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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Amerika. C§b Baltimore, 25. September. Eine Schreckensnachricht wurde der Familie des Rabbiners Tr. Bettelheim in dem Augenblicke mitgetheilt, als dieselbe sich gerade zur Bewillkommnung ihres aiis Deutschland zurückerwarteten Oberhauptes versammelt hatte. Auf hoher See hatte der Rabbi am Bord des norddeutschen Lloyddampfers „München" seinen Tod gefunden, und war im Ozean feierlich bestattet worden. Der Reffe des Verstorbenen, welcher auf dieser letzten Fahrt sein Reisebegleiter war, erzählt, daß Bettelheim, welcher sich schon vorher krank fühlte, am zweiten Tage nach dem Besteigen des Schiffes sich aufs Reue in ärztliche Behandlung geben mußte. Die Krankheit ließ jedoch nicht nach; der Rabbi fühlte seinen Tod herannahen. Ein jüdischer Passagier, Dr. Stein, nnd zwei katholische Geistliche, Rev. John Gloyd und James F. Mackin aus Washington, beteten an seinen! Krankenlager auf den Wunsch, den der Rabbi in einem der letzten Augenblicke, ehe ihn das Bewußtsein verließ, geäußert hatte. Nachdem der Tod eingetreten war, wurde der entseelte Körper auf Befehl des Kapitän Jäger für die Bestattung bereit gemacht, die in der nächsten Nacht vor sich gehen sollte. Zwei Seeleute und ein Schiffsoffizier übten diesen letzten Dienst aus. In der mondklaren Nacht versammelten sich alle Offiziere und Matrosen, mit Fackeln versehen, auf Deck nnd bildeten mit' den Passagieren einen Kreis mit die Leiche. Dr. Stein verlas die hebräischen Sterbegebete, nach feinem letzten Worte gab der Kapitän das Zeichen, und der Körper sank ins Meer hinab. — Die Bestürzung und die Trauer am hiesigen Platze sind außerordentlich, da Bettelheim die Liebe der Gemeinde wie auch der Nächsten sich in hohem Maße zu erwerben gewußt hatte. U Von Nah und Fern. Dem Bibliothekar der königlichen Kunstmuseen, Herrn Dr. Max Fra enkel in Berlin, ist das Prädikat „ Pr ofessor" beigelegt worden. — Unter den neu ernannten Handelsrichtern befinden sich nachfolgende Glaubensgenossen: die Herren Hermann Jacoby, Siegismund Samuel, Hugo Heyman, Bernhard Croner, unter den zu stellvertretenden Handelsrichtern ernannten die Herren Heimanu Auerbach, Salomon Masse, Adolf Philipsthal, George Joachimsthal, Robert Hirsch und Julius Rosenheim in Berlin. — Die Berliner christlich soziale Partei hat beschlossen, nunmehr wieder aus ihrer Zurückgezogenheit in die Oeffentlichkeit zu treten. Die erste Versammlung der Partei hat, wie bereits gemeldet, vorige Woche in der „Tonhalle" stattgefunden. Hofprediger Stöcker erklärte, daß er ein spezielles Aktionsprogramm für die Zukunft noch nicht entwickeln könne, weil der Vorstand sich noch in der Berathung desselben befinde. — Der „Neue Evangelische Gemeindebote" will wissen, daß man dem Sch neidermeister Grnneberg, dem früheren Gefährten des Berliner Hofpredigers in der christlich-sozialen Partei, Reisegeld nach Amerika versprochen habe, falls er auswaudern ivolle. Das genannte Blatt bringt dies mit der für Anfang November bevorstehenden Fortsetzung des Prozesses Stöcker-Witte in Zusammenhang. — In Nakel starb in voriger Woche der königliche Gymnasiallehrer a. D. Joseph Cohn. Seine Schüler widmen ihm in den öffentlichen Blättern warme Nachrufe. — Anl 30. September ist in Wiesbaden der Referendar Otto Siebert wegen seines am 24. Februar mit dem Assistenzart Dr. Friedländer ausgefochtenen Duells, bei welchem Siebert verwundet wurde, zu vier Monaten Festungshaft verurtheilt. In den Urtheilsgründen wurde die Schwere der Be leidigung (es handelte sich bekanntlich um antisemitische Extravaganzen des jungen Herrn) besonders hervorgehoben. — Am 18. Oktober feiert die einzige Schwester Heinrich Heine's, Frau Charlotte Embden, geborene Heine, ihren 90. Geburtstag. In körperlichem Wohlsein und erstaunlicher geistiger Frische lebt die Schwester des Dichters seit vielen Jahren auf der Hamburger Esplanade mit ihrem einzigen Sohne Baron Ludwig Embden. — Unter dem Vorsitz von Charles Hallgarten hat sich in Frankfurt am Main ein Hilfs-Komitee für die Unglücklichen in Salonichi gebildet. — In der „Neuzeit" empfiehlt ein Herr A. Weinstock als Auswanderungsgebiet für die russischen Flüchtlinge Kalifornien und Mexiko. — Eine Versammlung von Bürgermeistern und Wählern des Landgemeinde- Bezirkes Krems hat mit 31 gegen 1 Stimme dem antisemitischen Abgeordneten des Bezirkes, dem famosen Vergani, ein Miß trauensvotum ertheilt nnd beschlossen, denselben nicht wieder als Kandidaten anfznstellen. — Die durch das Ableben des Professors Herrn Josef Holzammer an der deutschen Handelsakademie in Prag erledigte Professur der englischen Sprache wurde unserem Glaubensgenossen Herrn Professor Gustav Reiniger verliehen. — Der Enkel des vor einigen Jahren verstorbenen chassidisch-orthodoxen Rabbiners H. Orenstein. Herr Brande, hat vorige Woche im Lemberger polnischen Franz Josefs- Gymnasium die Maturitätsprüfung mit bestem Erfolge bestanden. Es beginnt also auch dort zu tagen. — Die von englischen Zeitungen jüngst gebrachte Nachricht über das Unglück, welches einem T r i e ste r R a bb i n er in Folge der Antisemitenbewegnng widerfahren sein soll, wird von Wiener- Blättern dementirt. - Der Oberrabbiner Herr D r. Neuman n in G r. Ka nisza, der am 28. Juni d. I. im neuen Tempel zu Berlin eine Gastpredigt hielt, empfing in den letzten Tagen von dem Vorstande der Berliner israelitischen Gemeinde ein sehr schmeichelhaftes Anerkennungsschreiben. In demselben wird sein Rednertalent sowie seine Exegese in der Predigt besonders hervorgehoben. — Professor Dr. Sigmund Sonnenfeld aus Budapest, der mit Genehmigung des Unterrichtsministers sich behufs litterarischer Studien ans ein Jahr nach Paris begiebt, hat vom Baron Hirsch die ehrenvolle Aufforderung erhallen, während dieser Zeit die Leitung der humanitären Institutionen des genannten Philanthropen zu übernehmen. Dr. Sonnenfeld begiebt sich gegen Mitte November in die französische Hauptstadt. — Am 27. September 1891 lverden es h u n de rt I a hr e, daß die französische Nationalversammlung den Inden das Bürgerrecht zuerkannte. Die französischen Israeliten beabsichtigen, zur Erinnnerung an den für sie so wichtigen Tag großartige Festlichkeiten zn begehen. Auch sollen bei sämmtlichen Inden Frankreichs und Algiers Sammellisten in Umlauf gesetzt werden, deren Ertrag zu einer gemeinnützigen Stiftung verwandt wird. — In Paris bestehen drei Synagogen nach deutschem Ritus, eine nach spanischem Ritus. Ebendort befindet sich das Rabbinerseminar, eine Talmud-Thvraschule, drei Konsistorialschulen mit 615 Schülern, drei Gemeindeschulen mit 1140 Schülern und drei Gewerbeschulen. Die Alliance Israelite Universelle erhält eine Schule unter dem Titel: „Ecole orientale normale israelite“, wo die nöthigen Lehrkräfte für die von der Allianz im Orient und in Afrika mit günstigen Erfolgen eingerichteten Schulen herangebildet werden. — Die Stadt Algier besitzt fünf Synagogen, eine Talmud-Thora- und eine Religionsschule, Constantine hat eine Rabbinatsschule „Jescliiwas Ez Chajiin“ genannt, ferner ebenso wie Oran mehrere jüdische Gemeindeschulen. — Herr Eduard Kohn in Paris hat 3000 Francs für Pflege verwahrloster Kinder der dortigen Stadtverwaltung gespendet. — Aus Rom meldet man, daß die Polizei sich am 4. Oktober gewaltsam den Eintritt in das „Kloster der lebendig Begrabenen" in Neapel erzwungen habe, wo sich den behördlichen Organen ein furchbarer Anblick darbot. Sechszehn Nonnen, von welchen die älteste 81 Jahre alt war, wurden in einem haarsträubenden, geradezu thierischen Zustande aufgefunden. Die unglücklichen Geschöpfe waren völlig verwildert und zn Skeletten abgemagert, sie verweigerten jede Antwort auf die an sie gerichteten Fragen. Unter der Nonnenschaar befand sich auch ein bildschönes junges Mädchen, welches wegen eines ans Li be begangenen Vergehens auf Befehl seiner Eltern lebenslänglich eingekerkert bleiben sollte. Der Präfekt ordnete unverzüglich die Aufhebung des Klosters an. Werden angesichts solcher Ereignisse katholische Priester und Centrumsabgeordnete es noch ferner wagen, sich zu Richtern über „semitische Moral" aufzuwerfen? — Am Sabbath, den 6. September, hielt Nabb. Dr. Alexander Ko Hut im Tempel Ahawath Chesed zu New-Uork eine Gedenkfeier für den leider so früh in der Blüthe seiner Jahre so plötzlich dahingerafften Rabbiner Dr. A. S. Bettelheim von Baltimore. Dr. Kohut, der Schwiegersohn des Verstorbenen, gedachte seiner in längerer, von tiefstem Schmerze und kaum unterdrückter Rührung durchdachten Rede, welche den anfrichtigen Widerhall in den Herzen der mitfühlenden, aufmerksam seinen Worten lauschenden Gemeinde fand. — Herr D.Ansell ist zum mexikanischen Geuer al-Kousul für Canada ernannt worden. — Unser Glaubensgenosse Herr S.Amselem ist zum amerikanischen Konsul in Mogador ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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