Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 25 (4.7.1890)
- Date
- 1890-07-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 jungen Leute wurden festgenommen. — In Mustapha-Pascha, der Adrianopel, hat auch bei Gelegenheit des Osterfestes ein Versuch zur Aufwiegelung stattgefunden. Ein christliches Kind war verschwunden; alsbald wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten es geraubt und ihm sein Bült abgezogen. Die Eltern des Kindes klagten in ganz formeller Weise die Inden bei dem Muteßarif an und verlangten, daß Untersuchungen angestellt würden, um das Kind in den jüdischen Behausungen allfzufinden. Der Beamte referirte an den Vali von Adrianopel, der jede Untersuchung in jüdischen Häusern untersagte. Die Erregung legte sich von selbst, und das Kind wurde nach einiger Zeit gleichfalls aufgefundeu. * Caifa, im Juni. Es steht zu erwarten, daß das Projekt einer Eis enbn hn von Caifa nach Damaskus doch noch durch einen großherrlichen Firinall bestätigt wird; unsere Beiruter Konkurrenten, die sich schon viel haben kosten lassen, die Linie Beirut-Damaskus zu bekommen, sollen dazu jetzt keine Aussicht mehr haben, und in der That wäre die erstere Linie auch viel billiger und nützlicher. Man behauptet in neuester Zeit, daß das Pariser Haus Rothschild sowie Baroll v. Hirsch anfangen, sich für Eisenbahnen in Palästina und Syrien zu interessiren, und daß sie eine Allschlußbahn von Jaffa nach Caifa entschieden dem ungeheuer kostspieligen Bau eines ordentlichen Hafens bei Jaffa vorziehen. — Auf alle Fälle hat das oft verachtete kleine Caifa eine bedeutende Zukunft und ist die Zeit vielleicht nicht mehr gar so fern, wo das Dampfroß uns per Bahn zu den heiligen Festen nach Jerusalem führt und wir voll den Launen des Meeres und der Witterung unabhängig werden. Amerika. New-Uork, 12. Juni. Der korrespondirende Sekretär der Central- Konferenz, Dr. Philipson. hat die Einladung zur nächsten Versammlung an die Mitglieder erlassen. Die Versammlung findet statt in Cleveland und wird am J3. Juli, 8 Uhr Abends, in der von Dr. Hahn bestimmten Halle oder im Tempel eröffnet werden. In der Einladung wird erwähnt, daß die Konferenz bereits 85 Mitglieder zählt, das ist ungefähr die zwei- oder dreifach größte Anzahl von Mitgliedern, die hier zu Lande eine rabbinische Versammlung je aufzuweisen hatte. Wenn alle Mitglieder in dieser ersten Koilferenz erscheinen, wird sie an Zahl die größte ihrer Art sein. U Von Nah und Fern. Die der jüdischen Gemeinde zu Berlin zugefallene Erbschaft des Herrn Dr. Ephraim beträgt nach Abzug der Legate noch über eine Million Mark. — Einen Beweis seltener Pflichttreue im Amte gab der Stadtverordnete Moses noch in den letzten Tagen seines Lebens. Als nämlich an ihm die letzte verhängnißvolle Operation vollzogen werden sollte, stellte er das Verlangen, man möge die Operation noch zwei Tage verschieben, weil er einer wichtigen Berathung im Rathhause beiwohnen wolle. — Am 30. Juni fand im Hotel König von Portugal eine Mitgliederversammlung des Vereins ehemaliger Zöglinge der Jüdischen Lehrer-Bildungs-Anstalt zu Berlin statt. Den Vortrag des Abends hielt Seminardirektor Dr. Holzmann: „Zur Geschichte des jüdischen Schulwesens in Berlin". — Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Bromberg, Herr Banquier Louis Aronsohn ist zum Stadtrath gewählt worden. — Der Kultusminister hat für den israelitischen Religionsunterricht am Gymnasium inRatibor eine größere Remuneration bewilligt, ein bei der Strömung des Tages immerhin bemerkenswerthes Zugeständniß. — In Breslau feierte am 17. Juni der Orientalist Eduard Magnus feinen achtzigsten Geburtstag. Der Jubilar ist einer der ältesten Universitätslehrer für orientalische Sprachen in Deutschland. — Als der Bischof von Fulda, Herr Dr. Joseph Weyland, der jüngst in Marburg, dem Wahlkreise Böckels, weilte, hat er wiederholentlich von dem Frieden, der zwischen den verschiedenen Konfessionen herrschen müsse, gesprochen. In der Predigt soll er u. A. darauf hingewiesen haben, daß wir alle einen Vater haben, beim Kommers hat er u. A. die Worte gebraucht: „Der wahre Katholizismus verbiete jede Hetze". — Die Herren Leopold Sinzheimer und Ludwig Josef Pfungst zu Worms haben durch die Schenkung von Mark 5000. — an das israelitische Waisenhaus in Dinslaken am Niederrhem zwei Freistellen für arme israeletische Waisen daselbst errichtet. — In Gersheim (Rheinpfalz) fand am 13. und 14. Juni die feierliche Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. Der Bau, eine Zierde des ganzen Ortes und nach religiösen Vorschriften ausgeführt und eingerichtet, macht einen überaus freundlichen Eindruck. — Bei der vor kurzer Zeit in Karlsruhe stattgehabten Neuwahl in den Stadtrath wurde Herr Banquier Fritz Homburger, unser Glaubensgenosse, an Stelle des wegen vorgerückten Alters ansgeschiedenen Herrn Oberraths Ad. Bielefeld, gewählt. — Herr Richard Burger, Sohn des berühmten Wiener Ohrenarztes, einer der talentirtesten Opernsänger der Wiener Schule, wurde für das Lübecker Opernhaus engagirt. — Die Testaments-Exekutoren des in Hamburg verstorbenen Herrn I. I. Jaffa überwiesen die Summe von Mk. 6000 dem Paulinen-Stift (isr. Mädchen-Waisen-Anstalt). Ferner erhielten vom verstorbenen Herrn Jos. Daniel Koch Mk. 3000 das Altenhaus der Deutsch-Jsrael-Ge mein.de; ferner: Miethe-Hilfs-Verein, Unterstützungs-Verein von 182'?, Panlinen-Stift, Talmud-Thora-Schule, Pensionsfond für die isr. Töchterschule, Israel. Feuerungs-Verein von 1855, Verein der jungen israej. Armenfreunde zur Vertheilung von Brod und Suppe, Deutsch-Israel, Waisen-Jnstitut, Israel. Verein zur Unterstützung armer Wittwen und betagter Jungfrauen, Verein zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten, Israel. Versorgungsverein von 1827, Israel. Verein 3ttr Unterstützung armer Greise je Mk. 500. — Bei Eröffnung der neuen Gewerbehalle in Straßburg (Elsaß) hielt der Präsident des Gewerbevereins, Malermeister Herbst, eine Rede, in welcher er unter Anderem Folgendes sagte: „Wir sind hier einmüthig, ohne Rassen- und Klassenunterschied, ohne jede Parteigängerei zusammengetreten, Ali- Elsässer wie auch Eingewanderte fast in gleicher Zahl, und wir haben hier gezeigt, daß da, wo es die Interessen des Handwerkerstandes gilt, alle Parteiunterschiede schwinden müssen und wir Alle einig sein wollen. Wir Handwerker brauchen keine politischen Standpunkte oder Parteistellungen, wir sind gern zufrieden, wenn die Geschäfte gut gehen und wir unser bescheidenes Auskommen haben; dazu brauchen wir auch Ruhe und Frieden nach außen wie nach innen." — In Karlsbad ist gegenwärtig die vielleicht interessanteste, gewiß aber angestaunteste Persönlichkeit Se. königliche Hoheit Prinz Abu-Bakir Sultan von Jahora. Sein Freund, Herr Katz, ist ein Frankfurter Jude. Sultan Abu-Bakir ist einer der fleißigsten Besucher des israelitischen Gotteshauses. — Ein recht hochbetagtes Brautpaar wurde am 17. d. M. in Borislaw getraut: der Bräutigam Hirsch Zuckerberg ist 102, die Braut 72 Jahre alt. — Einer Meldung der „Polit. Korresp." zufolge haben die Maßregeln der russischen Behörden in den westlichen Gouvernements gegen die Juden eine wesentliche Verschärfung erfahren; es finden zahlreiche Ausweisungen statt, wobei selbst die Bestimmungen des zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland 1880 geschlossenen Uebereinkommens betreffend die Ausweisung subsistenzloser Individuen nicht genau eingehalten werden, so daß den österreichischen Grenzbehörden in vielen Fällen zu Anständen Anlaß gegeben wird. — Die größtentheils von Juden bewohnte Stadt Nowo-Grudock ist von einer furchtbaren Brandkatastrophe heimgesucht worden. 700 Häuser, zwei Synagogen, das Beth-Hamidrasch sind eingeäschert, Tausende von Menschen brod- und obdachlos. — In Braila erscheint seit Kurzem eine von zwei Rumänen herausgegebene rumänische Monatsschrift, die für die Rechte der Juden warm eintritt. Mögen unsere Glaubens genossen dieselbe durch Abonnements stützen und für ihre Verbreitung thätig sein. — Nach erfolgter Bestätigung durch die Regierung hat die Einführung des neu erwählten Oberrabbiners von Rom, Professors Moise Ehrenreich, unter großer Feierlichkeit am 24. Mai stattgefunden. — Das Programm der fünfzehnten jährlichen Prüfung im Hebrew Union College ist erschienen und vertheilt worden. Die Prüfung in einzelnen Fächern! hat bereits begonnen, die Hauptprüfung in Gegenwart der ganzen Fakultät, Mitglieder des Kuratoriums und der eingeladenen Gäste beginnt am 22. d. M. 9Va Uhr Morgens und schließt am Freitag 7l/2 Uhr Abeüds im Bene Israel Tempel mit Schlußfeier und Ertheilung des Rabbinatsdiplomes an die Abiturienten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. >