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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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358 mäßig und als eine blos behördliche Plackerei zu betrachten, weil er ihren Anforderungen nicht genügte. Für sie war es gleichgiltig, daß der Schüler die Bedeutung eines Elia Levita würdigen lerne, hingegen wollten sie, daß er in der Lage sei, an dem öffentlichen Gottesdienst Theil zu nehmen, ohne zu bedenken, daß unsere Liturgie zu komplizirt ist, als daß der Schüler sie bei einem zweistündigen Unterricht in der Woche neben der Erreichung anderer Zwecke so vollständig in sich aufnehmen könne, daß er auch wissen müsie, was man am „Hoschana-Rabba" betet. Wenn nein auch diese und ähnliche Ansprüche ungerechtfertigte sind, so sind sie doch, auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt, gewiß nicht abzuweisen. Der Religionsunterricht ist obligat. Durch den Zwang, der darin liegt, daß der Schüler daran Theil nehmen muß, ist die Verpflichtung begründet, daß in demselben jenes Maß von Wissen geboten werde, welches der Knabe im Leben braucht. Demnach wird eine Uebung im Gebetbuche, soweit die Volksschule diesen Anforderungen nicht schon genügt, für die höhere Schule vorgeschrieben sein müssen, hingegen wird man völlig absehen von jenen Vermächtnissen einer anderen Zeit, welche durch den Unterricht den Schüler zu einem Gelehrten machten und daher mit Vorliebe für den Unterricht im Hebräischen solche Stellen der Bibel wählte, deren Werth mehr ein litterarischer und poetischer als ein religiöser ist. Dahin rechne ich auch das Lied der Debora, den größten Theil des Buches Hiob und der kleinen Propheten, selbst Stellen aus der Thora, wie den Segen Bileams; hingegen werden wir gerade gut thun, die Gesetze der Thora recht gründlich in der Schule durchzuarbeiten, um dem Schüler ein klares Bild von der sittlichen Gedankenhoheit der mosaischen Anschauung zu geben. Auch eine Stelle, wie das 26 Kap. des ersten Buches Samuel, enthält eine Fülle religiöser Wahrheiten, die in der schlichten Prosa dieses Buches ganz gewiß auf das Gemüth des Lesers wirken. Der Ausspruch: „Wer hat seine Hände ausgestreckt gegen den Gesalbten des Herrn und bliebe ungestraft", oder: „Gott vergilt einem Jeden seine Gerechtigkeit und seine Treue", solche Aussprüche werden den Unterricht in systematischer Religionslehre wesentlich ergänzen lind seine Erfolge befestigen. Am meisten aber wird inan die Psalmen und die Sprüche Salomos in dem Unterricht zu behandeln haben, die ersteren, weil sie die religiösen Lehren der Bibel am kräftigsteil und eindringlichsten vortragen, und weil sie in unserer Liturgie einen so hervorragenden Platz einnehmen, daß sie unter den praktischen Theilen der Bibel gewiß obenan zu nennen sind. Die Sprüche der Väter wieder bilden durch ihren präzisen Ausdruck sowie durch ihre anmuthige Form das beste Mittel, um, von ihnen ausgehend, die auf Gott gerichtete Lebensführung begreiflich zu machen. Auf Behandlung dieser Theile der Bibel sowie auf entsprechende Heranziehung des Gebetbliches wird der Unterricht nicht mehr verzichten dürfen. Er wird ebenso wenig darauf verzichten dürfen, diese oder ähnliche Theile der Bibel in hebräischer Sprache zu behandeln, weil er dem praktischen Bedürfnisse der Gemeinden, welche in ihrem Gottesdienste die hebräische Sprache als Bedürfniß anerkennen, entgegen kominen muß, und weil der Unterricht ebenso gut wie der Gottesdienst den traditionellen Anschauungen bis zu einer gewissen Grenze Rechnung tragen soll, und endlich, weil an der Hand des Urtextes dein Lehrer das Eingehen in den Gehalt der heiligen Schrift leichter wird und der Schüler die vorgetragenen Lehren besser erfassen kann, wenn sich daran eine andere Aufgabe für das Gedüchtniß knüpft. Die ausdrückliche Anführung der hebräischen Sprache in dem Umfange der für den Religionsunterricht nöthigen Disziplinen wird aber auch den renitenten Theil unseres Publikums, welcher immer eher dem Zwange des staatlichen Gesetzes als dem der Gemeindeorgane gehorcht, mit dieser unerläßlichen Nothwendigkeit versöhnen. Der jüdische Hellenismus. Von Prof. Dr. Carl Siegfried in Jena. (Schluß.) Die Zeitperiode, welche diese Litteratur umfaßt, beginnt mit der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts und reicht bis gegen das Ende des zweiten nachchristlichen. Das Ländergebiet derselben reicht so weit, als eben griechische Bildungseinflüsie auf das Judenthum einwirkten. Es ist daher irreleitend, dieses Schriftthum alexandrinisch zu nennen oder innerhalb desselben eine besondere alexandrinische Gruppe unterscheiden zu wollen. Natürlich war Alexandria, wie es der Hauptsitz jener bekannten Nachblüthe der griechischen Litteratur überhaupt geworden war, auch von hervorragender Bedeutung für den jüdischen Hellenismus, aber es klingt seltsam, wenn man auch die Wirkungen der von hier ausgehenden geistigen Einflüsse gewissermaßen auf diesen Ort zusainmendränge» will. Faßt man die jüdisch-hellenistische Litteratur im weiteren Sinne ins Auge, so begegnen rins als entschiedene Palästiner die ältesten Uebersetzer alttestamentlicher und apokryphischer Schriften: nämlich Ben Sira der Jüngere, ferner der Verfasser des sogenannten dritten Esrabuchs, welches zum größten Theile aus alttestamentlichen Abschnitten übersetzt ist, und der Verfasser des griechischen Esther buchs. Wir finden sodann Dichter, die in griechischer Sprache alttestamentliche Stoffe besingen, und zwar neben dem Judäer Philo dem Aelteren den Sainaritaner Theodotos (Fr. S. 99). Unter den Historikern haben wir die Aegypter Demetrios (Fr. S. 65) und Artapanos (Fr. S. 149 ff.), die Samaritaner Ps.-Enpolemo- (Fr. S. 91 ff.) und Malchos-Kleodemos (Fr. S. 130 ff.), endlick die Judäer Aristeas (Fr. S. 136 ff.), Ellpolemos (Fr. S. 126) und Josephus. Wollte man aber die philosophisch-allegorische Exegeß des Alten Testamentes für etwas ausschließlich alexandrinisches halten so finden wir dieselbe allerdings bei den Alexandrinern Aristobulos, Ps.-Aristeas und dem Hervorragendsten von Allen, Philo, aber sie begegnet uns doch auch beim Palästiner Josephus (s. m. Philo von Alexandria als Ausleger des A. T., 1875, S. 278 ff. und Fr. S. 218), bei dem Cilicier Paulus (s. m. Philo S. 304 ff.), bei dein Interpolator von Kap. 18, 8 im 4. Makkabäerbuch (s. m. Philo S. 22) und bei Ps.-Salomo, von dessen alexandrinischen Wohnsitz wir wenigstens nichts wissen. Das Erstlingswerk dieser Litteratur und zugleich die Grundlage alles Uebrigen war die griechische Bibelübersetzung der sogenannten Septuaginta. Diese bruchstückweise in den Synagogen entstandenen Dolmetschungen des Alten Testainents zeigen als die ersten tastenden Versuche, Jüdisches mit Griechischem zu verbinden, mannigfach die wechselweisen Einflüffe jüdischen und griechischen Geistes. So bedeutend auch der Einfluß gewesen sein mag, welchen Atexandrtzi hier ausübte, wie sich derselbe auch in den bekannten Sagen über den Vorgang der Uebersetzung bei Philo und Ps.-Aristeas zur Geltung bringt, so wird man doch gut thun, sich von der Meinung loszumachen, als sei hier blos gedolmetscht worden. Sicherlich sind griechische Paraphrasen des Pentateuch und anderer biblischer Stücke arich in anderen hellenistischen Städten versucht worden. Wie stark aber hier palästinische Halacha und Hagada auf die Uebersetzung eingewirkt haben, zeigt Frankel's gründliches Buch: „Ueber den Einfluß der palästinensischen Exegese auf die alexandrinische Hermeneutik' (Leipzig 1851). Was andererseits die griechischen Einflüsse betrifft so war es freilich ganz verfehlt, wenn Dähne und Gfrörer die bestimmte Form philonischer Philosopheme in die Septuaginta zurückträgen wollten (s. m. Philo S. 8); aber die Spuren griechischer Philosophie darin gänzlich abzuleugnen, hindert uns allein schon Genes.

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