Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. 48. Berlin, 1J. Dezember 1890. Allgemeine eitung oes Zudentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Beciründet voll Nnlibincr Br- Lndwiy Phitippsott üonn. Verlags-Expedition: Üerlin, Jernsalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Iudenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zur Grinnernna an Dr. Ludlvia Philippson. Bon Tr. Tobias Eohn. — Tr. David Asher. - Eaidv's ..Ernste Geballten" nr ihrer Anwendbarkeit auf bas Judenthum der Gegenwart. Von Tr. I. Hvrolvitz. — Häusliche Erziehung. Bon I. Weis. II. - Wissenschaft und Littcratnr: Tie San von Wittenberg. Bon Professor Tr. David Kaufmann. — Fanny bewald. Bon Gustav K arpeles. II. — Feuilleton: Ter unbekannte Gast. Bon'Eduard Kulte. (Fortsetzunch. — Judas Tod Voll I. Löwen borg.— Litierarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Breslau, Posen, Frankfurt a. M.. Kassel, Wien, Lemberg. Petersburg, Brüssel. Stockholm — Bon Nay und Fern. - Miseellen. — Briefkasten. 3ur Erinnerung an Dr. Ludwig Philippson. Bau Dr. T o b t a s (5 o h u. 91 m b). Tebeth kehrt zum ersten Mal der Tag wieder, an lvelchem Dr. Ludwicz Philippson in Bonn das 9ltlge zur ewiizen Ruhe schloß. Am kl. Tebeth 1. I rumor 1890 belveizte sich der lange Trauer- Zllp, welcher die irdische Hülle des Entschlafenen nach dein (Gottesacker geleitete, durch die Straßen der Stadt unter der ledhaslcsten Theilnahme der Bevölkerung. Jetzt nun wird ani Grabe des Heimgegangenen der Denkstein errichtet, welcher in hebräischer und deutscher Inschrift mit wenigen Worten das Lebenswert desselben bezeichnet, unb aus fernen Crteu eilen die Tochter und Söhne herbei, um in Gemeinschaft mit ihrer Mutter den Gedenktag in stiller Andacht zu begehen. Es ist ein tief empfundenes Wort des Judenthums, mehr vom psychologischen und religiösen Gesichtspunkte ans erwogen, welches lautet lJerusch. Schekalim 2, 0.): .Die Frommen bedürfen nicht des Grabmals, ihre Lehren find ihr Monument." Kanin war dieses jemals zutreffender, als in dem gegenwärtigen Falle in Anbetracht eines Tahingeschiedenen, dessen Maine last durch sechs Jahrzehnte der jüdischen Welt wie ein hellleuchtender Schein voranzog in ihren Kämpfen und Bestrebungen für Glauben, Aecht und Freiheit. Die irdische Hülle des Entschlafenen ruht inmitten >er Seinen, die ihm voranfgegangen sind, und die deutsche Inschrift ins beni in weißem Marmor gestellten Monument ist: Hier ruht Rabbiner Dr. Ludwig Philippsoll, geb. am 28. Dezember 1811 gest. am 29. Dezember 1889. Deiner Gattin Klage, Deiner Kinder Thräue Wachen an diesem heiligen Raume; . Des Wanderers Schritt von nah und fern Bannt Ehrfurcht hier imb Dankbarkeit. „Deiner Arbeit kommt der Lohn — Und Hoffnung ist deiner; Zukunft." (Jirni. 21, 16—17.1! Möge die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", welche den! Warnen des Entschlafenen — sein Andenken fei gesegnet — in dant- : barer Treue an ihrer Spitze trägt, die Kunde von der erstell Wieder-! kehr seines Sterbetages in ihre Leserwelt Hillallstragen lind diese des! Wortes eingedenk sein, daß einst ein Atheniesischer Staatsmann in! seiner berühmten Gedächlllißrede gesprochen: „Großer Männer Grob! ist die qesanilllte Erde." ¥ Dr. David Asher. i Leipzig, 8. Dezember. Wut 2. Dezember ist in Leipzig mul) kurze»: Leide» ei» Mann geflorbeli, der es wohl verdient, das; in dieser Zeitschrift ihm ein warmer Nachruf gespendet werde. Tr. Tavid Asher war ein edler : Mensch, ei» warmer und iiderzeugnugstreuer Jude, ei» tüchtiger Schriftsteller. Sei» Lebe» war ein bewegtes. Eine kurze Schilderung! mag dasselbe für heute in flüchtige» Umrisse» schildern. Asher wurde i am 8. Dezember 181.8 als Sohn eines Kantors zu Dresden geboren. Der Pater starb, als der Sohn erst fünf Jahre alt war. Tein Pathe war Dr. Bernhard Beer, der ihm seinen Talith und ei» Legat; hinterliest. Er wurde zuerst strenggläubig an einer jüdischen Schule i erzogen und law dann mit seinem Beiter, dem nachmaligen Sanitätsrath Hirsche!, als erster Jude in Sachsen, auf die Kreuzschule zu; Dresden. Da aber die Mutter zu unbemittelt war, um ihn auf km : (k)inmiiinm zu lasse», trat er bei einem Holzschneider und Bergolder in die Lehre. Seine Lehrzeit war eine sehr harte; täglich, selbst iw kältesten Wetter, musste er sich z. B. im Freien am Brunnen waschen, (n° erhielt jedoch ein ausgezeichnetes Zeugnist. Daun begab er sich als Handwerksburschc im August 1837 auf die Wanderschaft. Aus feinem Wanderbuch, ivelches sich im Besitz der Familie befindet, crgicbt sich, daß er von Dresden nach Prag, von da nach Wien, voll dort nach München, Nürnberg, Erlange» und zurück nach Dresden zu First lvanderte, überall in feinem Handwerk | arbeitend. Tann lvanderte er »ach Hamburg und fetzte, Oktober j 1838, der Einladung eines wohlhabenden Onkels folgend, nach Engi land über. Derselbe schickte ihn als Pensionär nach Edinonton in eine wohlbekannte jüdische Schule. Wenige Monate daraus starb der Onkel und hinterliest ihn mittellos. Da er aber selbst als Handwerker sich weitergebildet hatte, koniitc Asher sofort die Stelle eines Hauslehrers in Edmonton bekleiden. Tagsüber gab er Stunden