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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-05 · Heft 34 (5.9.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 34 (5.9.1890)
Date
1890-09-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang. Ar. 34. Allgemeine Berlin, 5. September 1896. eitung öes Au-mlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson in Bonn. Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Was uns uotb khut. Von Emil Lehmann.— Tie wissenschaftliche Exegese in der jüdischen Theologie. Voll Dr. G. Deutsch.— Wissenschaft und Litteratur: Nathan der Weise. Von Pros. Tr. H. Steinrhal. — Der Sagenkreis des Königs Salomo. Voll Dr. Adolph Kol) nt. — Feuilleton: Sünder und Sünden. Voll Nathan Samuel y. — Litterarischc Mittl-eilnngen. Der Gemeindebote. Korrespondenrcn und Nachrichten: Berlin. Tharlottenburg. Insterburg. Gollub, Trier. Antoniknhütte, Wien. Corsu. — Von Nah und Fern. — Miscellen. Was uns noth thut. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. Eine jüngst durch die Zeitungen gegangene Mittheilung berichtet, ist die Zahl der Juden im deutschen Reiche im Abnchmen begriffen ei — nnd bezeichnet das als Folge, natürlich erfreuliche, der vielachen Nebertritte. Das niag den Antisemiten christlich-sozialer Richtig angenehm sein, denen der Menschennnd rassenfeindlichen Linie agegen weniger. Für uns Jude» geben — mögen jene statistische» Berichte auf Wahrheit beruhen oder nicht — die unleugbar heutatage sehr häufigen Jndentanfe» entschieden zu denken. Es sind acht die schlechtesten kreise, aus denen: die Schaar der Ucberläufcr leutzutage — und, fügen wir hinzu, heutzutage wieder — sich igünzt und bildet. Unsere Tage gemahnen an die vor beiläufig 'nein halben Jahrhundert und darüber; wie damals, so haben wir mch jetzt wiederum mit Betrübnis; wahrzunehmcii, das; gerade aus » Kreisen der durch Bildung, Wohlstand und Gesittung hervoragenden Glaubensgenossen, ja mitunter sogar aus de» Familien, i denen die Thcilnahme für jüdisches Wesen gepflegt wurde, Ueberuttc sich hänfen. Man denke an die Familie Mendelssohns, an den scharfsinnigen Kenner und Verfechter jüdischen Wesens ■ nd Rechts. Wenn nicht buchstäblich wahr, so ist doch wohl erfunden : u' Sage, daß, als einmal vor vielen Jahrzehnten in einem deutschen bergericht ein Rath die Sitzung verliest, der Vorsitzende seine ' iollcgen darauf aufmerksam inachte, das; sic nun allesammt Inden; X h. getaufte) seien. Sv hat man zu allen Zeiten, mehr oder : üuber zahlreich und fortdauernd, das Jndenthnm dcziniirt. Und r zeugt von seiner Lebenskraft und Tüchtigkeit, das; eS trotzdem, otz des Verlustes manch trefflicher Frucht, nie „verwaist" blieb, »wer wieder Blüthen und herrliche Früchte hervorbrachte. Aber >it dieser allgemeinen Betrachtung ist die Sache selbst nicht abgcthan. '"vis;, das Jndenthnm hangt in seinem Fortbestände nicht von der! reue ab, die einige Tausende ihm halten oder entziehen, es wird j nndestens so lange leben als seine Tochterrcligion. Aber wir sehen j doch gerade die Gebildeten mit Wehmuth ihm dm Rücken kehren. Um ihrer selbst willen und für uns. Was könnten sie als Juden sein und leisten! Wie könnten gerade sie die großen Aufgaben des Hudenthums fördern, an denen es zu allen Zeiten — mehr oder minder scharf, je nach dem äußeren Drucke — durch seine großen Meister, Schriftsteller und Lehrer, die alleinigen Träger und Pfleger seiner Fortbildung — von Jesajas und Hillel angefangen — arbeitete: Humanität, Bildung und Gesittung rings zu verbreiten! Man ist schnell mit dem Vorwürfe zur Hand, die Ueberläufer seien charakterlos. Run, die höchsten Ansprüche an den Mannesmuth mögen sie zumeist nicht erfüllt haben. Aber, wie wenige von uns Anderen genügen ihnen? Wie Vielen mangelte nur die Gelegenheit zur Nachfolge? Weit entfernt, das Uebertaufen von einer Religion zur anderen, vollends vom gesellschaftlich mehr oder minder schief bcnrtheilten Jndenthnm zum Ehristenthum beschönigen, rechtfertigen, entschuldigen zu wollen, muß ich doch feststellen, das; cs heutzutage in unseren Augen das Schimpfliche verloren hat, das man sonst in der „Schmadt" erblickte, theils weil die Anschauungen über das Christenthum — trotz entschiedenster Betonung seiner Gegensätze — zum Jndenthnm mildere geworden, theils weil die Judentansen in;u viel jüdische Familien cingedrungen sind, sonst vielfache verwandtschaftliche und oft innige Beziehungen zwischen Juden nnd getauften Juden heutzutage obwalten, die früher weniger denkbar waren. Gleichwohl stehe ich nicht an, scharf und entschieden zu betonen, daß das Ehristenthum auf Christus beruht, d. h. ans dem Glauben an einen göttlichen Christus, einen sogenannten Gottincnschen. Dies haben sich nun freisinnige Christen, je nach Geschmack und Bildungsgrad, symbolisirt und idealisirt, wie das ja jedem Christgeborenen frcisteht. Dagegen hatte ich den ans freien Stücken Ehristgewordenen für verpflichtet, ohne Symbotisiruiig und Jdealisirung das, was er eidlich angclobt, auch aufrichtig zu wollen und zu meinen. Und das ist die Klippe, an der meines Erachtens der Jude, wenn er kein Schwärmer ist, scheitern muß. Gegen die Jndentaufen haben Rießer und Geiger so Treffliches geschrieben, daß es überflüssig erscheint, etlvas hinzuzufügen, daß es vielmehr zu wünschen wäre, wenn die jüdische Presse jene klassischen Aussprüche unserer beiden größten Männer in dem Bereich der äußeren und inneren Reform des Judenthums zum Wiederabdruck brächte. Nur der aus den neuesten Erlebnissen neu hinzugekommenen Umstände sei hier gedacht. Es ist jetzt wieder die Zeit, in der jüdische Eltern ihre Kinder taufen lassen. Das hat schon Rießer scharf gegeißelt. Man kann es eher verstehen und begreifen, daß ein „streb-

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