Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Cg3 Hannover, 23. Dezember. Der hier seit einer Reihe von j Jahren wohlthätig wirkende israelitische Kind er-Verein „Malbisch! Arumim" vertheilt auch in diesen Chanukatagen an 35 Knaben und j 25 Mädchen vollständige Winterbekleidung. Durch wöchentliche, geringe j Beiträge haben die kleinen Vereinsmitglieder die erforderlichen Mittel! angesammelt. Wir schließen hieran eine andere, nicht minder erfreuliche! Mittheilung, die von der toleranten Gesinnung eines großen Theiles > unserer Mitbürger zeugt. Die hiesigen Freimaurerlogen veranstalteten Sammlungen, um armen Schulkindern Zum Frühstück warme Milch und Brödchen zu verabreichen, und, ohne daß irgend ein Schritt nach dieser Seite gethan ist, genießt auch die jüdische Sem in arschule diese Wohlthal. tt Göttingen, 18. Dezember. Das Verdammungsurtheil, welches der Prorektor Prof. Dr. Orth über die antisemitischen Agitatoren ausgesprochen hat, muß diesen Herren viel Sorge und Kummer bereitet haben, und um den Eindruck, den diese Worte möglicherweise auf die Gemüther der Studenten machen könnten, sofort zu verwischen, war Herr Liebermann von Sonnenberg auf seiner Hetzreise durch unsere Provinz gleich mit der Jnszenirnng einer Antisemiten-Versammlung in unserer Stadt bei der Hand. Herr Prof. Orth erhielt sogar eine Einladung zu derselben, er leistete ihr jedoch keine Folge. Von den Professoren waren drei Herreil erschienen, die seinen Standpunkt theilen, und die sich entschieden gegen das Vorgehen der Hetzer aussprachen. Der andauernden Angriffe überdrüssig, hat Herr Prof. Orth in der „Gott. Ztg." folgende Erklärung veröffentlicht: „Bisher habe ich die gegen mich gerichtete antisemitische Hetze stillschweigend über mich ergehen lassen, nachdem ich aber aus dem Bericht der „Göttinger Zeitung" über die stattgehabte Antisemiten-Versammlung im Hürnerbräu, beffen Richtigkeit ich natürlich voraussetzen muß, ersehen habe, daß auch in dieser Versammlung, wie vorher in einigen Zeitungen, die unwahre Angabe gemacht worden ist, ich hätte alle Antisemiten als mit einem sittlichen Makel behaftet hingestellt. sehe ich mich zu der Erklärung veranlaßt, daß ich gelegentlich einer nicht öffentlichen Immatrikulations- Ansprache an Studenten nur gesagt habe, daß in meinen Augen jeder antisemitische Agitator mit einem sittlichen Makel behaftet sei. Diese Anschauung habe ich noch heilte, und ich werde sie haben, so tauge die Antisemiten ihre Agitation tu der seitherigen Weise fortsetzen." Stuttgart, 14. Dezember. Seitens der Verwaltung der Centralkirchenkasse geht uns die nachfolgende Zuschrift zu: Auf Ihre MLtheilnng in Nr. 45 Ihres gesch. Blattes betreffend beu Hochstapler Dr. Heller Ritte r von Hellenborn, zeige ich Ihnen an, daß der Betreffende Hierselbst verhaftet und wegen verübten Betrugs zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt wurde. Er heißt Ignatz Rauch mann von Wadowice. Von hier wird er wegen verübter Betrügereien nach Earlsbad unb von dort nach Frankfurt a. M. und Heidelberg ausgeliefert. Oesterreich - Ungarn. + Prag, 22. Dezember. Der „Eentralvereitt für jüdische Angelegenheiten" hat gestern einen Festtag im vollen Sinne des Wortes gefeiert, durch beu Vortrag des Herrn Dr. Gustav Karpeles aus Berlin und das daran sich anschließende Bankett zu Ehren des Vortragenden, der hier eine seltene Beliebtheit genießt. Der Vortrag über „das jüdische Geistesleben, seine Geschichte und seine Gegner" fand im Konviktsaale um 6 Uhr Abends statt. Zu demselben hatte sich ein Auditorium versammelt, wie wir es hier selten noch gesehen. Die Elite der Gesellschaft, Abgeordnete, Professoren, Schriftsteller, fämmtliche Rabbiner Prags, zehn an der Zahl, ein Zuhörerkreis von etwa 800 Personen. Das materielle Erträgniß — zum Besten der Handwerkerabtheilnng des Centralvereins — dürfte die Summe von 1000 flerreicht haben, lieber den Vortrag enthalte ich mich jedes Urtheils, da er wohl in diesem Blatte im Druck erscheinen wird. An den Vortrag schloß sich das Bankett im „Englischen Hof", das von ca. 100 Herren und Damen aus der vornehmsten Gesellschaft besucht und durch heitere und ernste Tischreden gewürzt war. Besonders die Trinksprüche der Herren Dr. Duschen es und Landesschulrath Dr. Be n di ne r auf beu gefeierten Gast, der Herren Rabbiner Dr. Kisch und Gelbhaus auf den Verein, des Herrn Welsch auf die Damen, des Herrn Redakteurs I. Brandeis abermals auf den Vortragenden, sowie die beiden Antworten des Letztern, erregten allgemeinen Beifall. Das Fest schloß erst gegen 2 Uhr Morgens. Es war ein schönes und wird uns Allen hier unvergeßlich bleiben. Frankreich. Paris, 15. Dezember. Am 15. November d. I. hat ein Trupp von 2500 Israeliten, aus Rußland kommend, auf dem Dampfschiff „Stuttgart" Bnenos-Ayres passirt, um sich nach Brasilien zu begeben. Die Auswanderer hatten sich in Bremen au Bord begeben. Es ist nicht bekannt, in welcher Gegend Brasiliens sie sich niederlassen wollen, und ob sie Kontrakte mit Ansiedlnngs-Gesellschasten abgeschlossen haben.! Großbritannien. * London, 20. Dezember. Wie das „Daily Chranicle" erfüllet, haben sich Lord Meath und Sir Joseph Pease an den russischen Botschafter in London gewandt, um zu erfahren, ob der Zar sie als Abordnung in Sachen der Judenverfolgungen empfangen würde. Der Botschafter konnte natürlich keine Zusage geben, versprach aber, bei seiner Regierung anzufragen und das Ergebnis mitzntheilen. Das Blatt glaubt ab?r, daß Lord Meath und Sir I. Pease sich jedenfalls nach St. Petersburg begeben, werden, um eine Audienz beim Zaren zu erlangen. — Gestern wurden von allen englischen Kanzeln herab Fürbitten für die verfolgten Inden in Rußland eingelegt. Rußland. * Petersburg, 20. Dezember. Der „Times" zufolge enthält der neue, die Juden betreffende Gesetzentwurf im Ganzeil 45 Artikel, über welche im Neichsrathe abschnittweise berathen werden soll. Der augenblicklich demselben vorliegende Abschnitt eiithält drei Vorschläge, welche in der früheren Mittheilung nicht erwähnt waren. Nach der einen Bestimmung soll die Linie ans eine Entfernung t>ou 50 Werst | von der Grenze, innerhalb welcher die Juden bisher nicht wohnen durften, abgeschafft werden. Daß es sich hierbei um eine Bestimmung zu Gunsten der Juden handelt, ist f'num anzunehmen. Nach den beiden anderen Vorschlägen sollen jüdische Handwerker, Apothekergehilfen unb Apothekerlehrlinge, jüdische Gehilfen von Aerzten, Zahnärzte unb Hebammen aus allen Orten außerhalb der den Juden zum Wohnorte angewiesenen Gebiete ausgewiesen und Ausnahmen nur mit besonderer Erlaubniß des Ministers des Innern gestattet werden; hiervon sind aber die Kinder der Begünstigten ausgeschlossen, sobald sie volljährig werden oder nicht so begünstigte Juden ehelichen. * Petersburg, 10. Dezember. Wiener Blättern werden von hieraus einige Fälle mitgetheilt. welche zeigen, wie jetzt Jllden in Rußland chikanirt werden. Ein Jude, welcher Handwerker oder Arzt war, besaß bisher das Recht der Freizügigkeit, Ein Advokat Goldenberg lebte in Kiew, taufte dort in der Sophienstraße ein Hans, heirathete und wollte seine junge Frau in das neue Heim bringen. Diese Dame hatte bisher in dem sogen. Juden-Rayon gelebt und mußte daher ihren Aufenthalt wechseln. Das Gericht erklärte jedoch, daß die Gattin keineswegs das Recht des Mannes theile, und daß Frau Goldenberg ihren Geburtsort nicht verlassen und auch nid)t nach Kiew kommen dürfe. Der Advokat mußte also entweder auf seinen Erwerb oder auf sein Weib verzichten, und das ist russische Gerechtigkeit! Arme jüdische Mädchen entschlossen sich nicht selten, um dem gefürchteten Zwange des Ghetto zu entfliehen, in den Spitälern die Verrichtungen einer Hebamme zu lernen und sich der vorgeschriebenen Prüfung zu unterziehen. Da erschien eine Verordnung, welche erklärte, es sei wohl richtig, daß jüdische Hebammen das Ghetto verlassen dürfen, dieses Recht erstrecke sich aber nicht auf ihre Kinder. Die Hebamme wird also genöthigt, für immer der Ehe zu entsagen, und wenn sie es nicht thnt, so beraubt sie die Geburt eines Kindes der Nahrnngsqnelle, oder sie muß ihr Kind in die weite Ferne schicken, um es fremden Händen anznvertrauen. Die Austreibung von Säuglingen! Eines Tages entdeckte die russische Regierung, daß Bäcker, Fleischer, Glaser keine Handwerker seien, ans Moskau wurden 25 Drucker mit der Begründung ausgewiesen, das Drucken sei kein Handwerk, sondern eine technische Kunst, und man berechnet, daß nicht weniger als zweihunderttansend jüdische Handwerker aus teil verschiedenen Provinzen Rußlands in den Bereich des Ghetto zilrückkehreii nutzten. Im Ganzen sollen IV, Millionen Personen durch die Anslveisnngen betroffen worden fein. Amerika. * New-Aork, 19. Dezember. Im Repräsent all tenhause zu Washington ist gestern die russische Antijnd engesetzgebung ziir Sprache gebracht worden. Der Vertreter für New-Pork, Eninmings