Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 24 (27.6.1890)
- Date
- 1890-06-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 übgeschnitteu. Die Einwohnerschaft, die zum allergrößten Theile aus Arabern und etwa 200 jüdischen Familien besteht, unterhält sehr wenige Verbindungen mit dem Auslande. Das ganze Geschäft der Israeliten besteht im Verkehr mit den Arabern. Biele von ihnen besuchen zu diesem Zwecke die benachbarten Dörfer, Andere halten Läden, um den Arabern Waaren zu verkaufen; auch die Handwerker finden zumeist Beschäftigung bei den Arabern. Es ist also klar, daß sowohl die Aschkenasim als die Sephardim das Arabische viel mehr gebrauchen, als unsere Brüder in Jerusalem, die meist unter einander oder mit dem Auslande handeln, da die Anzahl der Israeliten in Jerusalem die der Araber bei weitem übersteigt. Aber damit die Israeliten in Hebron eine geachtete, ja ich muß sagen eine sichere Lebensstellung einnehmen, müssen sie Arabisch lesen und schreiben lernen. Sie haben dies in ihrem täglichen Verkehr mit den Arabern durchaus nöthig. weshalb sich die Einsichtigen unter ihnen mit der Bitte um Anstellung eines arabischen Lehrers an beit Verein „Lernaan Zion" gewendet. Die Israeliten in Hebron können auch, wenn sie des Arabischen kundig, staatliche Anstellung in der Verwaltung erlangen, denn in Hebron giebt es nur Muselmänner und Juden. Der Fanatismus der Eingeborenen gestattet den Christen nicht, sich daselbst niederzulassen. Es giebt dort nur einen Israeliten, der des Arabischen vollkommen mächtig ist, und dies ist der vom Verein „Lenraan Zion" angestellte Lehrer. Dieser Herr ist zugleich Mitglied des Gerichtshofes, der von Seiten der jüdischen Gemeinde vorgeschlagen war. Als er im Winter eine Zeit lang krank war, handelte es sich bereits sehr ernstlich darum, an seiner Stelle für immer einen Mohammedaner anzustellen, weil sich kein Jude fand, der des Arabischen mächtig war. Es gelang der jüdischen Gemeinde nur nach sehr vielen Anstrengungen, diesen Anschlag zu vereiteln. Der Verein „Lemaan Zion" hat also ein sehr edles Werk gethan, indem er es den jüdischen Kindern ermöglicht, sich die arabische Sprache ohne Kosten anzueignen, und alle diejenigen, die an einer gedeihlichen Entwicklung ihrer Brüder im heiligen Laude warmen Antheil nehmen, müssen ihnen dafür höchst dankbar sein. Es ist nur zu bedauern, daß die Anzahl der Schüler so gering ist. A'icht daß es au Kindern fehlte, welche an diesem Unterricht theiluehmen möchten, aber der Lehrer hat mit Zustimmung des Herrn Adelmann eine große Anzahl der Angemeldeten zurückgewiesen, weil er der Meinung ist, daß es besser sei, die geringe Anzahl schnell und energisch zu fördern, die bereits die Vorkenntnisse besitzt, um sich das Arabische in kurzer Zeit anzueignen; denn es ist von größter Wichtigkeit für die Gemeinde Hebron, daß sich nicht wieder Aehnliches ereigne, wie es diesen Winter stattgefunden hat. — Diese jungen Leute werden alsbald nach ihrer Ausbildung gute Gelegenheit finden, ihre Kenntnisse zu vernverthen. Vielleicht läßt sich auch noch ein Mittel finden, auch die anderen nach dem Unterricht im Arabischen begierigen Kinder dieser Wohlthat theilhaft werden zu lassen. Von Nah und Fern. Am Sonntag den 29. Juni findet eine Sitzung der Repräsentanten- V e r s a m m l n n g der jüdischen Gemeinde statt. — Die Miethen an S yn a zogen st äu den der drei Berliner Hauptsynagogen betrugen im Jahre 1889,90 56,461 M., der Verkauf von Erbbegräbnissen brachte 59,100 M., an Steuern der Gemeindemitglieder wurden 640,000 M. vereinnahmt. Herr Matthias Moses, einer der Chefs der früheren Firma Moses u. Baschwitz, der aber seit Jahren vom Geschäft zurückgezogen, wesentlich der Thätigkeit für kommunale Interessen lebte - er war langjähriges Mitglied der Berliner Stadtx verordneten-Versammlung —, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Durch eifrige Thätigkeit und regen Pflichteifer ausgezeichnet, hiuterläßt der Verstorbene in weiten Kreisen ein ehrendes Andenken. — Am Montag, den 23., fand auf Einladung des B eth-I a cob-Vereins eine Versammlung jüdischer Bewohner der Rosenthaler Vorstadt behufs Besprechung der Errichtung einer Synagoge und Religionsschule statt. — Als Organ der Sterbekasse Esrali lmzarah erscheint vom 1. Juli ab ein neues israelitisches Blatt, die „Fam ilien - Zeitung". Das Blatt nennt sich stolz „Alleiniges populär-belletristisches Wochenblatt der Israeliten". Als Herausgeber und Redakteur zeichnet der Kantor Herr- Simon Dubowsky. — In Moschin fand am 3. Juni die Einweihung d er n e u e rb aut e n Synagoge statt. Der Feierlichkeit, welcher die städtischen Behörden beiwohnten, wurde durch die Festrede des Rabbiners Dr. Bloch aus Posen und durch Gesänge des Kantors Danischewski besondere Weihe verliehen. — Einen schmerzlichen Verlust hat die Kölner Synagogen-Gemeinde erlitten. Nach längerer Krankheit starb am 19. Juni Herr Philipp Fleck im Alter von 69 Jahren. Der Verstorbene gehörte seit dem 1. Januar 1877 dem Vorstande der Gemeinde an und war stellvertretender Vorsitzender desselben. Außerdem war er langjähriges Mitglied des israelitischen Unterstützung^ Vereins und anderer gemeinnütziger Anstalten. —- Die Gemeind? Biebrich hat ein an den christlichen Friedhof angrenzendes Terrain unentgeltlich zur Anlegung eines israelitischen Friedhofs überlassen. Herr Dr. Sigmund Feist, bisher am Mainzer Gymnasium thätin,, ist vom hessischen Ministerium zum Reallehrer in Bingen a. Rh. ernannt worden. Es ist dies der erste Fall, daß ein Israelit in Hessen ein Amt an einer höheren Schule erhält und ein Beweis für die Libe ralität und das Entgegenkommen der hessischen Negierung gegenüber unseren Glaubensgenossen. -- Herr John War bürg, Mitinhaber der Firma R. D. Marburg u. Co. in Hamburg, der sich seit einigen Wochen mit seiner Frau in der Schweiz aufhielt, ist in der vorigen Woche beim - Besteigen des Birkenstocks hinunter gestürzt und hat hierbei seinen Ton ^Munden. Der Verstorbene war 82 Jahre alt. — In Saargemünd starb am 26. Mai der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Lion Grumbach, ein Mann, der es in seltener Weise verstanden hat, di? Achtung seiner Mitbürger aller Konfessionen zu erringen. Die Nach richt von der Wahl des Großrabbiners Weil-Metz zum Ober rabbiner von Straßburg ist, wie man uns aus Straßbnrg schreibt, zmu Mindesten verfrüht. Vielmehr hat Herr Weil nur 3 von 6 Stimmen erhalten, während die anderen drei Stimmen auf den Rabbiner Uri von Brumath sielen. Die Entscheidung liegt nun bei der Negierung. - Die medizinische Fakultät der^Iniversität Wien hat Professor Dr Zuckerkaudl zum Dekau gewählt. Diest Auszeichnung fällt dem aus gezeichneten Anatomeil in so jungen Jahren zu, daß er doppelt ft ob auf dieselbe sein darf. — Wie ein Wiener antisemitisches Blatt melde! ist der geplante „große" Autisemitentag, welcher am 21. d. hier statt finden hätte sollen, „aus eine spätere günstigere Zeit verschoben worden' — Die in Prag erscheinende „Israelitische Gemeindezeitung geht mit dem 1. Jilli aus dem Verlag des israelitischen Lehrervereiu? in den des bisherigen Redakteurs, des Buchhändlers Jacob B. Brandei) über. — Hand in Hand mit der Zunahme des Antisemitismus auf dem flachen Lande in Rieder-Oesterreich wächst in erschreckender Weis? die Verrohung und die Brutalität, und die Schwurgerichte ver handelll über Verbrechen der scheußlichsten Art, welche somit kräftig Zeugnisse bilden für die veredelnden Wirkungen der antisemitischen Heilslehre. In der Korneuburger Schwurgerichtsperiode, welche am 2. Julli l. I. beganll und am 14. Juni l. I. endigte, wurden 16 schwer? Verbrechen behandelt. Unter beit Angeklagten befand sich auch Ein Jude, obwohl hunderte Familien israelitischer Konfession in dem weite» Korneuburger Gerichtssprengel wohnen. — Die Einnahmen, welche di? Anglo-Jewish Association bei Gelegenheit ihres Diners am 13 Mai hatte, beliefen sich auf über 1429 Pfund, also nahezu 29,000 Mt. Uuter den Spendern finden sich Sir Julian Goldschmidt mit 200 Pfund. N. M. Rothschild und Söhne mit 200 Pfund und Mrs. N. Montefior? mit 100 Pfund. — Die Königin von England hat dem Baron Ferdinand von Rothschild zum Andenken an ihren Besuch auf feinem Landsitz ihre Büste verehrt. — Der Großfürst Nikolaus von Rußland (Onkel des regierenden Kaisers) speiste bei seiner jüngsten Anwesenheit bei dem General Lambert, der bekanntlich Israelit ist. — $uT der jüngsten Ausstellung in Paris erhielt der Maler Gustav L e vy di? Medaille erster Klasse. Durch ehrenvolle Erwähnung wurden die Herren Dennery, Paul Gomez tutb andere Glaubensgenossen ausgezeichnet. — Das französische Ceu 1 ral - Ko11sistorium erläßt einen Aufruf zu? Sammlung von Beiträgen für ein Grabmonument, welches dem verstorbenen Oberrabbiner Isidor errichten werden soll. — In Constantin? (Algier) brach am 12. Juni eine Feuersbrunst im Hause des Ober rabbiners aus. Die Feuerwehr konstatirte, daß der Brand an zehn verschiedenen Stellen angelegt war. Man fürchtet, daß dies der Au fang zu weiteren Vexatiouen der algerischen Juden ist. — 114 jüdisch? Emigranten wurden, wie ein Telegramm aus New-Aork berichtet, diese Woche wegen Mittellosigkeit nach Hamburg zurückgeschickt. (5rW^ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.