. Und wär' sie noch weit. Dresden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion: Mar Bauchwiß in Berlin. Des Lichts voll der Liebe, Die "Alles besiegt. Der rohstes Getriebe Selbst schließlich erliegt. Und lläher und näher Erscheint uns die Zeit, Der einst Makkabäer Ihr Leben geweiht. Die Zeit, da mem Keinen Verfolgt, noch verhöhnt Um Glauben und Meinen, Da Liebe versöhnt! — Noch bluten die Wunden, Die Glaubenshaß schlug — O! helfet verbunden, O! tilget den Fluch! O! reicht den Verbannten Die Bruderhand Und schafft den Verkannten Ein Vaterland! Denn wieder erstanden Ist Antioch — O! rettet ans Bauden, Aus seinem Joch! O! Gleich Makkabäern Mit schützender Hand Schafft armen Hebräern Ein Vaterland! Emil Lehmann.