Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 38 (2.10.1890)
- Date
- 1890-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227864--47402-3268921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 gönnen; diese Arbeit mutzte unterbrochen werden, weil uns alle Araber verlassen, um sich mit der eigenen Ernte zu beschäftigen. Die Neben sind in bestem Zustande, und bis jetzt ist kein Mißstand eingetreten; man darf aus eine gute Ernte rechnen. Die Pfropfungen der Neben sind gut bewacht und kurz gehalten worden. Man hat auch versucht, die jungen Neben von dem Unkraut zu reinigen, das trotz der Urbarmachung sich erhalten hat; auch ist Alles geschwefelt worden. Im Gemüsegarten haben Sämereien und Anpflanzungen statkgefunden; unser Gemüsegarten verspätet immer etwas infolge seiner Bodenbeschaffenheit. Die Luzerne des Gemüsegartens giebt sehr guten Ertrag, wenn es nicht au Wasser mangelt. Tie Pasteten sehen in diesem Jahre nicht sehr viel versprechend ans. Bei bedecktem Wetter entwickeln sich diese Pflnzen nicht sonderlich. Unsere Gersten-, Mais- und Weizen-Ernte ist längst beendet. Unsere Pächter hatten in diesem Jahre keine Gerste gesäet. Wir selbst hatten nur vier Hektoliter gezogen; der Ertrag wird ein ziemlich guter sein. Diese Cerealie hat in diesem Jahre nirgends besonders hohen Ertrag gegeben, da sie sehr spät wegen der verspäteten Regenfälle gesäet wurde. Der Futtermais ist geerntet, klein gehackt und in unseren gemauerten Silos aufbewahrt worden als Winterfutter. Im Keller ist der Wein zum dritten Male nmgezapst worden. Unsere Weine haben nicht mehr gegohren, seit sie in den neuen Kellereien unterj gebracht sind." U Von Nah und Fern. — Für die Abgebrannten in Salonichi wird in den nächsten! Tagen hier ein Hilfskomitee zusammentreten. — Der Schriftsteller Herr > S alv Fraenkel, früher verantwortlicher Redakteur des „Berliner! Börsen-Courier", ist am jüngsten Sonntag nach längerem Leiden gei storben. — Im „Volk" beschwert sich ein neidischer Breslauer Geschäftsmann darüber, daß die Kaiserlichen Majestäten bei.ihrer jüngsten Anwesenheit in Breslau auch Einkäufe bei jüdischen Kaufleuten gemacht haben. — Tie verbissene Wnth der Antisemiten kennt selbst die Ehrfurcht vor dem Unglück unb dem Tode nicht mehr. Angesichts der furchtbaren Brandkatastrophe in der Friedrichstraße zetern j die Antisemiten bl ätter darüber, daß so viel Mitgefühl für die Familie! eines Juden sich öffentlich kund giebt, und das Leiborgan des Herrn Stöcker erhebt ein Geschrei. daß der zuerst herbeigerufene Arzt — ein Jude war. — Ter Rel igi onsv er ei it „ Be th-Jakob" sucht seinem Synagogenfonds durch Umhersendnng eines sogenannten Witzblattes „Gut Jahr" aufznhelfen. So sehr wir bcm Synagvgenfonds eine Vermehrung gönnen, so entschieden müssen wir das uns vorliegende Machwerk verurtheiten. Es ist witzlos und zeugt von Unwissenheit in jüdischen Dingen. — Einer der ältesten Bürger uou Magdeburg, Hr. E rn st Friedeberg, beging am 18. September seinen n e n nzig sten G eburtsi tag. — Man berichtet ans Wiesbaden: Den siebzigsten Geburtstag feierte in voller Rüstigkeit des Körpers und des Geistes einer nuferer 1 geachtetsten Mitbürger, der frühere Hofjuwelier Herr Io sef Heim er din gex-, welchem aus diesem Anlasse zahlreiche Beweise von Liebe; und Verehrung aus Nah und Fern zu Theil wurden. Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß der Schriftsteller Berthold Auerbach ein Vetter und intimer Freund des Herrn Heimerdinger war und in dessen an der Elisabethenstraße gelegenem Landhai.se seinen berühmtesten, in alle Sprachen übersetzten Nomau „Das Landhaus am Rhein" geschrieben hat. — In M y s l o w i tz wurde jüngst unter allgemeiner Betheiligung der Einwohnerschaft, der königlichen unb städtischem Behörden, der Rathsherr und Kaufmann M a x E i s n e r zur letten Ruhe geleitet. Der Verstorbene, der, erst 48 Jahre alt, plötzlich einem Herzschlage erlag, war viele Jahre hindurch einer der eifrigsten Mitglieder der Stadt- 1 verordneten-Versammlnng und zuletzt Mitglied des Magistrats, in welcher Eigenschaft er sich ganz besonders um die Stadt verdient gemacht hat. In Kassel veranstaltete am 20. September der dentsch soziale l a n t i sem i t i s ch e) W a h lve rei n ans Krauß' „Felsenkeller" eine große Versammlung, zu welcher als Redner der Reichstagsabgeordnete von; Liebermann und der Herausgeber der „Deutsch-sozialen Blätter" in Leipzig, Theod. Fritsch, erschienen waren. Den Vorsitz führte der! Antisemitenhäuptling Tr. Klung au§ Witten. Neue Früchte der > Friedenssaat des Hofpredigers: 1. In Neuwied wurden am 10. September zwei junge Männer ans Sayn von der Strafkammer zu je 4 Wochen Gefängnis; vernrtheilt, weil dieselbe;! ein Grabdenkmal auf dem jüdischen Kirchhofe ihrer Vaterstadt böswillig zertrümmerten. 2. Der Tagel öhner Heun von Klein-Steinheim (Hessen) empfiug den in einen Laden eintretendeu Handelsmann Abraham Faust mit den Worten: „Jud! jetzt zahl' ein Viertelchen Branntwein oder es geht Dir, wie dem Isaak Meyer." Auf diese Aufforderung verhalt sich Faust ruhig, Henn aber schlug dem Manne mehrmals ins Gesicht, und kurze Zeit darauf, als Faust abermals mit Waare beladen in dasselbe Geschäft kam und die Thür nicht hatte schließen können, stürzte Henn sich auf ihn, würgte ihn am Hals und schlug auf ihn los, so daß dieser an mehrereil Stellen blutete. Henn wurde dieserhalb, wegen Erpressuugsversnchs und wegen Körperverletzung zu 10 Wochen Gefängniß verurtheilt. Staatsanwalt Bost in Dnrmstadt hat in seinem Playdoyer den von dem Angeklagten bethätigten Klassenhaß gebührend gekennzeichnet. — Wie die meisten unterelsässischenSynagogen so hat auch das jüngst eiugeweihte jüdische Gotteshaus in Schlettstadt eine Orgel. — Am Versöhnungstage sind in vielen Gemeinden Oesterreichs die „15 Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" von den Kanzeln herab verlesen worden. — Der österreichische Kaiser hat dem Hof- und Gerichts-Advokaten Dr. Arnold Nappa Port, einem Enkel von Salomon Löb Rappaport, den Adelstand mit dem Ehrentitel „Edler" und dem Prädikate „Porada" verliehen. — Bei den Landtagswahlen in den niederöstereichischeu Landgemeinden haben die vereinigteil Antisemiten und Klerikalen, welche bisher über 13 Mandate verfügten, zwo f Mandate behauptet, vier gewonnen und ein Mandat verloren. — Der Abg. Sueß hielt in Leopold stadt eine glänzende Rede gegen die antisemitische Hetze. - In Jamnitz entstand am Neujahrsfeste während des Gottesdiensten auf der dichtbesetzten Frauengalerie ein panischer Schrecken dadurch, das; eine alte Frau plötzlich ohnmächtig wurde und ihre Nachbarin nack Wasser rief. Da man in den übrigen Räumen einen Feuerausbruch vermuthete, wurde der Tumult noch größer. Nachdem man aber von der Ursache Kenntniß erhielt, wurde die ohnmächtige Frau ills Freie gebracht, wo sie sich bald erholte, worauf die Andacht fortgesetzt wurde. - Wie aus T okay gemeldet wird, wird mit Rücksicht auf die von Baroil Hirsch gemachte großartige Spende für die Abgebrannten der größte Platz der neuerbauten Stadt die Bezeichnung „Baron Hirschplatz" führen. — Herr Eduard Stricker, Budapester Einwohner. Besitzer einer Tuchfabrik zu Gacs, feierte vor einigen Tagen die fünf' nndzwanzigste Jahreswende seiner Ehe. Diesen Tag verewigte er dadurch. daß er daselbst einen von ihm erbauten sehr hübschen Tempel der jüdischen Gemeinde schenkte. Die Einweihung des neuerbanten Tempels fand unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung und in Anwesenheit der hiesigen gräflichen Familie Forgach statt. Die Feier leitete Herr F. Rosenthal, Rabbiner aus Losoncz, ein, der in einer eloquent vorgetragenen ungarischen Rede die Will tigkeit und Bedeutung des Gotteshauses hervorhob und die Verdienste des Spenders würdigte. Nachdem noch der Redner ein inbrünstiges Gebet für das hohe Herrscher haus, für das Vaterland und dessen Regierung, für den Spender, für die Gemeinde und alle Anwesenden vorgetragen, wurde der Gottesdienst geschlossen. Später wurde das Jubelpaar in seiner Wohnung von Freunden und Verwandten begrüßt, worauf ein Festdiner stattfand. — In Holland erscheint seit Kurzem ein antisemitisches Organ. Dasselbe führt den Namen „De Talmud good“ und wird in Merseu (Provinz Limburg) in einer fast ausschließlich von Katholiken bewohnten Gegend herausgegeben. — Wie französische Blätter berichten, befand sich unter den Andächtigen des Tempels in der Rue de la Victoire in Paris am jüngsten Rosdi-haschana auch unser Berliner Glaubensgenosse Herr von Bleichröder. Derselbe wurde zur Thora aufgerufeu und dankte durch einige namhafte Spenden. — Die Großloge „Zion " in Bukarest hat auf Antrag ihres ersten Vicepräsidenten Dr. Beck beschlossen, behufs Uebersetzung der Grätz'schen Geschichte der Juden ins Rumänische eine Subvention von 500 Frcs. zu bewilligen. — In Wilna ist unser Glaubensgenosse Herr Isaak Segall als französischer Konsul vom Kaiser bestätigt. — Am 21. September ist unser verdienstvoller Glaubensgenosse Herr B. F. Pei xotto in New-Uork nach längerer Krankheit im Alter von 50 Jahren verschieden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.